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Klingsors Letzter

Archive for Oktober, 2005

Die Fragen des späten Abends

Warum stehe ich oft seufzend am Fenster und hoffe auf einen Blick, den es nicht geben wird?
Warum muss man erst loslassen, um festhalten zu können?
Warum ist es nie einfach?
Warum atmet der vergorene Orangensaft, wenn ich ihn in den Abfluss schütte, so als würde er ersticken?

Endlose Worte

Da ich wirklich Probleme mit dem Ende der Einträge habe (ich gebe mir leider auch keine besondere Mühe dabei), hier nur ersteinmal ein kleiner Zwischeneintrag, bis ich wieder etwas klarer denken kann. Es sind lediglich zwei Worte, die mir heute in den Sinn gekommen sind und die zum deutschen Sprachschatz eigentlich dazugehören sollten: Der Kopfwurm (das mentale Äquivalent des Ohrwurms) und das Emogramm (als Ausdruck der emotionalen Tages-Verfasstheit).

Soziale Phänomene neu entdecken: Der Abschied

Finden sie es auch bedauerlich, dass sich viele Freunde einfach emotionslos in den Alltag verabschieden. Ein einfaches Tschüss, mehr nicht. Und dabei ist unklar, ob man sich überhaupt wiedersieht. Aber jetzt wird Vergänglichkeit mittels einfachster Konditionierung fühlbar: Ein regelmäßiger und gezielter Tritt gegen das Schienenbein kann den Schmerz mit der Verabschiedung koppeln. Einmal kurz den Freund in den Schwitzkasten und schon wird Atemnot mit ihrem Abschied verbunden.

Ideen für Deutschland (Test für Letzte Seite)

Die Deutschen leben zu enthaltsam. Sie sind die Asketen Europas. Statt zu shoppen schauen sie nur noch. Das Geld sitzt fest. Es sind nur noch Stand auf dem Konto, es fließt nicht mehr.
Die Deutschen kaufen nichts mehr und wenn doch – dann das Falsche.
Deshalb schlägt das Institut für Soziale Marktwirtschaft in Anlehnung an den Bertelsmann-Club ein neues Konzept für Deutschland vor: Mitglied im Deutschland-Club (ehemals: deutscher Staatsbürger) ist nur, wer alle drei Monate aus dem Konsumkatalog bestellt. Der Katalog wird kostenlos an alle Haushalte verteilt und enthält Luxus-Artikel ausgewählter rein deutscher Produzenten. Die Mitgliedschaft wird je nach Konsum abgestuft: Von der priveligierten Mitgliedschaft (Sozialfälle) bis zum Goldmembership. Für die Anwerbung von neuen Mitgliedern (ehemals: Immigranten, Kinder) wird zudem eine besondere Prämie gewährt: Ein zusätzlicher Renteneuro/eine Hängematte/eine Anstecknadel/ein Urlaub in Florida/ein halber Altersheimplatz.
Beim letzten konnte ich mich noch nicht so recht entscheiden. Kann ja mal jemand einen Kommentar abgeben.

Das Leben. Eine Erkältung

Nun denn, es ist vollbracht: Die 25 sind erreicht. Ich habe schonmal vorsichtshalber gleich eine Vitamintablette genommen. Zudem habe ich mir als eigenes Geburtstagsgeschenk die Einsicht gegeben, dass ich den Imponierstapel mit “Zeit” und “Economist” nicht mehr brauche. Mit 25 brauche ich andere neue Wege mein intellektuelles Wunschdenken in meinem Zimmer zu symbolisieren. Vielleicht besorge ich mir ja eine Töpferscheibe oder ich lege einfach “Das Sein und das Nichts” von Sartre aufgeklappt auf meinen Nachttisch. Zuvor muss ich natürlich einige Unterstreichungen auf den Seiten davor vornehmen. Ich könnte auch die Nacht durchmachen und alle meine Bücher so präparieren. Das wäre wohl eine treffende Vorausschau auf die nächsten 25 Jahre.
Kommen jetzt nicht die Jahre des Darbens, des Arbeitens. Vielleicht ist das Leben ja wie eine Erkältung. Meine Mutter pflegte immer zu sagen: 3 Tage kommt sie, 3 Tage bleibt sie, 3 Tage geht sie. Nun denn, ich bin bis zur 25 gekommen, jetzt beginne ich wohl zu bleiben.

