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Verloren zwischen Robotern und Menschen. Über die blutleere, visuelle Spielerei „Bladerunner 2049“

Jede Utopie braucht eine Exposition. Die Zukunftswelt muss dem Gegenwartsmenschen vorgestellt werden – wie sonst sollte er die Regeln dieser ihm fremden Welt verstehen? In Büchern ist dies selten ein Problem, dort kann ein allwissender Erzähler diese Einführung leisten (z.B. in „1984“). Im Film muss dies anders gelöst werden: Klassischerweise nutzen Filme dafür Figuren, die in dieser Welt fremd sind, und denen – gemeinsam mit dem Zuschauer – alles erklärt werden muss (z.B. Neo in „Matrix“). Durch eine solche Figur kann auch vermieden werden, dass es künstliche Dialoge mit unnötigem Zuschauertext gibt. Nur wenige Filme schaffen es, die utopische Welt ohne Fremdfiguren und ohne Zuschauertext vorzustellen: Sie werfen den Zuschauer direkt in diese fremde Welt hinein und er ist gemeinsam mit dem Protagonisten dieser Welt ausgeliefert (z.B. „The Lobster“).

Es gibt aber auch Filme, die von allem ein bisschen versuchen: Bei „Bladerunner 2049“ wird man nach einem recht kurzen Einführungstext direkt ins Geschehen hineingeworfen. Der Rest soll dann durch Zuschauertext erklärt werden (z.B. durch den Monolog des Archivars zum großen Blackout). Aber dieser Vorstellungsmix kann eine gute Exposition nicht ersetzen und führt bei diesem Film zu einem gravierenden Problem: In einer utopischen Welt, in der es Roboter und Menschen gibt, wird die Bedeutung des Unterschiedes zwischen beiden nicht einmal ansatzweise erklärt! Es wird kein Mensch als solcher vorgestellt, es werden nur Roboter, sogenannte Replikanten, vorgestellt. Da es aber den Kontrast zum „echten“ Menschen nicht gibt, bleibt unklar, was die Roboter überhaupt auszeichnet: Was können sie? Fühlen sie etwas? Führen sie nur Befehle aus? Wollen sie etwas?

Hinzu kommt, dass es äußerlich kein Unterscheidungsmerkmal gibt: Wenn Roboter durch normal aussehende Menschen dargestellt werden, was macht sie dann zu Robotern? Der nicht gezeigte, aber behauptete Unterschied geht dem Zuschauer verloren: Er sieht Menschen, und muss sich ständig daran erinnern, dass es doch Roboter sein sollen.

Durch diese fehlende utopische Exposition bleibt auch die Hauptfigur nebulös: Von der schauspielerischen Leistung gesehen ist er ein Roboter, die endlos langen Close-ups auf sein Gesicht suggerieren aber, dass er ein Mensch sein soll und irgendwelche Gefühle zu den ihm widerfahrenden Geschehnissen haben sollte. Nebenbei bemerkt: Ich habe mich immer gefragt, ob Ryan Gosling eigentlich schauspielern oder nur schauen kann. Ich tendiere weiterhin zum zweiten, muss aber gestehen, dass er hier einfach an der Schizophrenie der Aufgabe scheitert: Roboter sein und menschlich gefilmt werden.

Auch das Setting, in dem die Hauptfigur lebt, suggeriert, dass er kein Roboter ist: Welchem Roboter müsste man eine virtuelle Frau zur Seite stellen? Wozu baue ich denn Roboter? Gerade damit ich all die menschlichen Bedürfnisse nicht mehr befriedigen muss und einfache Arbeitsmaschinen habe. Auf dieser Problematik hätte man eine fast schon klassisch zu nennende Entwicklung aufbauen können: vom (erwünscht) „gefühllosen“ und nur „ausführenden“ Roboter zum (unerwünscht) „fühlenden“ und „eigenständigen“ Menschen. Aber selbst das ist nicht möglich, wenn der Unterschied zwischen Roboter und Mensch gar nicht dargestellt wird.

Auch die Motive der anderen Personen bleiben aufgrund dieses Mangels schleierhaft und sollen durch pure Nennung plausibilisiert werden: Die Polizistin behauptet plötzlich, dass die Welt untergeht, wenn Roboter gebären können. Der (mutmaßliche) Bösewicht des Films zerstört plötzlich ein neues Roboter-Exemplar, nur weil es nicht gebären kann, und will unbedingt das Roboter-Kind finden. Eine (scheinbare) Puffmutter wird plötzlich zur Anführerin einer Rebellion der Roboter gegen die Menschen und benötigt dafür das Roboterkind als Ikone. Dabei wurde ein Konflikt zwischen Robotern und Menschen vorher nicht einmal im Ansatz angedeutet.

Selbst die Actionszenen des Films kranken an der mangelhaften Exposition: Was bedeutet es, wenn sich am Anfang zwei (mutmaßliche) Roboter prügeln? In der finalen Actionszene wird dann tatsächlich die böse Roboterin ertränkt. Es stellt sich die Frage: Geht das eigentlich? Atmen Roboter überhaupt?

Statt all diese Probleme zu lösen, ergeht sich der Film lieber in endlosen visuellen Spielereien. Diese schicken Bilder bleiben aber künstlich, solange sie nicht durch echte Figuren mit nachvollziehbaren Motiven belebt werden. Der Palast des Bösewichts könnte sicherlich als „Ägyptische-Wasser-Schatten-Installation“ einen Kunst-Preis gewinnen und wirkt doch blutleer, da die Figur des dort hausenden Bösewichts unnachvollziehbar und blass bleibt. Harrison Ford wurde gleich ein ganzes 50er-Jahre-Luxus-Hotel spendiert – ohne, dass es etwas bedeutet. Dort musste plötzlich die Handlung vorangetrieben werden, es war einfach keine Zeit mehr für Charakterentwicklung. Diese Lücken in der Vorstellung der Figuren entwerten in meinen Augen auch die ambitionierten, visuellen Anstrengungen des Films.

Das größte Rätsel des Films (und vieler anderer moderner Filme) bleibt es, wie sie es schaffen, Überlänge zu haben und doch keine Geschichte zu erzählen. Dadurch wird es zunehmend frustrierender, Filmkritiken zu schreiben. Seit Jahren führt mich dieses Rätsel nämlich immer wieder zu ein- und derselben Frage: Warum stellt man in Hollywood nicht mal jemanden ein, der ein gutes Drehbuch schreibt, und verzichtet dafür auf eine (!) Minute Virtuelles-Überwältigen-Wollen? Hey Hollwood, glaube mir, mehr kostet das echt nicht!

Ein Zombiemarkt. Über das Schenken im digitalen Zeitalter

Die Digitalisierung macht es schwieriger, nette und unkomplizierte Geschenke zu machen. Zwei Probleme treten mittlerweile dabei auf: Zum einen ändern sich die Techniken der Mediennutzung und zum anderen gibt es bei einigen Medien eine allgegenwärtige Verfügbarkeit.

Die CD ist das erste Opfer dieser Entwicklung. Wozu sollte man jemandem noch eine CD schenken, wenn dieser nicht einmal mehr einen CD-Player besitzt (Technik) und in seinem Streaming-Account sowieso unendlich viele Alben hat (Verfügbarkeit)? Potentiell steht dem Anderen die CD auf diese Weise meist sowieso schon zur Verfügung. Wäre es dann ein Geschenk, den Anderen auf dieses Album hinzuweisen? Dabei lebt das Geschenk ja eigentlich von der Haptik, davon, dass man es anfassen und auspacken kann. Wenn Musik nur noch digital genutzt wird, kann man sie nur noch schlecht verschenken. Die einzige Ausnahme bilden hier Hörspiel-CDs, da Hörspiele meist bei den Streamingdiensten noch nicht angeboten werden.

Filme als Geschenk sind ebenfalls bereits bedroht. Auch hier ist die allgegenwärtige Verfügbarkeit das Problem: Wenn jemandem bereits alle Filme auf einem Streaming-Dienst zur Verfügung stehen, warum sollte man dann noch eine materielle DVD schenken? Die technische Seite ist hier noch nicht das Problem: Die meisten Menschen besitzen noch einen DVD- oder Bluray-Player. Allerdings geht der Trend auch bei Filmen zum Streaming – im Vergleich zur Musikindustrie ist er allerdings noch nicht so weit fortgeschritten.

Bücher als Geschenk scheinen bisher noch nicht bedroht. Hier ist das Problem nicht die allgegenwärtige Verfügbarkeit - da es bisher kein Abo für alle verfügbaren Bücher gibt -, sondern die technische Änderung der Mediennutzung: Wenn jemand nur noch auf dem Kindle liest, wird es schwer, ein echtes, materielles Buch zu schenken. Da muss man schon auf einen Amazon-Gutschein ausweichen. Dieser wird allerdings nicht für ein spezielles Buch ausgestellt und hat somit nur einen abstrakten Wert.

Aber der Geschenke-Markt scheint trotzdessen nicht tot zu sein. Es scheint eine Auseinanderentwicklung zu geben zwischen der wirklich praktizierten Mediennutzung und der im Geschenk repräsentierten Mediennutzung: Es werden noch CDs, DVDs und Bücher verschenkt – auch wenn dies gar nicht mehr zum aktuellen Nutzungsverhalten des Beschenkten passen mag. Der Geschenkemarkt könnte zu einer analogen Enklave in einer digitalen Welt werden. Er ist quasi ein Zombiemarkt: Während die reale Mediennutzung immer mehr von Streaming-Angeboten geprägt wird, die das Verschenken durch die allgegenwärtige Verfügbarkeit alles Schenkbaren unmöglich machen, werden auf dem Geschenkemarkt alte Medien konserviert und künstlich am Leben erhalten.

Linker und rechter “Verrat”: Die Quellen des Wahlerfolgs der AfD

Vor einiger Zeit hatte ich über „Deutschland im Visionsvakuum“ geschrieben. Die Analyse dieses Beitrags muss ich angesichts der neueren Ereignisse nun wohl noch einmal aktualisieren. Die damalige Diagnose: Die angestaute Wut über die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse in den letzten 15 Jahren wird durch die Aufnahme der Flüchtlinge erstmalig sichtbar und äußert sich in Teilen Deutschlands in Form von rassistischen Übergriffen (z.B. Clausnitz).

Auch heute finden solche Übergriffe immer noch in großer Zahl statt - sie werden und wurden nur nicht mehr medial skandalisiert. Dies war einerseits positiv, weil dadurch die nach solchen Vorfällen typische aufgebrachte mediale Sündenbocksuche vermieden wurde, die immer nur in stereotypen Erklärungen endete (beispielsweise „der braune Osten“). Dies war andererseits negativ, da die Medien dadurch begannen – trotz der vorhandenen Vorfälle – sich von der Politik in eine Art Dornröschenschlaf über die Zufriedenheit der Bürger einlullen zu lassen. Die schon damals beschriebene schizophrene Flüchtlingspolitik wurde einfach weiter verfolgt: Öffentlich wurde viel darüber gesprochen, wie Integration gelingen kann und wie wichtig sie sei, während realpolitisch die Bedingungen der Flüchtlinge weiter verschlechtert wurden (z.B. neue „sichere“ Herkunftsländer, Gewährung von Asyl nur noch als subsidiärer Schutz). Das Grundproblem, wie die Formel „Wir schaffen das“ inhaltlich gefüllt werden kann, wurde nicht angegangen – wie auch, wenn weiterhin an der neoliberalen Politik festgehalten werden muss.

Nun hat die Wut einen anderen Weg gefunden – den Weg über die Wahl ins Parlament. Die Wahl der AfD in die Parlamente erschien mir damals gar nicht als mögliche Option. Aus heutiger Sicht ist das fast verwunderlich – möglicherweise hatte die AfD zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht so deutlich auf das Label der flüchtlingsfeindlichen Partei gesetzt. Aber – und das beruhigend – die aufgebrachte mediale Sündenbocksuche hat schon einen Schuldigen für die Wahl der AfD gefunden: Es war der Osten, oder genauer: der ostdeutsche Mann!

Das ist nun wenig innovativ, denn dem dummen, ungebildeten Mann haben wir auch schon Donald Trump und den Brexit zu verdanken. Er ist überall. Aber, das ist das Besondere in Deutschland, er ist nicht sozial abgehängt, sondern kulturell. Das heißt, es geht ihm nicht wirtschaftlich schlecht, sondern er kommt mit modernen Entwicklungen beispielsweise der „Ehe für alle“ oder dem allgegenwärtigen Gendern nicht zurecht. Aber dass es nicht nur der kulturell abgehängte, ostdeutsche Mann gewesen sein kann, der der AfD zu ihrem Erfolg verholfen hat, zeigt eine Statistik: Immerhin 68 Prozent der AfD-Wähler leben im Westen!

Die Vorgeschichte

Die AfD hat aus dem linken wie aus dem rechten, konservativen Lager Stimmen gewonnen. Das erscheint zunächst erstaunlich, wenn man sich aber die Entwicklungen in diesen Lagern in den letzten Jahren anschaut, lässt sich dies recht einfach erklären.

Links

Dass die SPD die Idee der sozialen Gerechtigkeit mit der Agenda 2010 und der Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse verraten hat, ist kein Geheimnis mehr. Lediglich bei der SPD-Führung ist dies nicht angekommen und wird auch nicht mehr ankommen – weil es lukrativer ist (Posten in großen Koalitionen und der Industrie), an das aus konservativen Kreisen eingeflüsterte Märchen der Agenda 2010 als Jobmaschine zu glauben. Dass es einen Bedarf an einer SPD mit sozialdemokratischen Inhalten gibt, konnte man an dem Mini-Boom um Martin Schulz im Frühjahr 2017 erkennen. Dieser ebbte ab, als Schulz erklärte, dass er die Agenda 2010 nur kosmetisch korrigieren wollte und damit das Label „mehr Gerechtigkeit“ völlig inhaltsleer machte.
Dieser ausdauernde Verrat der SPD in Fragen der sozialen Gerechtigkeit hatte die Linkspartei zur letzten Instanz in diesen Fragen gemacht: Wenn man als Arbeiter beispielsweise Lohnsteigerungen, eine Abkehr von „flexiblen“ Arbeitsverträgen oder eine Stärkung der Rente wollte, konnte man nur Linkspartei wählen. Hinzu kam, dass die Linkspartei im Osten eine Volkspartei war, da sie auch noch zu Teilen aus PDS und SED bestand. Sie zu wählen, war wie Eulenspiegel oder Superillu zu lesen: Man vertrat damit die ostdeutschen Rechte gegenüber den Wessis.

