inicio mail me! sindicaci;ón

Klingsors Letzter

Wellen der Relativität

Es ist immer wieder die Relativität, die mich umtreibt. Selbst wenn ich nun in meinem eigenen Blog nachlese und feststelle, dass ich bereits vor anderthalb Jahren glaubte, sie überwunden zu haben – diese Fragen kehren wie in Wellen zurück.
Dass man nicht mit jedem Menschen eine Freundschaft haben wird, diese Erkenntnis ist zwar geblieben. Aber die Einsicht, dass selbst die noch so krudeste Handlung, selbst die noch so verwirrteste Weltsicht in sich gefestigt und schlüssig ist, ist nur schwer zu verkraften. Die meisten Menschen glauben, dass ihr Verhalten richtig und gut sei, selbst dann noch, wenn sie andere damit offensichtlich schädigen. Nur ein paar Mini-Beispiele: Der Typ, der eine Freundin von mir extrem beleidigt, weil sie in der Bahn ihre Füße (auf ihren Mantel und) auf den Sitz legt, wird zuhause davon berichten, wie verroht doch die Sitten in diesem Land sind. Die Immobilientante, die versucht, uns aus der Wohnung rauszudrängen, indem sie meiner neuen Mitbewohnerin keinen Mietvertrag mehr gibt, wird mit ihrem kleinen Neugeborenen zuhause stehen und denken, dass sie richtig und im Interesse des Vermieters handelt. Die ehemalige Mitbewohnerin einer Freundin, die diese nun verklagen will, weil sie ihren (fiktiven) Anteil der Küche nicht ausbezahlt bekommt, wird ihrem Freund gegenüber über die unerwartete Gemeinheit dieser Freundin klagen. Und all diese Perspektiven sind in sich schlüssig. Ich wüsste nicht, ob ich die Gegenperspektive einnehmen könnte, wenn diese Personen mir ihre Geschichten aus ihrer Sicht erzählen würden. Sicherlich gibt es auch Maßstäbe, an denen Handlungen oder Weltsichten in unserer Gesellschaft beurteilt werden können – beispielsweise das Gesetz. Doch selbst dann, wenn dort über Streitfälle diskutiert wird, gehen meist beide Parteien im Gefühl des eigenen Rechthabens auseinander.
Dieses Nebeneinander an Deutungen funktioniert, unabhängig von juristischen Fragen, sowieso nur solange, bis einer mit seiner Deutung in die Freiheit des Anderen eingreift und diesem missionarisch seine eigene Weltsicht und die damit verbundenen Handlungen überstülpen will. Ein klassisches Beispiel für mich ist dabei der Umgang mit den eigenen Eltern. Meine sind übervorsichtig, sie denken, die Welt ist eine Gefahr und alle Menschen wollen nur das Schlechteste. Diese Weltsicht werde ich nicht ändern können. Ich weiß allerdings, dass man das auch anders sehen kann – das Problem ist nur, dass sie das nicht wissen. Für sie ist das ein Fakt – sie haben noch nicht einmal die Ahnung, dass sie selbst das früher vielleicht sogar anders gesehen haben, dass ihre Einstellung möglicherweise aus übergeneralisierten Erfahrungen entstanden ist.
Doch wie geht man mit all den Menschen um, die kein Bewusstsein für die Relativität ihrer eigenen Position haben? Muss man nicht, wenn man diese Relativität erkannt hat, auch immer berücksichtigen, dass die Position der Anderen ebenso berechtigt sein könnte? Muss man dann nicht immer auch doppelte Arbeit leisten – für sich selbst und für den anderen? Während man selbst auf den anderen zugeht und die eigene Position relativiert, wird all das ironischerweise vom anderen nur als ein „Endlich-hat-er-es-Eingesehen“ gedeutet. Ist das nicht ungerecht? Wäre es nicht viel einfacher blind zu sein und stur den eigenen Ansichten zu glauben und auf die eigenen Handlungen zu vertrauen?