Werter Herr Thornthrop

dieser Blog ist jugendfrei. Meine 5-jährige Tochter liest diese Zeilen ebenso wie die Schulklasse von Gerhard Schröders Adoptivtochter Victoria (in ihrem Schulprojekt „Blog rocks“). Ich bitte sie daher, solche Einträge in Zukunft um des lieben Netz-Friedens willen zu unterlassen. Nicht umsonst habe ich das Prädikat des Jenaer Schul-Blog-Amtes „Friedlich in gutem deutsch geschriebenes Psychogramm, das einlädt, den Verfasser kennenzulernen, wenn du schon über 18 bist“ bekommen. Falls sie sich weiterhin nicht daran halten sollten, baue ich einen sogenannten Hilter-Filter ein, der an der Tastatur, an der sie sitzen, bei jedem Wort je nach Fäkalgrad Stromstöße in angemessener Stärke abgibt. Ich arbeite auch damit: Der Hund hat einen langen Schwantsssssssssss

Viel bewegen. Mitglied werden.

Ich habe gerade eine andere Seite der seriösen Regierungspartei entdeckt.
Dazu folgende Unterhaltung:
A:
“Forschung und Bildung sind Schleimscheißen für den Erfolg”
Sachsens Ministerpräsident Georg “Hurensohn” Milbradt hat sich für den Abbau von Bürokratie unter einer neuen Regierung ausgesprochen. “Die “Dunkelbumser” Regierung muss kürzere Genehmigungsverfahren beschließen”, sagte Milbradt der Säschwanzsaugen Zeitung (Freitagsausgabe).
B:
und wo ist der Text jetzt modifiziert?
A:
Gute Frage, deshalb schicke ich ihn dir ja.
B:
ich denke es war die Donnerstagsausgabe und nicht die vom freitag

Festgehaltene Abwesenheit.

blitzer
Festgehaltene Abwesenheit.

Charakterliche Entgleisungen

Manchmal drehen einem Freunde einen Strick aus kleinsten Situationen. Das interessante daran ist, dass sie eine kleine Szene aus dem endlosen Alltag, aus der Gefühlskakaphonie der 24 Stunden herausgreifen und daraus eine allgemeine Entwicklung ableiten. Eine gute Freundin tat dies immer, wenn wir uns trafen und ich nicht gleich hellauf begeistert war, sondern noch immer in der neutralen Alltagsmine verharrte. Sie sagte dann: “Immer wenn ich dich treffe, bist du schlecht drauf.”
“Wie geht’s dir?” ist auch eine Anfrage, die dem Dasein widerspricht. Den ganzen Tag lang IST man in irgendwelchen Zuständen, ohne dass es wichtig wäre, diese vor sich selbst zu benennen (außer man konstatiert eine Meta-Entwicklung: “Ach habe ich heute wieder ein Pech” oder “Mir gelingt ja alles heute”). Kommt nun aber die Frage nach dem Zustand, kann man diesen oft gar nicht so korrekt abbilden, wie es nötig wäre, weil man selbst ja dieser Zustand ist und erst einmal auf sich selbst herabblicken muss, um eine Wortentsprechung zu finden. Dies und der Fakt, dass man am Anfang eines Gesprächs niemals eine angemessene seelische Tiefe erreicht, sorgen dafür, dass bei dieser Frage nur das verwaschene “Gut” zustande kommt oder eine leicht negative Schattierung mit “Geht so” gezeichnet wird.
Genauso wie beim “Wie geht’s?” lediglich ein Moment des ganzen Tages gespiegelt wird, entspricht eine kleine Situation, in der man sich unerwartet verhält, nicht dem neuen Naturell eines Menschen. Es gibt Menschen, die konstruieren daraus ganze Persönlichkeitsmuster. Sicherlich kündigen sich diese Charakterwandlungen zwangsläufig in kleinen Erlebnissen an. Allerdings muss dabei wie immer auch die Situation des anderen betrachtet werden: Nur weil man selbst den Anderen so nicht erwartet, neigt man dazu dessen Verhalten durch eine negative Entwicklung (es passiert nur bei negativem Überraschungen) zu erklären. Die Situationsumstände vernachläsigt man dabei geflissentlich, andere Erklärungsmöglichkeiten werden zugunsten des Schlechten und Einfachen ausgeblendet. Hat man dann einmal ein Urteil oder die Idee einer Entwicklung dann betrachtet man das Verhalten des anderen oft in diesem Licht. Man hat nur dieses eine Erklärungsgleis und sieht in vielen Aussagen einfach Stationen für die unerwünschte Charakteränderung. Andere Deutungen gehen umso schneller verloren. Das geht solange bis es irgendwann herausplatzt, weil derjenige ja dem auch entgegensteuern und dem anderen helfen will. Für den Betroffenen wirkt das meist verwunderlich, weil die Reaktionen in den Situationen so verschieden waren und immer anders begründet waren. Eine konstante Entwicklung liegt dem meist nicht zu Grunde. Wir Menschen ändern uns ja sehr selten und wenn auch nur langsam.