Rechts

Im konservativen Lager gab es immer auch nationale Tendenzen: Die Angst vor dem Verdrängt-Werden der Deutschen im eigenen Land, also die Angst vor der „Überfremdung“ war unterschwellig präsent. Ein deutlicher, erster öffentlich sichtbarer Ausdruck dessen war die Debatte über die Thesen Thilo Sarrazins (vgl. hier). Ich hatte dessen Thesen damals wie folgt zusammengefasst:

„Die Ausländer integrieren sich nicht durch schulische Leistungen oder über einen ordentlichen Job. Stattdessen bedrohen sie uns nachts in der U-Bahn und auf dem Weg nach Hause. Tagsüber leben sie dann auf unsere Kosten von unserem Sozialstaat. Und da es ihnen damit so gut geht, pflanzen sie sich [...] auch noch unentwegt fort – in Parallelgesellschaften, die in naher Zukunft unsere Hauptgesellschaft ersetzen werden.“

Über diese Thesen diskutierten die Journalisten und Politiker im Jahr 2010 hochaufgeregt, die Stammtische sagten im Stillen “Er hat ja Recht, aber so hätte er es nicht sagen sollen” und 1,5 Millionen Deutsche kauften das dazugehörige Buch. Allerdings konnten die immer mal wieder begonnenen „Leitkultur“-Diskurse und „Law and Order“-Politik-Ankündigungen die national-konservative Wählerschaft noch beruhigen.

Die Flüchtlingskrise

Diese beiden Entwicklungen wären für die konservativen und die linken Parteien nicht problematisch gewesen, wenn es nicht die Flüchtlingskrise 2015 gegeben hätte. Ohne diesen Einschnitt hätten die national-konservativen Wähler ihr Kreuz weiterhin, wenn auch murrend, so aber doch bei der CDU gemacht. Im linken Spektrum hätte die Linkspartei dank der Thematisierung sozialer Gerechtigkeit vermutlich zunehmend Stimmen gewonnen. Aber die Flüchtlingskrise hat diese beiden Entwicklungen zum einen umgekehrt und zum anderen radikalisiert:

Links

In der Flüchtlingskrise hat die Linkspartei, wie auch die anderen „linken“ Parteien, eine radikale Willkommenskultur vertreten – gerade auch um sich von der CDU mit ihrer doppelzüngigen Willkommenskultur zu unterscheiden. Das Motto ist: “Jeder soll aufgenommen und niemand abgeschoben werden!”
Wenn sich die Arbeiter nicht vorher durch die Agenda-Politik der SPD schon verraten gefühlt hatten, so fühlten sie sich spätestens seit dem Eintreten für die Flüchtlinge von den linken Parteien verraten: Jahrelang sollten sie den Gürtel enger schnallen, weil es kein Geld gab, und nun plötzlich war Geld für die Flüchtlinge da. Die eigene, jahrelang erduldete schlechte ökonomische Lage wurde durch die Flüchtlingskrise national gewendet: „Wieso werden die besser behandelt als wir?“ Die Wut, die eigentlich eine Wut auf die Politik der letzten 15 Jahre hätte sein müssen, wurde auf die Flüchtlinge projeziert. Die soziale Frage wurde in den Augen der Arbeiter zur nationalen Frage. Und das Deutsch-Sein ist das Letzte, was ihnen als Vorteil gegenüber den Flüchtlingen bleibt.
Daher haben in meinen Augen so viele Arbeiter, so viele ehemalige LINKE-Wähler und soviele Ostdeutsche die AfD gewählt.

Rechts

Wenn man bereits vor der Flüchtlingskrise Angst vor „Überfremdung“ hatte, so wurde diese Angst durch die Krise maximal potenziert. Jeder einzelne Punkt, der in den Sarrazinschen Argumentation damals genutzt worden war, ist nun wieder aufgetaucht: Dass alle Flüchtlinge kriminell sind und es auf unsere Frauen abgesehen haben, bewies die Kölner Silversternacht. Dass die Flüchtlinge nur in unser Sozialsystem wollen, bewies die Unterscheidung zwischen „Wirtschaftsflüchtling“ und „politischem Flüchtling“. Und dass die Flüchtlinge nun ihre riesigen Familien nachziehen lassen dürfen, ist der ultimative Alptraum jedes Überfremdungs-Ängstlichen.
Eigentlich wollen diese Menschen nur Stabilität und Sicherheit für das, was sie sich aufgebaut haben. Nun ist all dies unsicher geworden. Und die Hauptverantwortliche dafür ist Angela Merkel: Sie persönlich hat all die Flüchtlinge eingeladen, sie hat Deutschland verraten und der Islamisierung preisgegeben. Deshalb gibt es im national konservativen Lager eine solch große Wut auf Angela Merkel. Diejenigen, die sie auf ihren Wahlkampfkundgebungen niedergebrüllt haben, sind dabei nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Der unsichtbare Rest hat einfach aus Protest die AfD gewählt – dies sind in meinen Augen die Motive der meisten AfD-Wähler im Westen und Süden gewesen. Aber auch im Osten dürfte dieses Motiv zur Wut über den Verrat der linken Parteien hinzugekommen sein.

Die offenen Fragen

Die Fragen, die sich nun stellen, sind: Kann die konservative Seite ihre national-konservativen Wähler wieder zurückgewinnen, ihnen wieder das Gefühl von Sicherheit und Stabilität geben? Kann die linke Seite die bei den Arbeitern aufkommende nationale Frage beiseite schieben und die die dahinter liegende soziale Frage beantworten?

Links

Bisher können die linken Parteien aus ihren antinationalistischen und auch humanistischen Grundprinzipien keine befriedigende Antwort auf dieses Problem finden – ja, sie sind nicht einmal in der Lage diese Frage überhaupt zu thematisieren, ohne sich gegenseitig vorzuwerfen, rassistisch oder nationalistisch zu sein (oder die Debatte hier). Sie haben sich eine neue Gretchenfrage aufdrücken lassen: Sag, wie hältst du‘s mit der Nation? Sind dir arme deutsche Arbeiter wichtiger als arme syrische Flüchtlinge? Traust du dich, auch „Nation“ zu sagen und ein Programm für „deutsche“ Arbeiter zu fordern?
Die Linke müsste erkennen, dass diese Fragen falsch gestellt sind, weil sie das Falsche betonen (das Nationale vor dem Sozialen), und es nur den Mächtigen nützt, dass die Linke sich daran zerreibt und spaltet. Sie muss stattdessen den Grundkonflikt offenlegen: Solange nämlich die Verkäuferin an der Kasse über die Flüchtlinge schimpft und was diese alles bekommen, solange ist der Manager sicher, dass sie nicht aufsteht und sich über ihren Lohn und ihre Arbeitsbedingungen beschwert und womöglich noch einen Betriebsrat gründen will.

Rechts

Im Gegensatz dazu kann die konservative Seite gar nicht so viel „klare Kante“ zeigen, wie nötig wäre, um Angela Merkels „Verrat“ wieder zu „sühnen“. Die Politik der kleinen Schritte, die den Flüchtlingen das Leben in Deutschland extrem erschwert und die weitere Flüchtlinge mit maximalen Mitteln aus Europa fernhält, genügt da nicht. Es ist nicht einmal so sehr das Problem, dass diese menschenfeindliche Politik nicht offen vertreten werden kann, ohne die christlichen Prinzipien zu verraten. Es ist vielmehr das Problem, dass sich diese kleinen Schritte nicht zu einem ähnlich großen Schritt aufsummieren lassen, wie es die damalige Entscheidung Angela Merkels in den Augen der national-konservativen Kreise darstellt. Es müsste eine große, flüchtlingsfeinliche Entscheidung geben, die die Rückkehr der CDU ins national-konservative Lager eindeutig versinnbildlicht.
Andere Wege, um auf das national-konservative Lager zuzugehen, werden das Problem nicht lösen: Steuererleichterungen beispielsweise, wie es die baldige Jamaika-Koalition sicherlich planen wird, werden das verloren gegangene Sicherheitsgefühl nicht wiederherstellen können. Den National-Konservativen geht es ja materiell nicht schlecht – gerade diese materielle Sicherheit wird in ihren Augen ja durch die Flüchtlinge bedroht: Wenn sie mehr Geld haben, haben sie auch mehr zu verlieren.
Wahrscheinlich wird erst Angela Merkels Rücktritt diesen Verrat wirklich „sühnen“ können. Der Wunsch nach einem Führer, der die deutsche Nation gegen die Überfremdung verteidigt, ist in diesem Lager latent spürbar. Der einzige Trost ist wohl: Momentan wollen das nur 12,6 Prozent der Bevölkerung. Und wenn man die Arbeiter abzieht, die sich verraten fühlen, wollen es noch weniger.

Die moderne Kunst und ihre Formen

Es ist erstaunlich, wie berechenbar Kunst häufig ist, wie sie sich einordnet, wie sie sich an Muster und Formen hält. Und es wundert mich immer wieder, wie wenig Künstler doch machen müssen, wie wenig Ideen und Perspektivwechsel sie benötigen, um als Künstler zu gelten und ausgestellt zu werden. Ja, ich gestehe es: Ich war dort, wo jeder gute Bildungsbürger einmal alle fünf Jahre hinpilgert – in Kassel auf der documenta!
Als ordentlicher, laien-philosophischer Blog will ich hier neben der klassischen Kritik („Ist das Kunst?!“) auch einen Überblick über die Formen der meisten Arbeiten geben, die dort zu sehen sind. Jenseits von Malerei, Fotografie und Videoinstallation kann man die modernen Kunstformen in etwa so zusammenfassen:

Polit-Kunst
Die Politkunst unterscheidet sich in die Plakativ-Kunst und die Recherche-Kunst. Die Plakativ-Kunst trägt ihre politische Bedeutung betont vor sich her und dampft politische Themen auf möglichst große, plakative Symbole ein. Jeder soll sie verstehen, damit auch jeder ordentlich provoziert wird! Im Gegensatz dazu steht die Recherche-Kunst. Da hat sich eine Künstlerin extrem viel Mühe gegeben und die Geschichte eines verfolgten Volkes, eines vergessenen Massakers oder einer illegalen Enteignung untersucht. Diese Geschichte wird dann in Schaukästen, wie eigentlich sonst nur im Museum, haarklein dargelegt. Jedes gefundene Dokument muss präsentiert werden. Kunst ist hier dem kritischen Journalismus sehr nahe – nur dass dieser dann für den finalen Artikel die wichtigsten Informationen aus all dem Recherchierten auswählt!

Neues-Material-Kunst
Jeder Künstler braucht eine Nische – in der BWL-Sprache würde man sagen: einen Unique Selling Point (USP). Und da ist in 2000 Jahren schon einiges abgegrast worden an Stilen, an Mitteln und Inhalten. Aber man hat sich doch recht lange an klassischen Kategorien orientiert, wie der Malerei auf der Leinwand oder der Bildhauerei aus Marmor. Um neue USPs zu finden, müssen daher nun die Materialien ran: Noch nie hat jemand aus Stroh künstlerisch wertvolle Muster geknotet! Noch nie hat jemand aus Styropor eine Stadt nachgebaut! Noch nie hat jemand eine Felsplatte halb geschliffen in eine Galerie gelegt!

Alltags-Transfer-Kunst
Mit dem Readymade begann es – heute endet es nicht mehr. Wahrscheinlich gibt es auf der Welt keinen Gegenstand mehr, der nicht schon von irgendeinem Künstler in eine Galerie verschleppt und als Kunst präsentiert wurde. Noch niemand hat einen häßlichen Möbeltisch verkehrt herum in eine Ausstellung gestellt? Und noch niemand hat das Ganze dann mit Klebeband verbunden? In solch eine Lücke muss ein Künstler doch schlüpfen! Eine intellektuell höherwertige Unterform dieser Alltags-Transfer-Kunst kann durch die Materialwahl geschaffen werden: Alltagsgegenstände werden dann nicht einfach transferiert, sondern auch aus einem anderen, möglichst kunsthistorisch wertvollen Material (wie Marmor) nachgebildet. Da liegt gleich noch mehr Bedeutung in der Luft!

Was ich wirklich vermisst habe, ist interaktive Kunst, die mit dem Betrachter interagiert. Klassischerweise wird dies in der modernen Kunst durch Performances gemacht - aber nicht einmal davon gab es welche, als ich da war. Noch schöner fände ich allerdings Kunst, die auf den Betrachter reagiert. Beispielsweise hätte ich gerne eine Installation gemacht, die sich mit der Verschmutzung der Meere auseinandersetzt (also Polit-Kunst). Ich hätte Plastikflaschen wie Planeten auf Laufbahnen gesetzt, so dass ein riesiger Strudel entsteht. Dieser würde mit Bewegungssensoren ausgestattet sein und sich gar nicht drehen, wenn niemand im Raum wäre, dafür aber umso schneller, je mehr Menschen herantreten. In der Mittte wäre eine Lichtquelle, die den Raum (durch das Blau der Plastikflaschen) in ein meeresähnliches Licht taucht. Die Bewegung der Flaschen würde eine Wellenoptik erzeugen. Solche Kunst hätte mein spielerisches Herz begeistert.

Wider die Stufen der Erkenntnis. Über die Camouflage der Lebensthemen

Es gibt Menschen, die glauben daran, dass die Erkenntnis wie eine Treppe sei: Je höher man auf der Treppe steigt, desto besser erkennt man die Welt, desto näher ist man der Erleuchtung. Mit jeder Treppenstufe erreicht man einen neuen Zustand – eine höhere Stufe der Erkenntnis. Die Stufen der Unwissenheit und der Naivität lässt man hinter sich zurück.

Ich glaube nicht an diese Vorstellung des finalen Erreichens neuer Stufen und des endgültigen Zurücklassens von alten Irrtümern. Ich glaube, dass es neben den tagesaktuellen Themen auch Lebensthemen gibt – also Themen, die einen ein Leben lang begleiten. Manchmal findet man einen Umgang mit diesen Themen und glaubt vielleicht sogar, die dahinterliegende Frage nun endgültig beantwortet zu haben. Das ist der Moment, in dem man auch gern an die Treppe der Erkenntnis glaubt – weil man nun eine neue Stufe erreicht hat.

Aber um einmal eine alte Fußballweisheit zu adaptieren: Nach der Erkenntnis ist vor der Erkenntnis! Lebensthemen verschwinden nicht einfach, nur weil man gerade einmal einen Umgang mit ihnen gefunden hat. Sie verkleiden sich immer wieder neu und nutzen dazu geschickt die Stoffe der Gegenwart. Und vielleicht ist es gerade der Glaube, sie endgültig überwunden zu haben, der ihre neue Camouflage begünstigt. Und dann steht man eines Tages wieder verzweifelt vor einem aktuellen Thema und stellt entsetzt fest, dass je mehr man das Aktuelle davon abträgt, umso mehr das darunter liegende Lebensthema zum Vorschein kommt.

Daher ist die Erkenntnis vielleicht eher wie eine der endlosen Treppen in einem Gemälde von M.C. Escher: Man hat nur die Illusion, dass man immer höher steigt. Man ist wie Sisyphos – also, frei nach Camus, ein glücklicher Mensch!

Die abendliche Suche nach dem Glück

Manche Abende sind wie eine Odyssee mit dem Ziel, etwas Einmaliges zu erleben. Es ist die Suche nach einem magischen Moment, nach dem unglaublichen Spaß, nach dem Loslassen und Schweben, kurzum: nach dem Glück.