Werbekampagne “Merkel”

Nach reiflichen Überlegungen und den getrockneten Tränen letzter Nacht bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Angela Merkel das Beste ist was Deutschland passieren kann. Endlich mal eine Führungspersönlichkeit die all das, was Deutschland ausmacht, in ihrem Gesicht und ihrem Handeln vereint. Stärker heruntergezogene Mundwinkel haben selbst alte osteuropäische Fischfabriksarbeiterinnen nicht. So spiegelt sie zum einen den deutschen Politikbetrieb im Besonderen (schlimmer als in einer Fischfabrik), und das deutsche negative Gemüt im Allgemeinen. Vor den Großen (Bush) duckmäusert sie und für die eigene Macht kartet sie nach unten.
Warum aber ist das nun gut für Deutschland? Ganz offensichtlich wird sich diese Bespiegelung und Präsentation positiv auf die Gemütslage der Deutschen auswirken. Sie werden Reaktanz entwickeln und denken, so sind wir doch gar nicht, wir lachen doch auch manchmal. Angela Merkel als Kanzlerin ist eine auf vier Jahre lang angelegte Werbekampagne unter dem Motto “Sie ist nicht Deutschland - Du bist Deutschland”.

Lianenpark

Ich habe nun endgültig rausgefunden, was ich mal machen werde. Immer schon schwankte ich und wollte für die Deutschen neue Ideen verwirklichen. Das ging über die Drive-In-Joghurtbar über die Crepebar in Jena, den Obi-Sanitäranlagen-Anordner oder -dekorateur, den Abschlepservice mit einem tollen alten Magirus-Deutz-Truck, den ich zufälligerweise bei Ebay entdeckt habe (http://cgi.ebay.de/ws/eBayISAPI.dll?ViewItem&item=4572739124&rd= 1&sspagename=STRK%3AMEWA%3AIT&rd=1 (Wichtig: Leerzeichen entfernen)), aber aus momentanen Geldsorgen nicht ersteigern konnte. Die realste der Ideen war noch einen 24-Stunden-Lebensmittelshop aufzumachen, hatte ich mal in Dresden gesehen und sah recht schick aus, war eine Mischung aus Tante-Emma-Laden und dem typischen filmvermittelten amerikanischen Lebensmittelladen.
Aber nun die neue Idee. Ein Kletterpark mit allem was man da so braucht: Zunächst Seile zum Drüberbalancieren, die typischen Kletterstrecken mit Griffen und so, Hängebrücken, Höhlen und am wichtigsten Lianen. Das einzige Problem mit den Lianen ist, dass es immer wieder Trottel gibt, die damit nicht umgehen können werden und gegen die Felsen krachen werden. Dummerweise leben wir ja in Deutschland, da wird man zwar nicht sofort wie in den USA verklagt, aber es gibt bestimmt eine Lianennorm und bestimmte Härtegrade der Felsen ringsherum. Daher die Lösung: Ich eröffne das Kletterparadies in Tschechien, aber mache immer Kletterwerbung in Dresden und Jena, indem ich mich im Großstadtdschungel (beschissenes Bild und Wort) von Liane zu Liane hangele. Die Liane wird dann an einem Hubschrauber hängen, auch wenn dann wieder einige ankommen und nörgeln werden, das sei doch gar keine Liane mehr, das wäre nur ein Seil an einem Hubschrauber - Ich sage es jetzt schon einmal: Das wird mir nichts ausmachen, es kommt bei meinen Lianen aufs Schwingen drauf an. Und meine Lianen schwingen am längsten und ausdauerndsten. Sie sind auch viel griffiger als zum Beispiel Feuerwehr- und Turnunterricht-Kletterstangen oder Seemannsseile.
Ich suche auch noch überzeugte Mitstreiter, die gemeinsam sich an die Frauenkirche schwingen wollen oder über die Elbe oder über Jena (ist schwierig den richtigen Winkel zu wählen, muss knapp am Turm vorbeigehen, Jena ist nicht die ideale Lianenstadt, das Tal müsste tiefer sein.) Für alle die sich jetzt noch nicht trauen, ich werde die Stelle auch übers Arbeitsamt ausschreiben lassen. So kriege ich euch auf jeden Fall, ihr Akademiker.