Es gab und gibt solche Abende: Wenn man sie noch nie erlebt hätte, würde man sie ja nicht suchen! Aber, und das ist das Gemeine, man kann sie nicht erzwingen. Dies wird jedoch viel zu oft versucht. Man wechselt dann beispielsweise ständig die Orte, weil es ja woanders noch besser sein könnte. Irgendwo muss schließlich das ultimative Glück warten!

An solchen Odyssee-Abenden gibt es auch Rollen, die klassischerweise an die Glücksritter vergeben werden:

Es gibt die Zu-schnell-Aufgeber. Sie gehen eigentlich, bevor die Suche nach dem Glück startet – vielleicht aus Angst, dass kein Glück für sie dabei sein wird. Eine Form der präventiven Enttäuschungsvermeidung.

Es gibt die Skeptiker. Sie wollen nicht zu den Zu-schnell-Aufgebern gehören, weil sie noch heimlich die Hoffnung hegen, dass doch noch ein wenig Glück gefunden wird. Aber je länger sie ohne sichtbare Glücks-Funde dabei sein müssen, desto spaßbremsiger werden sie: Noch ein Ortswechsel!? Wieso denn?

Es gibt die Forcierer. Sie glauben, dass man das Glück am Abend nur durch eigene gute Laune herauskitzeln kann: Man muss jetzt Spaß haben, man lebt schließlich nur einmal. Möglicherweise bekommen auch sie im Laufe eines erfolglosen Abends Zweifel, übertönen diese dann aber durch ihre übertrieben gute Laune und durch die betonte Abgrenzung von den spaßbremsigen Skeptikern.

Es gibt die Mitläufer. Sie hoffen, dass wenn andere etwas Glück finden, auch etwas für sie abfällt. Sie sind zu allem bereit und haben keine eigene Meinung. Sie lassen sich von den anderen Kräften einfach treiben.

Das Tragische ist: Wenn sich keine Glückserlebnisse ergeben, kommt es zu einer Übersteigerung der Rollen, die in übertriebenen Konflikten und einem Negativsog enden können. Dabei können sich die Rollen auch wunderbar ergänzen, so dass – wie bei einem Puzzle – jeder seinen besonderen Teil zu einem ultimativen Abend hinzufügt.

Über die Spielarten und Stufen des Humors

Neulich erklärte mir ein Freund, dass er bei seiner neuen Bekanntschaft immer noch auf der Suche sei – auf der Suche nach ihrem Humor. Das bietet mir Gelegenheit, endlich mal meine eigene Humortheorie auszuformulieren! Dann lässt sich klären, wonach er da eigentlich sucht. Schon lange laboriere ich innerlich an dieser Theorie und trage sie unausformuliert in mir.

In meinen Augen gibt es Spielarten und Stufen des Humors. Die Spielart ist die Form des Humors: Es gibt beispielsweise absurden Humor à la Monty Python oder Wortspielhumor à la Heinz Erhardt oder Stereotypenhumor à la Mario Barth. Es gibt sehr viele verschiedene Spielarten und es wäre eine ruhmvolle Aufgabe einmal eine Typologie des Humors zu schreiben.

Neben diesen Spielarten gibt es drei Stufen des Humors: Kein Humor, passiver Humor und aktiver Humor. Diese lassen sich am besten anhand der Spielarten des Humors erklären: Man kann Monty Python nicht lustig finden (kein Humor), man kann es lustig finden und sich fragen, wie die immer nur auf solche Ideen kommen (passiver Humor) oder man kann es lustig finden und selbst auf solche Ideen kommen (aktiver Humor). Jeder Mensch kann sich also bei den diversen Spielarten des Humors auf unterschiedlichen Stufen befinden.

Leider wird die Stufe des aktiven Humors – unabhängig von der jeweiligen Spielart – jedoch nur selten erreicht. Die Trennlinie zwischen aktivem und passivem Humor verläuft in meinen Augen entlang der Aussage “Wie die immer nur darauf kommen” (ich hatte am Ende dieses Beitrags bereits darüber geschrieben). Wer diesen Satz sagt, schiebt die Möglichkeit eines aktiven Humors von sich selbst weg und gesteht dies nur anderen zu. Einige Menschen entwickeln aber einen sendungsbewussten passiven Humor: In Gruppen erzählen sie Witze oder von lustigen Youtube-Videos. So können sie Humor zeigen, ohne selbst aktiv zu werden.

Wonach der Freund bei seiner neuen Bekanntschaft vermutlich suchte, war ihre Spielart des aktiven Humors. Wenn man allerdings suchen muss, ist es um den Humor eher schlecht bestellt: Ein aktiver Humor ist meist leicht zu erkennen – zumindest dann, wenn Menschen sich wohlfühlen und ihn offenbaren.

Die Interessen hinter den Personen. Wider die Personenfixierung der Medien

Warum ist das Verhalten der neuen amerikanischen Regierung unter Donald Trump eigentlich so schwer zu verstehen? Weil die Medien zu sehr auf die Person Trump fixiert sind! Neulich hatte ich bereits über das mediale Ausblenden der Interessen anderer Länder geschrieben. Ich muss dies an dieser Stelle erweitern: Es gibt nicht nur andere Länder mit anderen Interessen, sondern – und jetzt wird es richtig kompliziert – es gibt in diesen Ländern auch Fraktionen und Parteien, die unterschiedliche Interessen verfolgen. Das klingt banal, aber viele Medien scheinen dies insbesondere in ihrer Auslandsberichterstattung zu vergessen.

In den USA findet gerade ein Machtkampf statt. Trump war mit vielen Forderungen angetreten, die diametral zu Teilen der konservativen Elite lagen. Viele seiner politischen Vorstellungen werden nun kassiert, er wird „eingenordet“. Ein solcher Prozess, der zudem vor einer medialen Öffentlichkeit ausgetragen wird, kann nicht frei von Widersprüchen bleiben. Wenn man jedoch nur auf die Person Trump fixiert ist und ihn in der medialen Erzählung als unberechenbaren Charakter etabliert hat, kann man den größeren Prozess hinter diesen offensichtlichen Widersprüchen nicht erkennen und wird alle Widersprüche dem Trumpschen Charakter zuschreiben.

Aber die amerikanische Regierung ist nicht nur Trump. Genausowenig wie Putin für Russland oder Erdogan für die Türkei steht. Aber für die Medien ist es scheinbar einfacher anhand von Personen zu erzählen: Daher geht es auf den Treffen von Staatschefs eben um persönliche Stimmungen, um ausgebliebene Fotos oder unfreundliches Händeschütteln, statt um offensichtliche Interessengegensätze oder dahinterliegende, innenpolitische Machtkämpfe.

In Deutschland funktioniert die personenorientierte Berichterstattung vieler Medien noch, da viele Personen als Sprecher von bestimmten Positionen etabliert sind: Horst Seehofer steht für eine klare Abschiebepolitik, de Maiziere für die knallharte Innenpolitik, Martin Schulz für neuen Wind in der SPD, Angela Merkel für einen freundlichen Umgang mit Flüchtlingen (auch wenn ihre Koalition das genaue Gegenteil beschließt). In der Berichterstattung über die deutsche Politik ist ein breites Personentableau etabliert, da die Medien dem Publikum ein vitales Interesse an deren Positionen unterstellen können.

Es ist unwahrscheinlich, soviel lässt sich wohl an dieser Stelle behaupten, dass es ein solches Personentableau nicht auch in anderen Ländern gibt. Nur fällt es den Medien schwer, in ihrer Berichterstattungsroutine (also jenseits von investigativer Recherche) darüber zu berichten – auch da man ein geringeres Interesse des Publikums an der Innenpolitik anderer Länder unterstellen kann. Der Mangel an etablierten Personen und damit verbundenen Positionen fällt solange nicht auf, wie die Politik des Landes im Rahmen der eigenen medialen Erzählung interpretiert werden kann. Wenn es eben feststeht, dass Russland eine auf Bedrohung und Einverleibung ausgerichtete Diktatur ist, dann reicht es eben auch aus, dies an einer einzelnen Person wie Putin festzumachen. Mehr Personen und Positionen der russischen Politik braucht man nicht – nur noch die aufrechte, gegen ihn (!) kämpfende Opposition. Es gibt sogar bedeutende Länder, da ist noch nicht einmal das Staatsoberhaupt in den deutschen Medien als Person etabliert, z.B. China. Oder würde jemand behaupten, dass Xi Jinping für China steht?

Dies soll jedoch kein Plädoyer für ein erweitertes Personentableau in der außenpolitischen Berichterstattung sein. Häufig verdeckt nämlich die personenfixierte Berichterstattung die eigentlichen dahinterliegenden Interessenkonflikte. Es wäre beispielsweise wenig sinnvoll, wenn nun neben Donald Trump auch noch John McCain in die deutsche Medienerzählung eingeführt wird, der als wichtiger republikanischer Senator für einen wesentlich härteren Umgang mit Russland steht. Dann hätte man nur wieder die Erzählung eines Kampfes von zwei Personen um die Macht. Wichtig wäre es vielmehr, die Lager und ihre dahinterstehenden Interessen zu beschreiben.

Was ist das Problem der USA im Umgang mit Russland? Wer profitiert davon, wenn Russland als Bedrohung dargestellt wird (doch nicht etwa die amerikanische Rüstungsindustrie)? Braucht man Russland auch als Bedrohung um die europäischen Länder als Verteidigungsbündnis an Amerika zu binden und damit Einfluss auf die Politik der Europäer zu haben? Jedoch kann es auch andere Positionen innerhalb der amerikanischen Regierung geben, die sich vielleicht folgende Fragen stellen: Wenn Russland weiter der Feind bleibt, wird es sich dann China zuwenden? Wäre es nicht sinnvoller, diese Allianz zu verhindern, wenn man China als aufstrebende Weltmacht wahrnimmt?

Solche Fragen könnte man in den Medien stellen und so versuchen, die hinter den Personen liegenden Interessen aufzudecken. Der Nachteil wäre: Dann wäre die Berichterstattung über die tagesaktuelle Politik, über die nächste durchs Dorf getriebene Sau allerdings nicht mehr so interessant und spannend.

Die Gesellschaftstherapie. Eine Einführung

Das ist ein wirklich modernes Dilemma: Eine Freundin hatte das Angebot ein Praktikum in China zu machen, wusste aber nicht, wie sie klimaschonend dorthin kommen sollte. Sie überlegte ernsthaft, mit dem Zug zu reisen. Und alles nur, um die gesellschaftlichen Ansprüche in Einklang zu bringen, so viele praktische Erfahrungen wie möglich in ihrem Lebenslauf zu stapeln und gleichzeitig einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck zu haben! Bei dieser absurden Verkreuzung würde sich etwas anbieten, was ich immer schon einmal einführen wollte: Eine neue Form der Therapie – die Gesellschaftstherapie.

Die meisten (mir bekannten) Therapieformen sind darauf ausgerichtet, einen Menschen, der in der Gesellschaft nicht mehr richtig funktioniert, doch wieder zu einem funktionierenden Rädchen zu machen. Dafür muss er – am besten unterstützt durch die Einnahme von Medikamenten – sein Verhalten oder die Wahrnehmung seiner Umwelt ändern. Das ist die klassische Individualtherapie. Die Gesellschaftstherapie hat dagegen das Ziel, den Menschen zu zeigen, dass nicht ihr Verhalten oder ihre Wahrnehmung problematisch sind, sondern die widersprüchlichen und inkompatiblen Ansprüche der Gesellschaft an sie. Diese Ansprüche sind Bestandteile gesamtgesellschaftlicher Diskurse, die sich in vielen Fragen widersprüchlich und inkompatibel gegenüberstehen und die nicht im Kopf eines Einzelnen aufgelöst werden können.

Deshalb würde die Gesellschaftstherapie die Menschen beruhigen und gleichzeitig stärken, indem sie ihnen die Absurdität dieser Ansprüche vor Augen führt. Durch diese Wahrnehmungsveränderung könnte der Kampf der Ansprüche innerhalb der Menschen befriedet und die Aufmerksamkeit auf die Doppelzüngigkeit der Gesellschaft gelenkt werden. Zum Beispiel:

Man soll sich anstrengen und etwas leisten, dann wird man den Aufstieg schon schaffen. Und das in einer Gesellschaft in der Manager selbst bei den Pleiten ihrer Unternehmen absurde Boni bekommen. Aber man soll auch nicht neidisch sein. Und das in einer Gesellschaft, in der alles auf den permanenten Wettbewerb ausgerichtet ist. Oder: Man soll bei der Partnerwahl auf die inneren Werte achten, das Äußere sollte keine Rolle spielen. Und das in einer Gesellschaft, in der die Gesichter von Frauen auf nahezu allen Zeitschriften absurd porenfrei gephotoshoppt werden…

Die klassischen Therapieschulen würden der Gesellschaftstherapie wohl vorwerfen, dass sie den Menschen die Verantwortung für die Gestaltung ihres eigenen Lebens abspricht und dass sie sie zu passiven Opfern der gesellschaftlichen Umstände macht. Ich glaube allerdings nicht, dass sich die Menschen nach dieser Therapie lethargisch und depressiv in ihrem Unwohlsein einrichten werden, weil sie dann wissen, dass sie gegen die gesellschaftlichen Widersprüche nichts ausrichten können. Sie würden wahrscheinlich zuerst die chronische Konservativität der anderen Therapieschulen erkennen, die all die Absurditäten der gesellschaftlichen Ansprüche so selten thematisiert und den Menschen stattdessen lieber Medikamente zum besseren gesellschaftlichen Funktionieren verabreicht. Und sie würden dann auf die Straße gehen und für eine bessere Gesellschaft kämpfen, in der es solche himmelsschreienden Widersprüche nicht mehr gibt.

Das Sternchen und ich. Wie ich zu einem hetero-normativen Arschloch wurde

Neulich bin ich in der Gunst einer Kollegin extrem tief gesunken, weil ich meinen Text nicht sternchen*ge*gendert hatte. Sie sagte, sie habe selten einen so hetero-normativen Text gelesen. Das war skurril – mein Schreibstil hat sich nämlich seit dem Ende meines Studiums gar nicht so sehr verändert. Ich würde sogar sagen, dass ich gender-sensibler geworden bin. Damals war das Sternchen*Gendern allerdings noch gar nicht erfunden und daher hat sich wohl auch niemand über meine Texte beschwert.

Mittlerweile scheint es in der neuen Generation von Soziolog*innen so tief verankert zu sein, dass Texte ohne * sogar Zorn und Wut auslösen können. Wie absurd. Ich habe scheinbar einen Sprung in der Entwicklung der Soziologie verpasst. Ohne mein Zutun bin ich von einem normalen Soziologen zu einem hetero-normativen Arschloch geworden.