Wald im Arsch

Ein wichtiger Ausdruck, den jeder beherrschen sollte, ist “einen Stock im Arsch haben”. Merkwürdigerweise kannte diesen Spruch gestern, als ich rumfragte niemand außer mir. Daher hier die Erklärung und Erweiterung. Stock im Arsch steht logischerweise für mental und physisch verstockt. Die logische Steigerung ist der “Wald im Arsch”.

Last night

Es gibt Abende, da häufen sich die merkwürdigen Erlebnisse und fügen sich zu einer Kette der Skurrilitäten zusammen. Normalerweise würde ich hier keinen Abend beschreiben, aber da dieser gestrige so anders war, mache ich es doch einmal.
Es war kein Rendezvous – unter diesem Stern stand es. Wir wollten uns einfach mal so treffen. Dumm nur, dass ich ihre Einladung erst zu spät lese und somit die Ska-Band in der Rose schon aufgehört hat. Zugegebenermaßen bin ich kein großer Ska-Fan, aber letztendlich hatte ich mich durchgerungen und wollte es mir mal anschauen. Die Rose jedenfalls war um 1 Uhr schon leer. Sie war noch da und die Band. Wir unterhalten uns ein Weilchen, ich versuche mit dem Saxofonisten auf Französisch zu reden und ihnen zu entlocken, ob sie CDs verkaufen. Es endet Englisch. So weit so gut. Wir sind im Gehen begriffen, ich verschwinde kurz wohin. Als ich wiederkomme hat sie zwei Mitglieder der Band an der Backe. Zunächst sehe ich das nicht so und freue mich über einen kurzen Smalltalk. Leider verpassen wir (besser sie) den Punkt zu gehen, ich bleibe gezwungenermaßen länger. Wir gehen in den Bandraum der Rose und lernen alle kennen. Sie wollen noch irgendwohin gehen und sind sehr unterschiedlich. Der Saxofonist, der schon recht nett aussah, fängt eine intimere Unterhaltung mit ihr an. Ich fühle mich fehl am Platze, die Situation wird aufgelöst, da alle gehen wollen. Vorm Johannistor dieselbe Situation. Doch diesmal gehen alle anderen Bandmitglieder ins Bett bis auf den Saxofonisten, der bei uns stehen bleibt. Unverhohlen flirtet er und will sie mit ins Titty Twister oder ins Hotel nehmen. Alibihalber sagt er immer, er nimmt mich auch mit. Er wird mich innerlich gehasst haben, dafür, dass ich die ganze Zeit dastand wie ihre Amme. Ich jedenfalls wollte nach Hause gehen, diese ätzende Situation auflösen und die beiden allein lassen. In dem Moment zieht sie allerdings ihre Augenbraue leicht hoch und deutet an, dass sie doch nicht mit dem gutaussehenden Saxofonisten ins Hotel will. Langsam resignierte er, zwischendurch behauptete er, er sei schwul, um die Spannung herauszunehmen. In seinem letzten Aufbäumen, sagt er dann als getarnte Wahrheit, dass sie doch mitkommen könnte, und im Hotelzimmer guten Sex die ganze Nacht lang haben könnte. Dann küsst er mich ersatzweise mit einem Zungenkuss aufs Ohr und beginnt zu gehen. Das zieht sich eine viertel Stunde. Sie erzählt mir währenddessen von einem traumatischen Erlebnis mit dem bekannten Musiker Wolfram H., der sie und eine Freundin bis spät in die Nacht mit Mitleidheischendem zugetextet habe. Sie waren sogar zu dritt bei dieser Freundin zu Hause. Letztendlich wurden sie ihn erst um vier los, indem sie ihn in ein Taxi setzten. Sie dankt mir, dass ich geblieben bin. Sie fragt, ob denn Männer immer nur an das Eine denken könnten. Ich sage ja. Sie sagt, dann geht sie wohl jetzt besser.