Damals vor zehn Jahren, als man noch die Wahl zwischen den Sonderzeichen „_“, „/“ und „*“ hatte, war das Sternchen eigentlich immer das Extremste und damit auch das Absurdeste. Unglücklicherweise habe ich dann verpasst, warum man nun plötzlich nur noch so gendert. Ich kenne das * eigentlich nur von Suchvorgängen in Windows, wenn man nicht genau weiß, wie die zu findende Datei heißt, oder aber als sympathischen Fußnoten-Ersatz, wenn man nur eine Fußnote hat und keine rational-wirkenden Zahlen verwenden will. Sind das die Analogien? Ein Sternchen, weil man gerade noch sucht und nicht genau weiß, welches Geschlecht man eigentlich hat? Oder ist das Sternchen die Fußnote für alle möglichen anderen Geschlechter, die dann aber weder im Text noch in der Fußnote genannt werden?

Leider bin ich auch ein Freund der Lesbarkeit. Und damit wahrscheinlich auch wieder ein konservativer, alter Sack. Aber ich stolpere wirklich über Zeichen, die einfach nicht lesetext%geeignet sind, weil ihre Bedeutung ausgesprochen unklar ist. Aber vielleicht habe ich – analog zur Schreibkompetenz – einfach noch nicht die Lesekompetenz eines*r „normalen“ Gegenwartssoziolog*n entwickelt.

Außerdem wüsste ich wirklich gerne, ob sich tatsächlich jemand durch das Sternchen repräsentiert und in seiner*ihrer Geschlechtsidentität besser verstanden fühlt. Oder ob das nur ein Solidaritätsstatement ist, mit dem die Soziolog*innen zugleich ihr reines Gewissen und ihr inklusives Geschlechtsbewusstsein zeigen. Aber wahrscheinlich hat es sich auch durchgesetzt, weil man damit zugleich das größtmögliche „Fuck You!“ an Leute senden kann, die die Gender-Perspektive gerne unter den Tisch kehren wollen. Jede Generation braucht wohl ihren K*mpf!

Die Idee des Musicals. Oder: Wieso „La La Land“ nur ein inhaltsleerer Tanzfilm ist

Ich muss noch einen Verriss nachliefern. Dies ist besonders wichtig vor dem Hintergrund, dass dieser Film heute Abend bei der Oscar-Verleihung voraussichtlich sehr viele Oscars erhalten wird. Es geht um das „Musical“ „La La Land“.

Zunächst einmal zur Klärung: “La La Land” ist kein Musical! Der Film ist das, was man heute für ein Musical hält: Ein Film, in dem gesungen wird. Wer jemals ein altes Musical gesehen hat, wird das erkennen. In einem Musical, das ist für mich der entscheidende Punkt, drücken die Figuren ihre Emotionen, ihre Träume und ihre Wünsche in Liedern aus. Dadurch versteht man die Figuren besser, sie bekommen in diesem eher seichten Unterhaltungsgenre eine gewisse Tiefe. Das passiert bei La La Land so gut wie gar nicht. Dabei hätte es wunderbare Anlässe für Lieder gegeben.

Die Story geht so: Ein Mann und eine Frau verlieben sich. Beide sind noch erfolglos, haben aber ihre Träume: Er will einen Jazzclub eröffnen, sie will Schauspielerin werden. Als der Erfolg langsam bei ihm kommt, weil er seine musikalischen Ansprüche senkt und durch die USA tourt, zerbricht die Beziehung. In dieser einfachen Story liegt ein unglaubliches Potential für Lieder mit Inhalt. Zum Beispiel: Sie sagt ihm am Anfang, dass sie Jazz hasst. Dann zeigt er ihr „wahren“ Jazz. Aber statt diesen Streit dadurch zu zeigen, dass sie ihren Standpunkt in einem Lied ausführt und Beispiele für Fahrstuhljazz oder nervigen Freejazz vorführt, und er ihr die Finessen, die Innovationen, den Flow, all das was großartig an Jazz sein kann, vorführt, statt diesen perfekten Liedinhalt auszuleben, sitzen sie nur an einem Tisch und er erzählt ihr all das, während die Kamera immer mal kurz zu einem Jazzmusiker zoomt. Wie lahm. Interessant wäre es auch gewesen, ein Lied zu hören, warum er dann den Kompromiss eingeht und in einer Soul-Jazz-Band spielt, die er vorher verachtet und für den Tod des Jazz gehalten hat. Ach, es hätte viele interessante Möglichkeiten gegeben.

Dabei startet der Film sogar mit recht guten Charakterdarstellungen. Beide Hauptdarsteller werden - wenn auch nicht im Sinne eines Musicals in Form von Liedern, so doch durch gut geschriebene Szenen - als Charaktere vorgestellt und plausibel gemacht. Ab der Hälfte des Films rächt es sich allerdings, dass Hollywood keine Vorstellung von Liebe jenseits des Verliebtseins hat. Deshalb gibt es eine deutliche Dysbalance zwischen der überausführlichen dargestellten Kennenlernen-Geschichte und der kaum gezeigten, gelebten Beziehung. Der Film schafft es nicht mehr, die kriselnde und sich langsam auflösende Beziehung zu zeigen. Dafür findet der Regisseur leider keine Sprache und - dies gelang ihm ja vorher auch schon nicht - erst recht keine Lieder.

Stattdessen flüchtet sich der Film ins Tanzen! Ab der Hälfte des Films wird kaum noch gesungen – nur noch getanzt. Daran zeigt sich die größte Schwäche des Films: Er ist ab der Hälfte ohne Inhalt, die Personen haben keine Tiefe mehr, sie haben nichts mehr zu sagen. Deshalb tanzen sie. Es gäbe zwar auch weiterhin Inhalte für die Lieder (die Enttäuschungen, die sich die Hauptfiguren zufügen, und dann das traurige Weiterleben), aber vermutlich war einfach kein Geld mehr da für gut geschriebene Szenen und pointierte Lieder (vielleicht fehlte auch die Erfahrung mit Beziehungen jenseits des Verliebtseins). Aber es war noch Geld für ausschweifige Tanz-Kamerafahrten da, die extrem leer wirken, weil sie eben nicht ausdrücken können, wie es den Figuren geht.

Trotz seiner Länge von über zwei Stunden endet der Film dann ziemlich abrupt. Die entscheidenden Phasen (das Erfolgreich-Werden, das Loslassen) werden einfach nicht gezeigt. Stattdessen wird ein „5 Jahre später“-Text eingeblendet. Beide sind natürlich (wie sollte es in einem Hollywood-Film anders sein) super erfolgreich geworden und treffen sich wieder. Dann passiert aber etwas Interessantes: Es wird gezeigt, wie weit sich Hollywood im Moment traut, auf ein Happy End zu verzichten. Das Happy End wird als Fiktion (wieder in Form eines Tanzes statt eines Liedes) komplett in allen Farben und Facetten ausbuchstabiert, um den Film danach doch noch in den letzten Sekunden „unhappy“ enden zu lassen. Das gezeigte Happy End schafft somit die Fallhöhe für die traurige Realität. Das ist vielleicht die größte Leistung dieses inhaltsleeren Tanz-Films: Die kitschigen Standards zu bewahren und sie dennoch ein wenig zu verschieben.

Die Verliebtheit. Über ihre Erscheinungsformen und ihre Zusammensetzung

Manche Dinge sollte man ja eigentlich nicht rational analysieren. Das war auch der Grund meiner ursprünglichen Angst vor dem Germanistikstudium: Dort sollte man Rilkegedichte nach Reimstruktur und Rhythmus zerlegen und damit alle Freude daran verlieren. Das erwies sich jedoch nur als Aberglaube: Das rationale Wissen um die Form hat die emotionale Freude am Inhalt noch verstärkt, weil man dann erst erkennen kann, wie beides kunstvoll miteinander verschränkt ist.

Und so braucht das Analysieren in meinen Augen auch nicht vor dem heiligsten und reinsten aller Gefühle, vor dem Inbegriff der puren Emotion zu stoppen: Der Verliebtheit. Wer dennoch Angst davor haben sollte, die emotionale Tiefe der Verliebtheit durch eine rationale Auseinandersetzung mit ihr zu verlieren, sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen.

Verliebtheit ist nicht gleich Verliebtheit – es gibt verschiedene Varianten der Verliebtheit. Grundsätzlich kann man vielleicht zwischen Top-Down- und Bottom-Up-Verliebtheit unterscheiden. Top-Down bedeutet, dass man sich Hals über Kopf verliebt – eben die klassische Liebe auf den ersten Blick (Top). Man verliebt sich dabei allerdings oft mehr in ein Bild des Anderen als in dessen reale Person. Später beim wirklichen Kennenlernen der Persönlichkeit wird das idealisierte Bild dann mit einem realistischen Bild konfrontiert – oft folgt hier ein schroffer Aufprall (Down). Im Gegensatz dazu steht die Bottom-Up-Verliebtheit. Sie ist durch ein langsames Annähern gekennzeichnet. An ihrem Anfang stehen keine Idealisierungen und keine großen, filmreifen Liebesgefühle (bottom). Erst durch das gegenseitige Kennenlernen im Alltag wird die Verliebtheit langsam immer größer (up).

Medial präsenter ist natürlich die Top-Down-Variante (ohne allerdings jemals das Down näher zu beleuchten). Diese Form der Verliebtheit setzt sich wiederum aus verschiedenen Anteilen zusammen, die man separat beschreiben kann. Alleine würde vermutlich keiner dieser Anteile zu einer Verliebtheit führen, aber in ihrer Mischung bilden sie die Voraussetzung für Verliebtheit:

Der seelenverwandte Anteil
Man entdeckt in dem Anderen einen Seelenverwandten. Man fühlt sich erstmalig voll und ganz verstanden, weil der Andere ähnliche Erfahrungen wie man selbst gemacht hat. Man versteht sich einfach ohne Worte. Das Schwierige daran: Eigentlich kann nur die Differenz auch die nötige Spannung in einer Beziehung schaffen und zur persönlichen Weiterentwicklung führen. Und: Im banalen Alltag hilft Seelenverwandtschaft oft nicht weiter.

Der Schönheits-Anteil
Man verliebt sich in das Äußere, in die Schönheit und Ausstrahlung des Anderen. Allein beim Anblick des Anderen bekommt man ein Kribbeln im Bauch. Dieser Anteil ist wahrscheinlich ein notwendiger Teil jeder Verliebtheit, wenn allerdings keine weiteren Aspekte hinzukommen, wird diese Verliebtheit nur selten zu einer langen Beziehung führen.

Der Spiegel-Anteil
Der Andere spiegelt einen Selbst: All das Schwanken, all die Unsicherheit, all die unklaren Gefühle – all das kann der Andere ganz klar erkennen und einordnen. Durch diese Normalisierung fühlt man sich geborgen, verstanden und hingezogen. Dass damit eine mächtige, definierende Position und eine abhängige, interpretierte Position etabliert werden, wird meist erst zu spät verstanden.

Der inspirierende Anteil
Der Andere reizt in einem das kreative und musische Potential: Man entwickelt neue Ideen, bastelt Geschenke, schreibt Gedichte und singt Lieder. Diese Fähigkeiten schlummern ja in vielen Menschen. Auf irgendeine Weise wird dies durch den Anderen ausgelöst – es passiert ja nur bei diesem einen Menschen – und zugleich hat es doch wenig mit dem Anderen zu tun. Diese innere Welle aus Phantasie und Kreativität besteht aus einer unentwirrbaren Mischung aus Berauschtheit an den eigenen Ideen und einer idealisierten Vorstellung vom Anderen, die einer Konfrontation mit der Alltagsrealität nur selten stand hält.

Der Contra-Anteil
Man ist begeistert, jemanden gefunden zu haben, der auf der gleichen Augenhöhe ist: Man erfährt endlich echten und fundierten Widerspruch. Die Streits sind hier Teil des Flirtens, sie sind wie eine Kraftprobe. Der positive Kern des Ganzen, das Sich-Eigentlich-Mögen, muss unter all dem Dagegensein allerdings immer noch spürbar sein. Wenn keine weiteren Anteile hinzukommen, kann allerdings dieses dauernde Kämpfen-Müssen auch ermüdend werden.

Der situative Anteil
Dieser Anteil der Verliebtheit entsteht erst aus der Situation heraus: Man schaukelt sich gegenseitig hoch und findet einen gemeinsamen Flow. Es ist viel schöner miteinander, als man es sich je erträumt hätte. Das Gefährliche daran ist, dass man sich nach einem solchen Moment, in dem sich alles perfekt fügte und es einzigartig war, doch wieder im Alltäglichen gegenüberstehen wird und dann (fast) wieder bei Null anfangen muss. Man versucht dann krampfhaft das, was es damals einzigartig gemacht hat, wiederzufinden und den Flow wiederzubeleben.

Der Sehnsuchts-Anteil
Die persönlichen Voraussetzungen der einzelnen Personen spielen natürlich auch eine Rolle. In welcher Situation befinden sie sich? Wie geht es ihnen gerade in ihrem Leben? Was suchen sie? Wenn man durch eine Wüste der Einsamkeit geirrt ist, kann die Erscheinung eines Anderen sehr viel leichter wie eine Oase wirken. Man ist eher bereit und offener dafür, sich zu verlieben. Dies ist natürlich ein Einfallstor für alle möglichen Formen der Projektion.

Dies scheinen mir die wesentlichen Anteile einer Verliebtheit zu sein. Wenn man um diese Anteile weiß, kann man besser erkennen, wenn etwas fehlt: Es kann in den Begegnungen beispielsweise kein Flow entstehen, obwohl man den Anderen sehr attraktiv findet. Man kann extrem kreativ werden, obwohl man seelisch viel zu verschieden ist. Man kann sich seelenverwandt fühlen, obwohl man den Anderen gar nicht attraktiv findet…

Auf diese Weise lassen sich vielleicht einige Ambivalenzen im gegenseitigen Kennenlernen besser verstehen. Und letztendlich kann man es so zusammenfassen: Je mehr dieser Anteile in eine Verliebtheit hineinspielen, desto größer wird die Verliebheit! Umso größer ist natürlich auch die Gefahr, die in dieser Form der Verliebtheit lauert: Die Entidealisierung und Entzauberung im wirklichen Kennenlernen.

Die andere Form der Verliebtheit, die Bottom-Up-Verliebtheit, scheint davor besser gefeit. Nur wird man wohl mit dieser, sich langsam im Alltag steigernden Liebe nur selten die Höhen erreichen, die man mit der idealisierenden Verliebtheit mühelos schon in den ersten Stunden und Tagen erobert…

Die deutschen Interessen. Oder: Der blinde Fleck des Journalismus

Woran erkennt man eigentlich guten Journalismus? Ganz einfach! Wenn es in einer Frage unterschiedliche Interessen gibt, werden diese auch als solche dargestellt: „Partei A will basierend auf Grund 1 und 2 dies, Partei B will basierend auf Grund 3 und 4 das.“

Leider gibt es in der Berichterstattung über die Politik einzelner Länder oft einen blinden Fleck, dummerweise genau dann, wenn es um das eigene Land geht. Denn, und das kann man fast nur staunend feststellen, ja, doch, das eigene Land hat auch Interessen! Und diese können, man möchte es fast nicht glauben, den Interessen anderer Länder zuwider laufen!

An dieser Stelle erkennt man nun auch den schlechten Journalismus. Zugrunde liegt diesem eine enorme Interpretationsleistung: (Vermutlich gibt es hier auch eine psychologische Vorinterpretationsleistung, die möglicherweise so klingt: „Ich lebe hier, hier geht es mir gut, dann müssen wir also die Guten sein.“) „Wenn wir die Guten sind, warum wollen die Anderen dann etwas Anderes als wir?“ Dann können die Anderen nur entweder böse (uns absichtlich schaden wollen) oder dumm sein (zu dumm, um zu erkennen, dass sie uns schaden)! Die Anderen brauchen dann natürlich noch Gesichter – ganze Völker kann man schlecht als böse oder dumm darstellen. Dafür gibt es glücklicherweise Staatsoberhäupter. Also sind beispielsweise Putin und Assad böse. Und Trump ist dumm.

Das Problem solcher Interpretationsleistungen ist nicht nur, dass sie die berechtigten Interessen anderer Länder ausblenden, sondern auch, dass sie eine stark prägende Wirkung auf alle weiteren medialen Erzählungen haben: Wenn beispielsweise der dumme Boris Johnson die Briten zur dummen Entscheidung verführt, aus der EU auszutreten, dann kann das nicht plötzlich – beispielsweise sechs Monate später – eine kluge Entscheidung gewesen sein. Wenn der böse Russe (also eigentlich auch nur Putin höchstpersönlich) den guten Amerikaner (also eigentlich auch nur den dummen weißen Unterschicht-Amerikaner) verführt, den dummen Trump zu wählen, dann kann der dumme Trump nicht plötzlich klug sprechen. Mit jeder dieser Interpretationen spinnen die Journalisten weiter an einer fortlaufenden Erzählung, aus der sie später nicht mehr ohne Gesichtsverlust aussteigen können.

Aber sie spinnen ja glücklicherweise auch nicht alleine an dieser Erzählung: Die wesentlichen Erzählfäden erhalten sie aus der Politik, die ganz froh ist, dass die Journalisten sich so schön unhinterfragt mit den Interessen ihres eigenen Landes identifizieren. Die Identifikation der Journalisten mit den Zielen ihrer nationalen Politiker ist so stark und blendet so extrem die berechtigen Interessen anderer Staaten aus, dass man fast von einem Nationaljournalismus sprechen kann. Mit dessen Hilfe lässt sich die eigene Politik beispielsweise in der EU oder gegenüber Russland viel einfacher durchsetzen.

Deshalb plädiere ich hier für einen kritischeren Journalismus: Nur, weil es sich nicht mit unseren Interessen deckt und wir es nicht sofort verstehen können, heißt es noch lange nicht, dass es nur irrational erklärbar ist und kein berechtigtes Interesse dahinter steckt. Und ich plädiere für kritische Leser: Immer wenn im Journalismus mit Formen der Irrationalität, also beispielsweise Bösartigkeit oder Dummheit, argumentiert wird, sollte man sehr skeptisch werden und sich fragen, welches deutsche Interesse steckt eigentlich hinter dieser Darstellung!

Generation Paartanz

Es herrscht kein Mangel an Generationsbezeichnungen: Gefühlt hat wohl jeder Journalist mal eine erfunden. Die Halbwertzeit der Bezeichnungen schwindet spürbar: Generation X, Y, Z. Was kommt als Nächstes? Generation „Ä“?

Dieser Generationen-Bezeichnungs-Inflation will ich hier einen dauerhaften Generationen-Bruch entgegenstellen, der bisher viel zu wenig beachtet wurde: Die Bruchlinie zwischen der „Generation Paartanz“ und der „Generation Individual-Tanz“. Auf den Feiern meiner Eltern findet Tanz vollkommen selbstverständlich nur in Form des Paartanzes statt. Auf den Feiern meiner Generation ist diese Form des Tanzes völlig inexistent, stattdessen tanzt jeder für sich allein. Lediglich in Tanzschulen, in Tanzsportvereinen und auf Hochzeiten existiert noch eine Nische für den Paartanz. Die Generationen-Grenze verläuft scheinbar zwischen 40 und 50.

Aber ist das vielleicht auch eine Altersfrage? Je älter man wird, desto eher wechselt man in die „Generation Paartanz“? Man hat nicht mehr die Gelegenheiten zum (individuellen) Tanzen und auch nicht mehr das Bedürfnis nach einem expressiven Ausleben des Selbsts – es greift eine „Da bin ich zu alt für“-Logik. Und bei den wenigen Gelegenheiten, in denen noch zu tanzen wäre, sucht man – dem Alter entsprechend – nach geordneten Strukturen. Die Tanzschulen würden dann genau an diesem altersbedingten Übergang von Wildheit zu Ordnung operieren. Dann wäre es gar keine Generationenfrage mehr, sondern nur ein Zeichen des Älterwerdens.

Aber so will ich mir das noch nicht vorstellen! Da glaube ich lieber weiter an die „Generation Paartanz“. Und muss natürlich an dieser Stelle auch das tun, was man als klassischer Generationenbezeichner macht: Ich muss vor dem kulturellen Verfall warnen! In weniger als 30 Jahren werden die letzten Exemplare der „Generation Paartanz“ ausgestorben sein. Dann wird das Kulturgut „Paartanz“ bedroht sein. Dann wird es Videos in Museen geben, unter denen „Cha-Cha-Cha“, „Rumba“ und „Discofox“ steht, und die Jugendlichen werden feixend davor stehen und sich darüber wundern – genauso wie sie sich heute über Mittelalterliche Tänze wundern.

Dem gilt es Einhalt zu gebieten! Junge Menschen schließt die Lücke! Geht in die Tanzschulen! Tanzt Paartanz auch in den Clubs! Techno hat einen Vier-Viertel-Takt – ja, ganz genau wie der Disco-Fox und der Cha-Cha-Cha!

Das Non-Arrival der Charaktere. Wider die filmische Handlungsüberflutung

Er rennt weg. Er wird verfolgt. Er wird angeschossen. Er entkommt ganz knapp. Er findet einen Ort zum Ausruhen und kann sich selbst wieder zusammenflicken. Er wird weiter verfolgt und rennt wieder weg… Und am Ende tötet er den Oberbösewicht.

So könnte man vielleicht das klassische Handlungsprinzip von Action-Filmen zusammenfassen. An dieser Art des Films wird in meinen Augen ein zunehmendes Problem vieler moderner Filme deutlich: Sie vergessen die Charakterentwicklung und widmen sich nur noch der Handlung. Die Frage bleibt offen: WER rennt da eigentlich weg? Wenn man Glück hat, bekommt der Held noch eine kurze Vorgeschichte (meist irgendein Verlust: eine Frau, ein Kind oder die eigenen Eltern), aber immer häufiger wird auf die Entwicklung eines Charakters komplett verzichtet. Der Held wird gemeinsam mit dem Zuschauer in die Geschichte hineingeworfen und kämpft nur noch gegen die immer neu aufpoppenden Probleme.

Ich will den Mangel, der dadurch entsteht, mal an einem viel gelobten Film verdeutlichen, der weniger dem oben beschriebenen Muster entspricht und dennoch die gleichen Fehler begeht: Am Film „Arrival“. Die Story ist wie folgt: Aliens tauchen plötzlich auf. Eine Sprachenexpertin soll mit ihnen Kontakt aufnehmen und mit ihnen kommunzieren lernen. Die Aliens bieten der Menschheit eine Sprache an, die jenseits der Zeit gesprochen werden kann. Die Sprachexpertin kann durch das Lernen dieser Sprache in die Zukunft schauen und sieht so ihre eigene Zukunft: Wie sie ein Kind bekommt und es liebt – und wie es dann an einer seltenen Krankheit stirbt.

Soweit die Handlung, die nicht durch irgendeine Form der Entwicklung ihres Charakters unterbrochen wird. Es geht ja darum, so schnell wie möglich herauszufinden, was die Aliens wollen – die Chinesen und Russen (natürlich: die Bösen) wollen die Aliens nämlich zeitgleich kriegerisch vertreiben, während die Amerikaner (so ist es halt ihre Art) mit den Aliens reden und sie verstehen wollen. Aber dann kommt die finale Frage des Films: Die Sprachexpertin kann entscheiden, ob sie diese Zukunft will – mit einem Kind, welches sie liebt und das dann stirbt. Nachdem eine schier endlose Fülle an zukünftigen tollen Momenten vor ihrem inneren Auge vorbeigezogen ist, entscheidet sie sich natürlich für die Zukunft mit Kind. Das soll dramatisch sein, funktioniert aber in meinen Augen nicht – eben weil die Hauptdarstellerin im Laufe des Films keinerlei Charakter entwickeln konnte. WER entscheidet denn da? Man kennt diese Person überhaupt nicht. Wenn man den Charakter entwickelt hätte, hätte man auch gewusst, ob sie überhaupt eine Wahl hat: Jegliche Entscheidung muss ja in irgendeiner Form auch durch die Person des Entscheidenden motiviert sein. So ist die Hauptdarstellerin nur eine leere Hülle für unsere eigenen Projektionen. (Möglicherweise ist das auch gewollt: Es soll der Effekt entstehen, dass der gebildete Zuschauer ein wenig nachdenklich nach Hause geht und an der semi-philophischen Frage „Was hätte ich an ihrer Stelle getan?“ rumgrübelt.)

Die mögliche Dramatik des Films wird hier durch eine Flut an Handlung hinweggespült. Der ganze Film lebt nur von den Reaktionen der Darsteller auf die von außen gestellten Aufgaben und Probleme: Sie sind Getriebene der Handlung, die Charaktere werden dabei (etwas pathetisch gesprochen) auf dem Altar eines allgegenwärtigen Spannungsbogens geopfert.

Doch schließt sich das vielleicht auch aus: Handlung und Charakter? Kann man nur eines von beidem zeigen? Gibt es eben auf der einen Seite handlungsorientierte und auf der anderen Seite charakterorientierte Filme? Dann wären schauspielerische Fähigkeiten nur für die einen nötig, in den anderen müsste man nur grimmig schauen und gut rennen können – die Schaupieler wären bessere Stuntdoubles.

Ich glaube nicht, dass sich das ausschließt. Es braucht nicht viel Zeit, um einem Darsteller einen Charakter zu geben. Die einfachste und zeitsparendste Methode ist wohl, wenn der Darsteller mit Humor oder Sarkasmus auf die Probleme reagiert, die unaufhörlich vor ihm aufpoppen. Man braucht also nicht einmal Extra-Szenen in die, die Zuschauer überströmende Handlungswelle einzufügen. Und am Ende ist es sogar schon so etwas wie eine Charakterentwicklung, wenn der immer gewitzte Hauptcharakter mal etwas Ernstes erlebt und keinen zynischen Spruch dazu macht.

Die zweite Möglichkeit, um einen Charakter zu entwickeln, scheint mir die Entwicklung einer Beziehung zu sein. Diese kann durch Emotionen gekennzeichnet sein: Die Anziehung oder die Rivalität zu einer anderen Figur oder ganz klassisch: die Wut auf den Bösewicht. Der Hauptdarsteller kann auch einen Sidekick bekommen, mit dem er sich unterhalten (!) kann. Kommunikation ist (naheliegenderweise) einer der wichtigsten Wege, Charakteren etwas Tiefe zu verleihen und ihre Motive deutlicher zu machen. Das fordert mehr Zeit und auch einige ruhige Szenen – aber je tiefer die Beziehung zu den anderen Figuren enwickelt wird, desto deutlicher und konturierter werden auch die Darsteller.

Die dritte und wohl aufwändigste Möglichkeit ist es, den Darsteller bereits am Anfang des Films vor eine kontroverse Entscheidung zu stellen. Dabei wählt er die schlechtere Option und wird dadurch, dass er im weiteren Verlauf des Films die Konsequenzen dieser Entscheidung tragen muss, zu einem echten Charakter. Am Ende kann es dann eine Katharsis geben: Es wird alles gut, indem er eine weitere – und diesmal richtige – Entscheidung trifft.

Es gäbe also einige Möglichkeiten, auch in Actionfilmen Charakter und Handlung zusammenzubringen. Sollte es wirklich daran liegen, dass das Geld statt in gute Drehbücher in die Umsetzung der Visual Effects fließt? Dabei sind die Drehbücher doch vorher da, und die Studios entscheiden, welche später mit teuren Visual Effects umgesetzt werden. Warum beschweren sich die Zuschauer nicht? Erwarten sie gar keine Charaktere mehr auf der Leinwand, wenn sie einen Actionfilm sehen? Wollen sie angesichts all der Visual Effects nur dumpf abschalten und nur noch Figuren sehen, die durch die effektvoll inszenierte Handlung hetzen und durch nichts weiter als die primitivsten Motive (Wut und Rache) angetrieben werden?

Die Suche nach der Männlichkeit. Oder: Die Angst vor der Schwäche

Um mich herum poppen die Männergruppen aus dem Boden, um mich herum stürzen sich Männer inbrünstig auf Männerbücher! Ich kann das, ehrlich gesagt, kaum verstehen.

Es wurden ja schon endlose Regalmeter zu diesen Themen geschrieben: Der Mann ist das wahre schwache Geschlecht, weil viel größerer Druck auf ihm lastet und weil er zugleich einfach nicht an seine Gefühle ran kommt. Der Mann hat seine Rolle verloren, weil die Frau sich emanzipiert hat und einfach nicht mehr auf den Macho steht: Jetzt steht er irgendwo zwischen Macho und Softie rum – und weiß nicht in welche Richtung er gehen soll.

Diese Diagnosen laufen dann auf zwei einander widersprechende Kuren hinaus: Da gibt es die verschlossenen Typen, die keinen Zugang zu ihren Gefühlen haben, und die sich nun treffen, um ihre Gefühle im frauenfreien Raum endlich mal rauszulassen. Und da gibt es auf der anderen Seite die gefühlvollen Versteher-Typen, die endlich mal in einem Seminar die Macho-Luft schnuppern und ihrer Höhlenmenschen-Herkunft huldigen wollen. Beide Seiten wollen sich also einander annähern.

Es geht ja grundsätzlich um die Frage, wie man mit Schwäche umgeht: Die einen trauen sich nicht, sie zuzulassen, weil sie Angst haben, dass sie dafür ausgelacht oder verachtet werden und ihnen prompt das Mann-Sein entzogen wird. Die anderen spüren, dass ihr Mann-Sein aufgrund ihrer offenkundigen Schwäche und Weichheit von außen in Frage gestellt werden könnte und versuchen sich durch besonders zur Schau gestellte Männlichkeit und Aggressivität abzusichern.

Was ist denn aber am Schwach-Sein so schlimm? Meine These wäre, dass die Schwäche für all das steht, was in der Öffentlichkeit ausgeschlossen ist: Es geht um das Fehler-Eingestehen, um das Angst-Haben, um das Unentschlossen-Sein, … kurzum, es geht um das Nicht-Funktionieren. Die gegenwärtige Gesellschaft vermittelt damit ein skurriles und völlig realitätsfernes Bild davon, wie sich Menschen in der Öffentlichkeit verhalten: Jeder ist erfolgreich, jeder ist beherrscht, jeder weiß, wie er sich entscheiden soll, jeder funktioniert. Diese Vorstellung des öffentlich-erlaubten Verhaltens strahlt auch auf das Private ab. Sie wirkt nicht nur bei Männern – auch Frauen spüren dies zunehmend. Insbesondere die emanzipierte Frau darf sich ja keine Schwäche erlauben – was wiederum den Männern noch mehr Angst macht, weil sie dies dann auch von ihrem Mann erwartet.