Nach etlichem schweigendem Herumüberlegen gehen wir doch ins Titty Twister. Wenn der Saxofonist das gewusst hätte. Es ist um halb vier und voll im Titty Twister. Meine Alkoholschallgrenze war schon durchbrochen, ihre ebenso, wir bestellen Fruchtsäfte. Der Ort ist auf jeden Fall wunderbar geeignet für schöne Beobachtungen. Die Frauen auf der Bühne waren gelangeweilt und tanzten hauptsächlich für sich. Ab und an drängten sie sich aber brutal in die Wahrnehmung der an der Theke sitzenden und fassten Dollars ab. Lediglich eine Tänzerin schien Spaß zu haben, sie wurde auch mit den meisten Private Dances belohnt. Die meisten Mäner konnten danach nicht mehr laufen. Die Beobachtungen hielten bis um fünf an. Dann setzte sich ein dicker, riesiger Mann mit schwarzem Bart zu uns. Ab und an schaute er auf sie und schien zu taxieren, wieviel er wohl bieten müsste, damit sie zu ihm rüberkäme. Zusätzlich hatte er den Tick, die Zunge unbewusst herauszustecken. Dann beugte er sich rüber und fragte, wie wir das denn fänden hier. Ich sagte es ihm in meinem liberalsten Ton, wollte ja nicht als Spielverderber erscheinen. Er murmelte etwas davon, dass es doch schöneres gäbe und das sehr unästhetisch sei. Dann sagte er den bemerkenswerten Satz: „Ich bin der Architekt dieses Ladens und hätte ich gewusst, was daraus wird, hättte ich es nie gebaut.“ Skurriler Spinner, denke ich. Warum bist du dann hier, frage ich. Für einen Absacker. „Kennt ihr das Gatto Bello“, fragt der, „das ist auch von mir.“ Ich sage unbedachterweise: „Dort ist aber genauso“ und meine das Publikum. Er schaut mich pikiert an und fragt, die für 5 Uhr morgens und für einen solchen Kerl untypische Frage: „Warum sagst du das?“ Natürlich hatte ich es bloss gesagt, um es abzuurteilen, also rudere ich ertappt zurück. Mittlerweile war das Gespräch recht interessant. Sein Schlüsselbund war größer als ein Fußball: Er ist kein Spinner. Allerdings hatten wir schon als er sich setzte Anzeichen des Gehens abgegeben, denen wir nun folgen mussten. Also gingen wir. Draußen vorm Titty Twister versuchen wir uns zu verabschieden. Ein Typ mit orangen Schuhen trkelt direkt auf uns zu und sagt, dass wir keine Angst vor ihm haben brauchen, er sei nur besoffen und eigentlich ein lieber Kerl. Ich glaube ihm, sage aber, dass wir uns gerade verabschieden wollten. OK, OK, sagt er, aber vorher wolle er uns noch ein Werbegeschenk geben. Gespannt blicken wir auf seine Tasche, aus der er ein 5-Meter-Maßband holt. Es ist mittlerweile 5:30 Uhr. Sie lehnt es ab, weil in ihrem Zimmer nichts so lang sei. Ich nehme es als Souvenir des Abends an. Er zieht ab, nicht ohne uns nochmal zu loben für unsere Offenheit. „Und wenn ihr orangene oder gelbe Schuhe braucht, dann wisst ihr an wen ihr euch wendet.“ Wir nicken. Ich bin hundemüde und friere. Ich sage: Der Abend war schön, aber ich muss nun gehen. Und lache. Ein besserer Abschied findet sie als mein vorheriges einfaches „Ciao“. Finde ich auch. Wir gehen auseinander und schlafen.