Aber mit einer solchen sehr rationalen Argumentation kann man wahrscheinlich keinem Mann helfen, der sich von der einen oder anderen Seite vor der Schwäche schützen will.

Den einen könnte helfen, die Schwäche nicht hinter einem Staudamm aus Stärke anzustauen – denn dann muss sie wirklich irgendwann hervorbrechen und wird alles unkontrolliert überfluten. Besser ist es, sich die Schwäche auch zwischendurch zuzugestehen und sie herauszulassen (nicht nur in einer Männergruppe). Anfangs eher in überschaubaren und sicheren Settings, später vielleicht auch in der Öffentlichkeit. Erst wenn man das macht, wird man erfahren, dass die wenigsten Menschen das beschriebene öffentliche Bild erfüllen, sondern dass jeder Mensch auch mal zweifelt oder Angst spürt und dafür vielleicht sogar Verständnis aufbringen kann.

Den anderen würde ich raten, dass sie wertschätzen lernen sollten, was sie im Gegensatz zu den eben genannten Männern schon können. Außerdem sollten sie mal R.W. Connell lesen. Der australische Soziologe hatte in den 90er Jahren die Idee der „hegemonialen Männlichkeit“ entwickelt.* Darunter versteht er eine Vorstellung, wie Männer zu sein haben, z. B. beschrieben in den vier goldenen Regeln der Männlichkeit: No Sissy Stuff, Be a Big Wheel, Be a Sturdy Oak und Give ‘em Hell. Dies ist aber nur eine Form der Männlichkeit, die andere Arten werden – wie es eben ein Hegemon so tut – marginalisiert und unterdrückt, z. B. die homosexuelle Männlichkeit – das sind dann eben keine Männer.

Wenn man diese Logik und ihre recht willkürliche Einteilung einmal durchschaut hat und zudem auch erkennt wieviele Männer darunter eigentlich leiden (siehe oben), kann man für sich selbst vielleicht so etwas wie eine flexible Männlichkeit entwickeln. Diese folgt dann dem Prinzip: Ein echter Mann ist jemand, der über den Regeln der Männlichkeit stehen kann und es schafft, gegen diese auch zu verstoßen.

Das aber lernt man nicht in den Männerbüchern und in den Männergruppen. Da geht es für die einen darum, die genannten Regeln der hegemonialen Männlichkeit in einem geschützten Raum mal aussetzen zu können, und für die anderen, diese archaischen Regeln als wertvolle Identitätsstütze auswendig zu lernen und dann im Alltag anzuwenden. Ein Ausbruch aus der Logik der hegemonialen Männlichkeit ist so leider nicht möglich. Schade. Wenn man sich schon so ausgiebig mit der Männlichkeit beschäftigt, könnte man ja statt sich im Kreis zu drehen, auch den Ausbruch wagen.

*Später hat Connell übrigens das Geschlecht gewechselt und ist nun die Soziologin Raewyn Connell.

Die Entschuldigungsvermeider

Es gibt Menschen, die können sich nicht entschuldigen. Ich finde das ziemlich merkwürdig, da ich mich mein Leben lang immer entschuldigt habe. Das ging soweit, dass Freunde früher manchmal zu mir sagten, ich würde mich ja sogar für die Entschuldigung entschuldigen. Daher habe ich das Phänomen, sich gar nicht entschuldigen zu können, im Laufe der Zeit mit den unterschiedlichsten Gefühlen beobachtet: Erst mit Unverständnis, dann mit Abscheu und mit Wut, dann mit Faszination für das Andere und zuguterletzt vielleicht sogar mit so etwas wie Empathie.

Nehmen wir eine einfache, etwas altertümliche Szene: Ein Streit eskaliert zwischen zwei Partnern und er beschimpft sie wüst. Sie verlässt den Raum. Nachdem alles etwas abgekühlt ist, geht es um die Aufarbeitung. Wenn es eine halbwegs funktionierende Streitkultur gibt, wird dann jeder erstmal erzählen, wie er oder sie die Situation überhaupt wahrgenommen hat: „Was du gesagt hast, hat mich so wütend gemacht!“ Und hier an dieser Stelle trennen sich die Wege der Entschuldigungs-Unfähigen und der -Fähigen. Der Entschuldigungsvermeider wird die ganze Zeit auf seinem Standpunkt beharren: Alle Umstände der letzten Zeit werden herangezogen (z.B. Stress, Müdigkeit, Krankheit). Und alles, was der andere getan hat, wird letztlich zu der gerechtfertigten Handlung am Ende führen. Der Vermeider wird - ums Verrecken nicht - die einfachen Worte „Es tut mir leid!“ oder „Entschuldige!“ über die Lippen bringen. Dann würde er nämlich einen Fehler eingestehen. Dann würde er einsehen müssen, dass er selbst etwas getan hat, was den anderen verletzt hat. Dann würde er Mitgefühl für die Position des anderen aufbringen müssen.

Die Theoretiker dieser Position sagen dann so etwas wie: „Es gibt nur deine Position und meine Position. Wir können uns darüber austauschen, warum wir das so sehen, aber so etwas wie Schuld oder Verletzung gibt es dazwischen nicht. Daher muss sich auch niemand entschuldigen. Es ist alles bloß meine oder deine Wahrnehmung.“ Es wird ausgeblendet, dass man durch seine Handlungen etwas in dem Anderen auslösen kann, dass es eben jenes Dazwischen gibt und das dies ein wesentlicher Teil des menschlichen Zusammenlebens ist. Es ist ein selbstbezogenes, monadisches Universum, in dem diese Menschen leben. Das Maximum, das der Vermeider sagen kann ist: „Meine Handlung war so und so gemeint und nicht so, wie du sie wahrgenommen hast.“ Das ist ihre Form der Entschuldigung.

Wahrscheinlich spiegelt sich hier auch die schöne Unterscheidung wider, die Fritz Riemann in seinem Werk „Grundformen der Angst“ entwickelt hat: Es gibt die Angepassten, die immer auf ihr Umfeld und deren Wünsche achten. Sie haben Angst davor, sie selbst zu werden, sich von der Masse zu individuieren. Und es gibt die Ich-Bezogenen, die nur auf ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse achten. Sie haben Angst davor, sich selbst zu verlieren, wenn sie auf die Bedürfnisse der Anderen achten.

Und dies äußert sich eben auch in der Entschuldigungsfähigkeit: Während ich als Angepasster eher die Wünsche meines Umfelds wahrnehme und mich daher immer für mein So-Sein entschuldige, ist es für einen Ich-Bezogenen extrem schwer, sein So-Sein loszulassen und zu akzeptieren, dass es auch Ansprüche der Umwelt an ihn gibt und er sich nicht auflösen wird, wenn er diesen nachgibt.

Wichtig ist aber, dass es sich bei dieser Unterscheidung auch nur um eine graduelle und nicht um eine Entweder-Oder-Unterscheidung handelt. Man befindet sich auf einer Skala: Der eine Pol ist die totale Ich-Bezogenheit, der andere ist die totale Selbstauflösung. Je näher man sich an den Extrempolen befindet, desto eher wird man zur ständigen Entschuldigung oder zur Vermeidung jeder Entschuldigung neigen.

Der Tiger und die Angst

Manche Erkenntnisse bleiben für immer mit dem Moment ihrer Entdeckung verknüpft. So auch meine Erkenntnis über die Sinnhaftigkeit der Angst:

Vor einiger Zeit hatten wir samstags immer eine Kaffeerunde, die aus ausgedehntem Rumsitzen und Philosophieren bestand. Eines Tages kam ein älterer, weißbärtiger Mann ins Café. Er hatte Hippieklamotten an, sprach nur Englisch und wirkte wie ein Guru. Er bestellte sich einen Kaffee und wir kamen über die Tische ins Gespräch. Nach einer Weile setzte er sich zu uns.
Das Gespräch kam auf Umwegen zum Thema Angst. Er sagte schroff, dass Angst etwas Sinnloses sei. Wir argumentierten dagegen, dass es doch nur natürlich sei, Angst zu haben. Dann erzählte er diese Geschichte: Wenn man im Urwald unterwegs sei, könne man die ganze Zeit Angst vor dem Tiger haben, der hinter jedem Busch lauern könnte. Jedes Knacken könnte man als sein Kommen, jede Bewegung in der Nähe als sein Auftauchen interpretieren. Man könnte sich ausmalen, was man tun würde, wenn der Tiger vor einem stünde, wie man wegrennen oder auf den Baum klettern würde. All das werde ausgelöst durch die Angst. Aber was wirklich in einem vorgeht, wenn der Tiger vor einem steht, das seien tausend andere Emotionen und Gedanken: Es wäre Adrenalin da, es wäre Reflex da, es wäre eine blitzschnelle Beurteilung der Umgebung – Angst wäre nicht da. Also: Wozu vorher all die Angst? Wozu die Vorstellung des Tigers? Wozu das ganze Ausrichten auf das mögliche Erscheinen des Tigers?

Es war ein sehr schönes Plädoyer für das Leben im Hier und Jetzt. Aber hier endet die Geschichte noch nicht, sie bekam noch eine interessante materielle und eher irdische Wendung:
Kurz danach stand der ältere Mann auf und verschwand, ohne zu bezahlen. Irgendwie sah er plötzlich auch nicht mehr nur wie ein Guru aus, sondern auch wie ein Landstreicher. Konsequenterweise lebte er also seine eigene Theorie der Überflüssigkeit der Angst auch: Hätte er sich, ohne Geld zu haben, vorher Gedanken gemacht, wie er seinen Kaffee bezahlen sollte (der Tiger), er hätte seine Theorie bestimmt nicht so entspannt ausführen können (Spaziergang durch den Dschungel). Wir bezahlten dann für ihn – und erlegten so den Tiger, der für ihn (vielleicht) gar nicht vorhanden war.

Die Songopedia. Eine Utopie

Ich hatte mal einen Freund, der konnte seine Gefühle nur durch Musik ausdrücken. Wenn er jemanden sagen wollte, wie er sich fühlte, spielte er einem ein Lied vor. Musik war für ihn der Spiegel seiner Seele. Wahrscheinlich geht es vielen Menschen ähnlich – wenn vielleicht auch nicht in dieser radikalen, nur auf Musik fokussierten Form. Aber sie können Trost in der Musik finden, wenn sie wissen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein sind und jemand anderes diese Gefühle sogar auch schon einmal in pointierter Form ausgedrückt hat.

Doch leider gibt es unendlich viel Musik, die einem unbekannt ist und die viellicht aber doch gerade die Themen behandelt, die einen beschäftigen. Daher plädiere ich dafür, so etwas wie eine „Songopedia“ aufzubauen. Die Lieder wären dort thematisch nach Songinhalten sortiert.
Da sich die meisten Lieder um Beziehungen drehen, würden in der Songopedia beispielsweise die prototypischen Verläufe von Beziehungen abgebildet sein:

  1. Verliebtsein – Abgelehntwerden – Schmerz.
  2. Verliebtsein – Zusammenkommen – Auseinanderleben – Trennung – Schmerz
  3. Verliebtsein – Zusammenkommen – Zusammenbleiben – Weiter verliebt sein – Kinderkriegen – Sich auseinanderleben – Betrogenwerden – Doch wieder zueinander finden – Gemeinsam alt werden

Den einzelnen Kategorien werden dann die passenden Lieder zugeordnet. So kann sich jeder das Lied raussuchen, das seinem momentanen emotionalen Zustand entspricht. Wenn man also die Kategorie „Verliebtsein“ wählt, hätte man beispielsweise „Unforgettable“ von Nat King Cole zur Auswahl. Natürlich könnte man dann noch Unterkategorien des Verliebtseins bilden: Heimliches Anschmachten; Einseitiges Verliebtsein; Beidseitiges Verliebtsein; Verliebtsein, aber der oder die andere ist noch vergeben, usw.
Die meisten Lieder handeln wahrscheinlich vom Verliebtsein bzw. vom unglücklichen Verliebtsein. Aber man würde auch Lieder entdecken, die sich mit den oftmals entstehenden, tragischen Mustern von längeren Beziehungen auseinandersetzen (so zum Beispiel das äußerst selbstzerstörerische „He hit me, and it felt like a kiss“ oder das selbstkritische „Anger“ von Marvin Gaye).
Die Lieder würden nicht nur nach Beziehungsverläufen sortiert sein. Sie könnten auch nach Alter sortiert sein: Kindliche Ich-entdecke-die-Welt-Musik, Pubertäre Ich-scheiß-auf-die-Welt-Musik; Adoleszente Ich-will-die-Welt-verbessern-Musik; Midlife-Crisis-Sinnkrisen-Musik; Einverstanden-mit-der-Welt-Sein-Alters-Musik.
Dasselbe könnte man dann auch mit Filmen und Büchern machen. Es würde eine riesige Mediapedia entstehen. Und niemand müsste sich mit seinen skurrilen Gefühlen und Gedanken mehr allein fühlen.

Die Entstehung des Geschmacks – Jetzt vollständig erklärt!

Eigentlich hätte ich mir den ganzen vorigen Eintrag sparen können, da ich jetzt eine bessere Erklärung für das Phänomen „Geschmack“ gefunden habe: Geschmack ist eine verallgemeinerte Erfahrung. Man erlebt etwas, verarbeitet und speichert es dann als „Erfahrung“. Je tiefer das Erlebnis und die daraus resultierende Erfahrung, desto eher wird es „Geschmack“ werden.

Ein banales Beispiel ist wohl der Geschmack beim Essen: Wenn man als Kind immer gezwungen wurde, etwas zu essen, wird man es später gar nicht mehr „schmecken“ können. Auch die Vorliebe vieler Menschen für Sonnenuntergänge kann so erklärt werden: Jeder macht seine individuelle Erfahrung damit, sei es ein romantisches Abendessen zu zweit oder ein trauriger Liebesfilm – diese Erfahrung prägt die weitere ästhetische Naturwahrnehmung.

Auch die Rolle der Anderen kann in diesem Prozess erklärt werden. Es kann ja gerade ein Erlebnis sein, mit einem neuen Kleidungsstück durch die Straßen zu gehen und die erwünschte positive Rückmeldung („Das sieht aber schick aus!“) oder negative Rückmeldung (der wohlsituierte Bürger zum Punk: „Oh mein Gott, wie sieht der denn aus?“) zu bekommen. Dadurch festigt sich der eigene Geschmack.

Wenn man auf einem Gebiet noch keine Erfahrungen gemacht hat, kann man sich erstmal nur an den Mainstream halten – der sich in den Angeboten der Unternehmen spiegelt. Und entweder man erlebt etwas, das einen hinaus katapultiert, oder man bleibt im Mainstream und weiß gar nicht, dass es etwas jenseits davon gibt.