Klingsors Letzter

Es gibt an manchen Tagen scheinbar ein Kontingent an Erreichbarem. Eine gute Erfahrung, etwas unerwartet Gelungenes führt dann automatisch zum Kreislauf des Misslingens. Diese Tage sind die Mischtage, man startet gut und endet schlecht (andersherum ist eher selten). Ansonsten gibt es noch die puren negativen Tage, egal was man anfasst, es funktioniert nicht. Nach dem dritten schlechten Erlebnis an solch einem Tag denkt man das auch und das führt automatisch zum weiteren Misslingen. Aber meistens glaubt man es ja gar nicht, an wievielen Stellen etwas nicht klappen kann. Zu leben ist ja die ironischste Lebensform, die es gibt. Aber es gibt auch Tage an denen klappt alles und man kann sich vor Dingen, die funktionieren gar nicht retten. Irgendwann beschleicht einen dann das Gefühl, dass man lieber aufhören sollte, wie bei einer Glückssträhne im Casino, aber man hört nicht auf und durch die Autosuggestion gelingt noch vieles mehr. Vielleicht sollte man einfach an solchen Tagen aufhören und sicher funktionierende Dinge für einen schlechten Tag aufbewahren, damit ihn dann umkehren.

Fantasieloses

Wie kann man sich Fähigkeiten sicher sein, wenn sie mit jedem Tag mehr schwanken, nebulöser werden? Das Gefühl die Fähigkeiten nicht jederzeit nutzen zu können, macht sie so fragwürdig. Ein Sprinter kann auch nach ein wenig Aufwärmung Höchstleistungen vollbringen. Warum geht das nicht auch bei geistigen Leistungen? Man dehnt die Neuronen, macht kurze Fantasiebeugungen und schon schreibt man einen herrlichen ironischen Artikel. Warum zeigt sich Kreativität immer nur an den seltenen Spitzen des Alltags und versinkt sonst in sumpfigem Durchschnittsgeschreibe wie diesem? Warum kann man die Fantasie nicht herauskitzeln, nicht in einem Ritual herabregnen lassen?

Caius Julius Caesar

Die Nachwahl war gut für Deutschland: Der NRW-Abgeordnete Caius Julius Caesar musste durch das komplizierte deutsche Wahlrecht aufgrund der vielen CDU-Zweit-Stimmen sein Mandat an einen unauffälligeren Saarländer abtreten, dessen Name nichts zur Sache tut. Aber Caius Julius Caesar? Bitte? Nochmal? Wo sind die Medien, die ihn portraitieren? Ich werde wohl selbst mal anrufen müssen.
Wie kann man Caius Julius Caesar heißen, welche vermessenen Eltern muss man bitteschön haben, die einen Sohn so nennen? Nun gut ein wenig Recherche auf seiner eigenen Seite (cajus-caesar.de) eröffnet, dass auch sein Vater so hieß. Das macht die Sache eigentlich nicht besser. Tröstlicherweise hat Caius II. auch schon seinen Sohn so genannt. Aber der mittlere Caius hat es immerhin bis zum Mdb geschafft. Untypischerweise ist er dafür zunächst in die Forstwirtschaft gegangen und hat es bis zum Forstamtsmann a.D. geschafft.
In diesem Beruf wird er nun wahrscheinlich wieder arbeiten müssen, nachdem er aus dem Bundestag flog. Im ordentlichen bürokratischen Deutschland wäre Caesar nie an die Macht gekommen. Aber vielleicht wurde er ja in seinem Wahlkreis mit besonderen Hoffnungen gewählt. Namensdiskriminierung ist ja eh mittlerweile verpönt. Leider. Sonst hätte man wohl schon zum Beispiel den Oppositionsführer und die SPD-Nachwuchskraft in meinem Heimatland ausgewechselt. Zu recht. Entschuldigen Sie, werter Herr Jens Bullerjahn.