Mein Weg zur Erleuchtung. Über die Entwicklung eines eigenen Geschmacks

„Was ist denn eigentlich das Problem mit den Lampen?“, fragte mich ein Freund beim Mittag. „Man kauft einfach die, die einem gefällt.“ So einfach ist das also! Seit einigen Wochen richte ich meine neue Wohnung ein und quäle mich mit absurden Spezial-Entscheidungen, vor denen ich nie stehen wollte: Industrielampen, Bauhauslampen, Kronleuchter oder doch einfache Ikeapapierlampen?

Filme, Musik, Essen – dort habe ich über Jahre hinweg einen (halbwegs eigenen) Geschmack entwickelt. Aber Lampen? Oder auch Möbel? Bei Filmen und Musik merke ich ja, wenn ich emotional oder ästhetisch berührt werde, beim Essen spüre ich sogar den Geschmack. Aber was kann einem eine Lampe oder ein Möbelstück geben?

Zugegeben, jahrelang war ich ein Geschmacksanfänger. Mein ehemaliger Mitbewohner war schon damals mit seinen zwanzig Jahren Geschmacksprofi. Er hatte zu allen Dingen eine passende Einschätzung: „Das ist geil! Das ist scheiße! Das ist wie… “ Ich hab mich nur immer gefragt: Woher nimmt er diese Sicherheit? Ich sah die Dinge an, die er so klar einordnen konnte, und dachte: „Aha.“

In einigen Bereichen habe ich mich langsam – ohne es zu wissen – vorgearbeitet. Die Filme von Andrej Tarkowski haben mir die ästhetische Dimension von Filmen nahegebracht. Ich lernte meinen eigenen Filmgeschmack kennen… Aber ist das eigentlich die richtige Formulierung? Lernte ich ihn kennen oder entwickelte ich ihn? Ist Geschmack also etwas Angeborenes oder etwas Soziales? Vor einiger Zeit wollte ich in meiner wissenschaftlichen „Lieblings“disziplin, der Psychologie, nach Antworten suchen (– natürlich nur um mich dann abzugrenzen und zu sagen: „Das ist alles viel zu simpel.“). Aber ich fand (bei der eher kurzen Recherche) nicht mal eine passende Theorie. Woher kommt also der Geschmack, beispielsweise in Form eines Sinnes für Ästhetik? Wann entwickelt er sich?

Wieso finden beispielsweise so viele Menschen Sonnenuntergänge und Regenbögen schön? Ist das nur, weil sie als Kinder neben ihren Eltern standen, die diese Situationen schön fanden, weil diese ebenfalls als Kinder neben ihren Eltern standen, usw.? Oder ist es, weil diese Situationen in so vielen Filmen und Liedern als romantische und emotionale Momente eingebettet werden? Wahrscheinlich beides. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass es eine genetische Vorprägung für die ästhetische Wahrnehmung der Natur gibt. Vielmehr muss es wohl eher eine Offenheit, einen Möglichkeitsraum für solche Erfahrungen im Laufe der Kindheit oder Jugend geben.

Wahrscheinlich ist die Entwicklung eines eigenen Geschmacks ein wesentlicher Aspekt der pubertären Identitätsentwicklung. Das macht sich natürlich weniger an den beschriebenen ästhetischen Naturerfahrungen fest, sondern an wesentlich leichter greifbaren Geschmacksfragen: an Musik und Mode. In diesen Bereichen können Teenager erstmals ihren eigenen Stil und Geschmack entwickeln. Allerdings auch nur in den Grenzen des gesellschaftlich Vorgegebenen: Sie schöpfen (meist) aus dem bestehenden kulturellen Rollenfundus und den dazugehörigen kommerziellen Angeboten des Musik- und Mode-Marktes (z. B. Metal, Alternative, HipHop).

Für viele ist diese Phase geschmacklich prägend für die nächsten Jahre. Der entwickelte Geschmack kann dann entweder durch zunehmendes Insiderwissen verfeinert und individualisiert werden oder er wird unbemerkt – wahrscheinlich aufgrund der mangelnden Alterskompatibilität vieler Musikstile – sanft abgelöst und beispielsweise durch den musikalischen Radio-Mainstream ersetzt.

Ich hatte eine stilistisch nicht prägende Pubertät voller Normalität und Angepasstheit. Daher war ich wohl auch ebenjener Geschmacksanfänger. Mein ehemaliger Mitbewohner hatte eine „krass“ (so sagte man das damals) identitätsbildende Alternativ-Pubertät. Während ich also im Laufe des Studiums alles nachholen musste, hatte er seinen Geschmack schon längst entwickelt – den er nun zu Teilen tatsächlich noch verfeinert und zu Teilen aber auch verbürgerlicht hat.

Nur: Wann entwickelt sich denn dann bitteschön der Möbel- und – noch wichtiger – der Lampengeschmack? Bei der Einrichtung der ersten Wohnung? Wo sind da die Rollenvorbilder? Wo ist da die ästhetische Vorprägung? Eine gewisse Rolle spielt wahrscheinlich der Farbgeschmack, den man sukzessive im Laufe seines Lebens entwickelt. Dieser wird wohl zum einen durch die pubertäre Phase und zum anderen durch gesellschaftliche Konventionen geprägt. Es gibt einen unbewussten, gesellschaftlichen Farbkanon für nahezu alle Gegenstände: Für Mode, für Autos, für Häuser und auch für Möbel. Daraus kann man sich dann seine individuelle Farbgeschmackswelt zusammensetzen.

Der Kanon wandelt sich aber auch. In der Marktwirtschaft ist es naheliegenderweise die Aufgabe der Unternehmen mithilfe der „aktuellen Mode“ zu versuchen, diesen Kanon nicht nur farblich, sondern auch formtechnisch zu erweitern. Wenn sich der Geschmack nicht ändern würde, würden die Menschen ja nichts mehr kaufen. Es hängt dabei vom jeweiligen Gegenstand ab, wie lange ein Geschmackszyklus gültig ist. Möbel haben aufgrund des Preises und des Anschaffungsaufwands einen recht langen Geschmackszyklus – sie werden ja nicht wie Kleidung jährlich ersetzt.

Auf dem Möbelmarkt hat ein Anbieter in Deutschland (zumindest bei jüngeren Menschen) das Geschmacksmonopol: Ikea. Für mein erstes Zimmer war denn auch Ikea der sichere Geschmacksgarant. Ich dachte: „Ikea wirkt immer so designermäßig und das was alle haben, kann ja auch nicht schlecht sein.“ Und so lebte ich in meiner konfektionierten Ikeawelt dahin – bis es eines Tages durch Zufall doch passierte: Ich entwickelte einen Möbelgeschmack! In einer Hauruck-Aktion hatte ich mir einen alten Gründerzeitschrank gekauft. Und je länger ich ihn ansah, desto schöner fand ich all die kleinen Verzierungen, die Farbe des Holzes und auch seine praktische modulare Aufbauweise (ganz im Vergleich zum Klein-Klein von Ikea). Von außen wurde das nur bestärkt, alle sagten: „Was für ein schöner Schrank!“ Das hat mich natürlich auch bei der Einrichtung der neuen Wohnung geprägt. Geschmack kann scheinbar auch durch zufällige Entscheidungen und durch Gewöhnung entstehen. Plötzlich hatte ich also einen Möbelgeschmack: Alte Holzmöbel!

Aber ich hatte noch immer keinen Lampengeschmack. Vielleicht hilft hier ja eine Erinnerung: An die schönste Lampe meines bisherigen Lebens! Sie hing in unserer alten WG. Meine Mitbewohnerin und ich hatten einen runden Vogelkäfig aus Holz auf dem Sperrmüll gefunden und sie hatte da einfach eine Glühbirne reingehängt. Dann hatten wir die Käfigtür für das Licht geöffnet – damit es auch raus konnte (was es auch tat). Es war diese herrlich skurrile Idee, die diese Lampe so schön gemacht hat.

Und damit bin ich vielleicht bei der letzten Möglichkeit, wie ein individueller Geschmack entstehen kann: Indem man Charaktereigenschaften einfach konsequent in alle Bereiche überträgt und wild auslebt. Vielleicht werde ich mir daher bald Autoscheinwerfer an die Decke montieren, mir Leuchtquallen in einem Aquarium an der Decke halten oder dort einen mit Helium und einer LED gefüllten Luftballon schweben lassen – nur weil es so schön skurril ist.

Sprach- und Stil-Terror im deutschen Feuilleton

Oft muss ich mich durch Zeitungsartikel regelrecht hindurch kämpfen - besonders dann, wenn das Thema interessant ist und ich eigentlich nicht abbrechen will. Daher will ich hier ein paar Trends vorstellen, die den Leser terrorisieren können. Ich illustriere sie an ein paar (fiktiven) Beispielen:

Beobachtungs-Terror
„Er erscheint spät zum Interview. Bedacht hängt er seinen grauen Wollpulli über den Stuhl. Links neben uns am Tisch sitzt eine Frau mit grünem Oberteil. Sie streicht sich durchs Haar, so als erwarte sie jemanden. Er fängt an zu reden. Seine Lippen sind rot und bewegen sich, wenn er spricht.“

Hauptsatz-Terror
„Manchmal könnte er kotzen. Einfach nur kotzen. Er sucht doch nur Deutsch. Echtes Deutsch. Ein Deutsch wie vor 20 Jahren. Bevor die Journalistenschulfuzzis die deutsche Sprache aktiver und spannender gemacht haben – aus einer absurden Angst vor Schachtelsätzen und Konstruktionen wie dieser. Und er sucht weiter. Voller Hingabe. Und voller Wut. Nach Sätzen mit Verb.“

Hype-Terror
„Sie ist der ultimative Shootingstar der Musik-/Literatur-Szene. Sie haben allerdings noch nie etwas von ihr gehört [wie die meisten Deutschen vor diesem Artikel, Anm. d. Verf.]. Aber überall wird sie gefeiert [und wir stellen das einfach nur objektiv dar]. Und sie verkauft unglaublich viele Alben/Bücher [natürlich nicht durch Artikel wie diesen].“

Der Random Read Test. Oder: Wie man die sprachliche Qualität von Büchern bestimmen kann

Die sprachliche Qualität der meisten Bücher ist heutzutage eher gering. Sie versuchen den Leser nach und nach in ihren Bann zu ziehen. Die einzelnen Sätze und Absätze sind dabei nicht so wichtig – sie dienen nur dazu, die Handlung voran zu bringen. Ein paar typische Sätze könnten beispielsweise lauten:

„Er sagte: ‘Das kannst du nicht machen, Susie!’ Doch sie hörte nicht auf ihn und sagte: ‘Lass mich, ich will es wenigstens versuchen, Nick!’“

Um diese Passage spannend und interessant finden zu können, muss man die komplette Vorgeschichte von Susie und Nick kennen. Meine Freundin hat nun vorgeschlagen dieser sprachlichen Verarmung einen neuen Test entgegenzustellen: Man schlägt das Buch an einer beliebigen Seite auf und liest den erstbesten Absatz. Wenn dieser einen in den Bann zieht, ist das Buch gut. Je mehr man lesen muss, um es interessant zu finden, desto schlechter ist das Buch (bzw. umso mehr ist es von dem heute üblichen, langwierigen inhaltsbezogenen Spannungsaufbau abhängig). Diese eigentlich banale Idee könnten wir uns bald unter dem schönen, pseudowissenschaftlichen Titel „Random Read Test“ (RRT) patentieren lassen.

Durch den RRT wird man nicht mehr vom Inhalt langsam eingelullt und letztendlich dazu verführt, nicht mehr auf die Sprache des Buches zu achten, sondern man wird anhand eines minimalen inhaltlichen Ausschnitts direkt mit der literarischen Qualität des Buches konfrontiert. Sie wird in diesem Test – unabhängig von der inhaltlichen Gesamtkomposition – anhand eines beliebigen Satzes gemessen. Auf diese Weise kann man die „Kleinste interessante Einheit“ (KiE) eines Buches messen: Je besser das Buch, desto kleiner die Einheit. Das kann nur ein einzelner Satz, ein ganzer Absatz, ein komplettes Kapitel oder auch das ganze Buch sein. Dieser Wert kann natürlich bei ein und demselben Buch individuell ganz verschieden ausfallen. Ich vermute allerdings, dass die KiE heutzutage bei den meisten Büchern das ganze Buch umfasst.

Allerdings gilt auch: Je kleiner die KiE eines Buches, desto schwerer ist das Buch auch zu lesen. Die Sprache wird schwieriger, weil die Bilder komplexer oder die Dialoge gewitzter oder die Ideen abstruser werden. Es lohnt sich beim Lesen innezuhalten und nicht durch-zulesen. In ganz besonderen Fällen gelingt es sogar, dass sich die sprachliche Form nicht nur vom Zweck des bloßen Vorantreibens des Inhalts lösen, sondern auch aus ihrer Nutzung als Bild, Witz- oder Ideenvehikel befreien kann und beginnt mit dem Inhalt in Interaktion zu treten, beispielsweise indem sie ihn in ihrer Form wiederspiegelt oder auch konterkariert.

Ein solches, eher seltenes literarisches Ereignis kann man allerdings mit dem „Random Read Test“ und der „Kleinsten interessanten Einheit“ nur schwer erfassen. Ich kann allerdings nur empfehlen, die eigenen Lieblingsbücher auch einmal dem RRT zu unterziehen. Mal sehen, ob sie einen nicht nur im Ganzen, sondern auch nur mit einem kleinen, willkürlich ausgewählten Satz wieder faszinieren können. In diesem Sinne:

„Pontresina empfing sie mit leichtem Regen und mit einem Schrecken, als hätte Sibylle auf ihrer ganzen Fahrt nicht einen Atemzug lang damit gerechnet, tatsächlich in Pontresina anzukommen. Pontresina bestand darin, dass der Zug einfach nicht weiterfuhr; schlimmer noch: um diese Zeit fuhr auch kein Zug mehr zurück. Sibylle kam sich wie in einer Falle vor.“ (Max Frisch, Stiller, Mein persönlicher KiE: ½ Absatz)

Deutschland im Visionsvakuum

Wenn man den wütenden Mob von Clausnitz sieht, könnte man an einen Rückfall ins Mittelalter oder an die Existenz des Bösen glauben. Ich glaube aber, dass es vielmehr um Angst geht. Diese Menschen haben Angst und kanalisieren sie in Wut und Hass auf noch Schwächere. Dieser Radikalisierungs-Prozess wird in meinen Augen unterstützt durch einen einseitig stattfindenden öffentlichen Diskurs. Doch zunächst einmal die Frage: Woher kommt die Angst dieser Menschen?

Ich glaube, dass sie das Gefühl haben, vom Staat vernachlässigt, ja vergessen worden zu sein. Sie haben den Niedergang ihrer Dörfer miterlebt: Erst ziehen die jungen Leute massenhaft weg, dann wird der Bahnanschluss gekappt, der Bahnhof verwahrlost, dann schließen der Bäcker, der Fleischer und der Minisupermarkt, der Bus fährt nur noch zweimal am Tag für die übriggebliebenen Schulkinder, die Arbeitslosenquote steigt, dann geht der letzte Arzt in Rente… Die Region stirbt. Das geschieht nicht nur im Osten, aber dort hat man die Wende als zusätzlichen radikalen Lebenseinschnitt, der Gewinner und Verlierer erzeugt hat.

Und jetzt kommen die Flüchtlinge. Im Internet und insbesondere bei Facebook kursieren Geschichten, was sie nicht alles vom Staat bekommen und worauf sie nicht alles Anspruch haben. Und das wirkt. Außerdem sehen sie es ja in ihren eigenen Dörfern: Der Staat kümmert sich um die Flüchtlinge, gibt ihnen kostenlos (!) eine Wohnung und sogar Geld zum Leben. Sie fragen sich: „Wer macht das denn für mich?“ oder “Wenn man denen das alles gibt, was bleibt dann noch für mich übrig?” Dass dies Notmaßnahmen sind, um keine menschenunwürdigen Zeltstädte zu erschaffen, dass Flüchtlinge lieber arbeiten würden, als Geld und eine Wohnung vom Staat zugewiesen zu bekommen, wissen sie nicht. Das Bild vom Sozialschmarotzer wurde in den letzten Jahrzehnten zu gut anhand der faulen Hartz-4-Empfänger und der Griechen in den deutschen Medien etabliert (vgl. hier).

Diese ängstlichen Menschen bekommen die Wirklichkeit nicht mit, in der die Flüchtlinge in Deutschland leben. Sie wissen nicht, dass Flüchtlinge in diesem Land immer menschenunwürdiger behandelt werden, dass hart erkämpfte grundlegende Menschenrechte und daraus entstehende Ansprüche in zwei sogenannten Asyl-Paketen gekappt wurden – und zwar eigentlich für sie, um ihren Ängsten entgegenzuwirken. Das Dilemma dieser Asylpakete ist, dass die Härte der neuen Regelungen öffentlich nicht eingestanden und klar benannt werden kann, weil dann auch ihre Menschenunwürdigkeit deutlich werden würde. Man stelle sich die Schlagzeile vor: “Regierung beschließt: Noch weniger Rechte und noch willkürlichere Behandlung für Flüchtlinge!” Die Wirkung, die diese Asylpakete eigentlich bei den Ängstlichen erzielen sollten, kann daher nicht erreicht werden. Nur die Flüchtlinge und Helfer werden die Auswirkungen im streng reglementierten Flüchtlingsalltag erleben. Auflösen wird sich die Angst der Menschen dadurch also nicht.

Der öffentliche Diskurs über Flüchtlinge hat aber auch weiterhin eine starke Schieflage. Nachdem es lange Zeit eine fast erzwungen positive Berichterstattung über Flüchtlinge gab, stellten die Ereignisse der Silvesternacht in Köln für die Medien eine Art Katharsis dar: Alles, was vorher unterdrückt worden war, floß nun ungehemmt und aggressiv in die Berichterstattung ein. Doch dieses Fenster der rassistischen Schreckensszenarien hat sich (glücklicherweise) wieder geschlossen. Der mediale Diskurs ist wieder latent positiv – orientiert am „Wir schaffen das!“ der Kanzlerin. Das führt jedoch dazu, dass es keine realistische Diskussion über die Flüchtlingskrise geben kann, weil die wichtigste Frage weiterhin unbeantwortet bleibt: „Wie schaffen wir das?“ Diese Leerstelle lähmt die gesamte Diskussion: Sie schwankt zwischen dem abstrakten, inhaltlich nicht ausgefüllten Glauben an das „Wir schaffen das!“ und den immer lauter werdenden Forderungen nach einer Begrenzung der Flüchtlingszahlen, die den Zweifel eines „Wir schaffen das nicht!“ unausgesprochen enthalten. Die eigentlich notwendige inhaltliche Debatte wird von den Medien zu einem Kampf zwischen zwei Lagern stilisiert: „Alle gegen Merkel. Wann knickt sie ein?“

Während also die Medien mit diesem skurrilen Schaukampf beschäftigt sind und damit den Diskurs in seiner möglichen Breite gar nicht abbilden können, findet der ausgeblendete Teil auf Facebook statt. Dort treffen soziale Schichten aufeinander, die in der Wirklichkeit nie aufeinander treffen würden. Und alle wundern sich, wie radikal sich die Menschen dort äußern. Zeitungsredakteure sind irritiert, wenn ihre „Freunde“ bei Facebook plötzlich gegen Flüchtlinge hetzen und schreiben öffentliche Anleitungen, wie man damit umgeht. Sie sind ebenso irritiert, wenn dies plötzlich in der Familie auftritt. Dabei weist dies nur auf die Leerstelle der öffentlichen Diskussion und die Schieflage des medialen Diskurses hin. Ich rede hier nicht von strafrechtlich relevanten Äußerungen wie Morddrohungen oder Hetzkampagnen, sondern von kritischen Äußerungen jenseits des „Wir schaffen das“. Diese Äußerungen werden als Rechts oder „AfD-Quatsch“ abgetan, den es zu widerlegen gilt. Eine solche Meinung lässt sich aber nicht mit Fakten widerlegen, weil es eben nicht nur eine Fehlinformation ist, sondern weil sie auf der oben beschriebenen Angst aufsetzt. Und solange im öffentlichen Diskurs die Frage „Wie schaffen wir das?“ nicht beantwortet wird, wird diese Angst bestehen bleiben.

Stattdessen sollen aber lieber die Kommentare gelöscht werden. Der Druck auf Facebook ist enorm. Aber ist es wirklich besser, die Menschen lernen, dass man bestimmte Dinge einfach nicht mehr öffentlich sagen kann? Die Meinungen und Ängste werden sich dadurch ja nicht ändern – sie werden vielmehr zu Handlungen führen, die dann die Öffentlichkeit böse überraschen (siehe Clausnitz, siehe Bautzen). Der unterirdische, nicht-öffentliche Vulkan wird weiter brodeln und es wird immer wieder unerwartete Eruptionen des Hasses geben.

Doch wie ließe sich diese Situation auflösen? Claus von Wagner hat in „Der Anstalt“ einen möglichen Weg aufgezeigt (am Ende des Videos). Die Regierung bräuchte eine Vision. Angela Merkel müsste so etwas sagen wie: „Liebe Bevölkerung, niemandem wird es schlechter gehen, weil wir die Flüchtlinge aufgenommen haben. Wir werden stattdessen Geld in die Hand nehmen und in unsere Infrastruktur und unsere Bildung investieren. Alle werden davon profitieren!“ Aber das kann sie nicht sagen. Zum einen weil es verpönt ist, wenn der Staat (der elende Verschwender!) investiert und sich dafür verschuldet (Schulden das Teufelszeug! Dagegen hilft nur die Schuldenbremse!). Zum anderen weil sie dann zeigen würde, dass für die Flüchtlinge extra Geld ausgegeben wird, was man vorher nicht für die Aufrechterhaltung von (fast schon sprichwörtlichen) kommunalen Schwimmbädern und Bibliotheken hatte (allerdings für die systemrelevanten Banken). Sie müsste also für die Beantwortung der Frage “Wie schaffen wir das?” ihre bisherige Politik in Frage stellen und ändern. Das kann sie nicht.

Angela Merkel hat sich somit in eine Sackgasse manövriert – und damit auch die Medien und den öffentlichen Diskurs. Aber solange dieses Visions-Vakuum besteht, werden die Horrorszenarien der AfD und der Rechten blühen und gedeihen – ganz egal, ob in oder jenseits der Öffentlichkeit.

Die Differenz. lieben lernen

Jahrelang hatte ich eine genaue Vorstellung davon, wie ich meine Traumfrau kennenlernen würde: Ich würde auf der Straße laufen und eines meiner Lieblingslieder unbewusst vor mich hinsummen. Sie würde mich überholen, das Lied erkennen und sagen: „Oh, das ist auch mein Lieblingslied!“ Wir würden uns in die Augen schauen und alles wäre klar.

Der Volksmund spricht bei dieser Vorstellung des Verliebens vereinfachend von „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Die Psychologen machen es komplizierter und nennen es „Similarity attraction“. Sie haben herausgefunden, dass sich die meisten Menschen bei der Partnerwahl, aber auch bei der Freundeswahl, Menschen aussuchen, die ähnliche politische Einstellungen, ähnliche soziale Vorlieben und ähnliche Vorstellungen vom Leben haben, wie sie selbst. Die Erklärung der Psychologen: Es gehe in Beziehungen schließlich um die Bestätigung des eigenen Selbsts. Und was würde mich mehr bestätigen als jemand, der genau dasselbe Lied kennt und gut findet wie ich! Doch so einfach ist das nicht. Es bleibt bei dieser Vorstellung ein wesentlicher Pol der Beziehung ausgeklammert: Die Differenz.

Die Differenz führt in der Beziehung dazu, dass das eigene Selbst eben nicht bestätigt wird, sondern auch in Frage gestellt wird: Was?! Sie mag mein Lieblingslied nicht und hat stattdessen ein völlig anderes Lieblingslied? Die Differenz ist immer schon da – es begegnen sich schließlich zwei Menschen, die – egal wie gleich sie nun wirken – doch unterschiedlich aufgewachsen sind und unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Die Vorstellung der anziehenden Ähnlichkeit blendet diese wichtige Beziehungskomponente leider völlig aus.

Das liegt vielleicht auch daran, dass die Differenz in der ersten Phase der Beziehung nur ein latentes Hintergrundrauschen bleibt. Die Verliebtheit überstrahlt zunächst alle Differenz, da sie ein absolutes Annehmen des Anderen zelebriert und die Gemeinsamkeiten und Ergänzungen überbetont. Man fühlt sich nicht durch kleine Differenzen in Frage gestellt, wenn der Andere das eigene Dasein ja in allen anderen Facetten feiert und annimmt. Daher wird die Differenz in der Verliebtheit oft noch nicht erkannt. Im Rausch der Nähe des Fremden und Neuen wird sie oft sogar zu etwas, was den anderen noch attraktiver macht – es ist die Faszination des Unbekannten.

Aber je mehr dieses Unbekannte im Alltag entdeckt und benannt wird, desto mehr wird die Differenz deutlich. Differenz heißt nun: Der Andere isst anders, trinkt anders, schläft anders, reagiert anders, fühlt anders, liebt anders, etc. Insbesondere für Männer ist dies oft ein Schock, da sie sich in der Verliebtheit idealistische Scheinbilder der Frau gemalt haben, die mit dem wirklichen Sein der Frau nichts zu tun haben. Diese Erfahrung wird nun nicht mehr abgefedert durch das Gefühl des absoluten Angenommenseins. Der Andere wird erstmals nüchtern wahrgenommen.

Es wäre schön, wenn es bei dieser Differenz nur um minimale, irrelevante Details ginge, wie: Sie isst gerne Broccoli, ich aber nicht. Es geht aber um Verhaltensweisen, die man immer abgelehnt hatte, um Sichtweisen, die man nie vertreten würde, um Gefühle, die man noch nie hatte. Und das führt zu dem entscheidenden Punkt: Die Differenz zum Anderen führt dazu, dass ich mich selbst besser erkennen kann. Im Blick des Anderen erkenne ich meine eigenen blinden Flecken: Das, was ich ablehne, bedeutet mir ja etwas – ich will es nicht sein und habe Angst davor, doch von außen so wahrgenommen zu werden und tief in meinem Inneren so zu sein. Auf diese Weise werde ich mit mir selbst konfrontiert und muss lernen, durch die Differenz zum Anderen zu mir selbst zu stehen.

Und als ob dies nicht schon schwierig genug wäre, wird dieser Prozess zu einer echten Gratwanderung, weil man sich gleichzeitig – angesichts der Differenz – selbst behaupten muss, ohne jedoch aus der Beziehung einseitig herauszutreten. Ich kann also nicht sagen: „OK, meine cholerischen Wutanfälle stören dich, aber so bin ich halt!“ Eine Überbetonung des „Ichs“ würde das „Wir“ aushöhlen.

Leider gibt es kaum vorgefertigte kulturelle Muster oder kulturelle Umgangsweisen mit der Differenz. Hollywood-Kino und Popsongs zelebrieren immer nur das Verliebtsein und die Ähnlichkeit: Eine Frau ziert sich und der Mann überzeugt sie durch seine Liebe. Ein Paar liebt sich unglaublich, aber es kann durch gesellschaftliche Umstände nicht zusammenkommen. Eine Beziehung scheitert, weil die Partner sich auseinandergelebt haben und einer jemand anderen kennengelernt hat.

All das ist auch wesentlich einfacher zu zeigen als das schwierige Austarieren zwischen „Ich“ und „Wir“. Dadurch fehlt jedoch das Bewusstsein dafür, dass der Umgang mit Differenz in Beziehungen ein entscheidender Punkt ist. In einer Gesellschaft, in der es zunehmend auch bei der Partnerwahl um Selbstoptimierung geht, in der viele Menschen – hinter ihrer selbstsicheren Fassade – verzweifelt nach Selbstbestätigung suchen und in der die bessere Partnerin oder der bessere Partner immer schon einen Klick weiter ist, kann diese Fehlstelle nur zu häufigen Trennungen und Bindungsunfähigkeit führen.

An dieser Stelle muss leider die Theorie auch mit der Praxis konfrontiert werden: Ebenso wie es aus der theoretischen Sicht des Kommunikationswissenschaftlers eigentlich extrem unwahrscheinlich ist, sich gegenseitig zu verstehen, so gibt es in dieser Gesellschaft doch erstaunlich viele Beziehungen, die genau diesen schwierigen Prozess überstanden haben. Es gibt dabei verschiedene Arten, mit der Erfahrung der Differenz des Anderen umzugehen:

Man kann die Differenz ausblenden, indem man nur auf sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse in der Beziehung achtet. Man kann die Differenz von sich wegschieben und sie abstrakt der Gruppe des Anderen zuordnen („Frauen sind halt so“). Man kann die Differenz bekämpfen und versuchen, sie einzuebnen, indem man den Anderen zwingt, sich zu ändern. Man kann aber auch versuchen, sich selbst anzupassen und zu ändern. Man kann die Differenz aushalten und versuchen, sie, wenn nicht als Bereicherung, so doch zumindest als Herausforderung zu verstehen. Man kann die Differenz relativieren, indem man sich das Schöne und Gemeinsame vor Augen führt. Man kann sich aber auch auf die Differenz fokussieren, sie überbetonen und die Beziehung damit letztendlich zum Scheitern bringen.

Beziehungen schwanken somit auf einer Skala zwischen Ähnlichkeit und Differenz. Sind sich die Partner zu ähnlich, können sie sich kaum weiterentwickeln, weil sie sich in der Beziehung gar nicht als eigenständige Personen wahrnehmen. Sind die Partner zu verschieden, verlieren sie sich entweder im endlosen Kampf um Selbstbehauptung oder durch den beidseitigen Rückzug ins eigene Selbst. Irgendwo zwischen diesen Polen sollte eigentlich die gute Beziehung zu finden sein.

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