Sieben Gründe der eigenen Wahrnehmung nicht zu trauen

1. Es ist nur eine von vielen. Wenn wir ihr einen überhöhten Stellenwert beimessen, riskieren wir, andere Wahrnehmungen zu ignorieren.
2. Selbst unser Gedächnis spielt uns Streiche.
3. Wir nehmen nur das wahr, was wir wahrnehmen wollen.
4. Nur wenn wir unsere Wahrnehmung immer wieder kritisch hinterfragen, haben wir eine Chance unsere immer komplexere Umwelt zu erfassen.
5. Nur wenn wir uns unserer Scheuklappen bewußt sind, schätzen wir ihren Wert.
6. Ein Absolutheitsanspruch an die eigene Wahrnehmung führt zur Katastrophe, wenn man die eigene Situation gerade mal nicht als so positiv wahrnimmt. Eine Hintertür sollte immer offengelassen werden.
7. Es entsteht ein Quell für interessante philosophische Diskussionen. Wie wäre sonst z.B. das Höhlengleichnis entstanden?
PS: Seiner Wahrnehmung nicht zu trauen, heißt noch lange nicht, an sich selbst zu verzweifeln.

Warum es wichtig ist seiner eigenen Wahrnehmung zu vertrauen…

1. Man hat sonst keine andere. Sicherlich könnte man immer eine Kamera nebenher mitlaufen lassen und sich dann im Nachhinein vergewissern, ob denn, was man mitbekommen hat, auch dem “Objektiven” entsprach. Meine These allerdings: Das wäre anstrengend, hätte verzögerte Reaktionen zur Folge (ein bis zwei Tage) und würde auch nicht helfen (da man selbst Videomaterial subjetiv filtert, also das gleiche Problem erneut hat).
2. Ihr nicht zu vertrauen, bedeutet sich selbst nicht zu vertrauen, an sich selbst zu zweifeln. Jeder Mensch hat eine Wahrnehmungsverzerrung, die wichtig für ihn ist. Problematisch wird es nur, wenn diese Verzerrung überhaupt nicht mehr durch Andere korrigiert werden kann, weil sie so entfernt von deren Verzerrung ist. Man denke an die schöne Geschichte von Peter Bichsel “Ein Tisch ist ein Tisch”, in der ein alter Mann sich eine neue Sprache ausdenkt. Der letzte Absatz dort: “Aber eine lustige Geschichte ist das nicht. Sie hat traurig angefangen und hört traurig auf. Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute nicht mehr verstehen, das war nicht so schlimm. Viel schlimmer war, sie konnten ihn nicht mehr verstehen. Und deshalb sagte er nichts mehr.”
Trotz dieser extremen Variante ist eine Verzerrung meines Erachtens nach sehr wichtig. Die eigene Wahrnehmung macht uns erst zu dem, was wir sind oder besser: Sie drückt das aus, was wir in dem jeweiligen Moment sind (zumeist ein verworrener Klumpen aus früheren Erfahrungen, momentenen Gefühlen und zukünftigen Gedanken) und bestätigt uns und sich dadurch auch. Wenn dort ein Vertrauensverlust eintritt, ist das gefährlich. Das führt nirgendwohin, da es ein Korrektiv nicht geben kann, da jede Wahrnehmung eingefärbt ist. Es führt eher zu konstanten Selbstzweifeln: War das denn eigentlich wirklich so, war meine Reaktion angemessen, bilde ich mir nicht zuviel ein, usw…
Wie langweilig und sinnlos wäre die Gegenwart, wenn wir sie nicht so schön mit unseren Gedanken und Gefühlen filtern würden; wenn man nichts mehr empfinden würde, wenn man etwas sieht; wenn man bestimmte Augenblicke und Sätze nicht herausheben würde aus dem Einheitsbrei des Passierenden. Das Besondere würde verloren gehen, denn es liegt nur im Auge des Betrachters.
Und es ist immer sinnvoll, wie man etwas wahrnimmt, denn es entspringt einem selbst. Sicherlich will man manchmal auch anders wahrnehmen, weil die abstruse Idee einer reineren Wahrnehmung im Raum steht oder man das Gefühl hat, dass die eigenen Filter behindern.
Die eigene Wahrnehmung anzuerkennen, heißt deshalb nicht, sie ausschließlich zu setzen, es sollte immer ein Spalt für Empathie und eine andere Perspektive bleiben. Irgendwo in der Schnittmenge zweier Wahrnehmungen liegt das nutzlose Wahre, nutzlos, weil es niemandem etwas bedeutet. Sicherlich tritt es im Streit als strahlender Sieger hervor, zu dem beide aufblicken, aber in der verzerrten Spiegelung sollten sie lieber sich selbst entdecken und akzeptieren, als darauf zu hoffen irgendwann selbst dort zu strahlen.