Das Glück der Spindoktoren

Manchmal bin ich beim Zeitungslesen wirklich baff, wie naiv Journalisten sein können. Ein wenig eigene Medienkompetenz könnte man doch haben, wenn man schon für eine große deutsche Zeitung schreibt. In der Süddeutschen kommt gestern als erste Meldung, dass Iran schon 2003 einen Zünder für eine Atombombe getestet haben soll. Ganz zufällig wurde das jetzt festgestellt, 11 Jahre später. Das steht natürlich nicht im Zusammenhang mit den Verhandlungen über das iranische Atomprogramm, die an diesem Wochenende stattfinden sollen.
Eine solche Information ist natürlich erfunden. Das ist nur ein einfacher Spin, um den Druck auf die Verhandlungsparteien zu erhöhen. Man sollte nicht zimperlich mit dem Iran sein, die sind schon so weit mit ihrem Atomprogramm. Morgen könnten sie die Bombe haben! (Mal ausgeklammert, dass heute ja schon morgen ist, wenn man schon 2003 einen Zünder getestet hat). Das ganze stützt sich dann auf “solide Hinweise”. Die Süddeutsche sollte auf jeden Fall an ihren Kriterien zur Quellenqualität arbeiten.
Ähnliche Spins finden sich immer wieder. Beispielsweise, wenn es die Lage in um Syrien geht. Da steht eine wichtige Verhandlung kurz bevor. Und plötzlich tötet das Regime wahllos hunderte Zivilisten. Es wäre ziemlich dumm, den Grund für die Sanktionen oder das Eingreifen selbst zu liefern. Aber da bestimmte Akteure in den deutschen Medien als grundlegend böse oder irrational dargestellt werden, wird auch nicht über ihre Motive spekuliert: Assad ist halt ein Schlächter, Ahmadinedschad ein Verrückter.
Da könnte man in deutschen Zeitungen mehr Vorsicht walten lassen und sich nicht in solche politische Ränkespiele einspannen lassen. Zumindest sollte man sich dieser Möglichkeit der Manipulation bewusst sein und das vielleicht auch im Artikel andeuten.

Jokers High

Es gibt Momente, für die lohnt es sich einfach zu leben. Großartig sind für mich beispielsweise immer Momente der Schwerelosigkeit gewesen. Solche hatte ich immer mal wieder an einer wunderschönen Badestelle an der Saale. Dort gibt es ein Seil, an dem man sich ins Wasser schwingen kann. Der Moment, wenn das Seil gerade seinen höchsten Punkt über dem Wasser erreicht und man dann loslässt und in der Luft steht, bevor man hinabfällt – wundervoll. Oder auf der anderen Seite steht ein Baum, von dem man aus mehr als sechs Metern (wir haben es nachgemessen) hinabspringen kann. Dort ist es nicht der freie Fall, sondern das Gefühl, wenn man ins Wasser eintaucht nach diesem Wagnis des Sprungs und umgeben ist von sicherem Wasser und weiß, jetzt kann man wieder auftauchen, alles ist gut gegangen.
Solche Situationen kannte ich bereits. Doch heute habe ich eine neue kennengelernt. Es ist der Moment, in dem man einen Witz erkennt, in dem die ganze Dimension eines Witzes bewusst wird. Ich hatte lange über einen Gaddafi-Witz gegrübelt, fast schon eine Seite mit halbgaren Ansätzen vollgeschrieben, als sich plötzlich der Witz offenbarte. Das Großartigste an Witzen ist für mich, wenn sie es schaffen, die Bigotterie der Gegenwart zu karikieren, wenn sie eine Sache punktgenau treffen. Und natürlich sollten sie dies auf eine maliziöse Weise machen, sich also von hinten anschleichen und den Leser dann überwältigen. Als mir die Pointe einfiel, bekam ich das Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht – am liebsten hätte ich laut losgeprustet und ein wildes “Muahahahaha” losgelassen. Die Verrückheit war nicht fern, das merkte ich. Aber es war einfach nur grandios, weil es so schön bösartig, aber auch treffend war. Und das schönste: Anderen Lesern ging es auch so! Der Witz ist von Null auf Eins in die Titanic-Empfehlungen geschnellt (wenn jemand nachschauen will). Ein schönes, wenn auch verfrühtes, selbst gemachtes Geburtstagsgeschenk!

Endlich: Die Überwindung des Relativismus

Früher hat mich immer wieder ein gewisser Relativismus umgetrieben. Ich konnte oft nicht sauer auf Menschen sein, weil ich versuchte, ihre Position und deren Berechtigung zu verstehen. Ich habe dann einen rationalen Schritt zurück gemacht, zurück hinter all die innere Ablehnung und Abneigung.
Irgendwie wollte man doch bei allen Menschen beliebt sein. Und wenn es Probleme gab, dann waren das doch nur Spiegelungen der eigenen Unvollständigkeit. Jedes Problem deutete auf einen inneren Wesenszug hin und war in diesem Sinne wichtig – man musste daran arbeiten. So schuf ich mir immer wieder rationale Brücken über emotionale Widerstände. Und wenn die Brücke wieder einmal einzustürzen drohte, musste ein Metagespräch geführt werden. Das Erstaunliche aber ist, aus heutiger Sicht, dass es immer wieder dieselben Einstürze gab, dass ich immer wieder zum gleichen Punkt kam: Der Punkt, an dem die vorgeschobene Rationalität wegfiel und all die Emotionen, die man so sorgsam wegrelativiert und wegpsychologisiert hatte, wieder hervorbrachen. So als habe man diesen Menschen und all die innere Ablehnung, die er auslöst, gerade erst kennengelernt.
Dieser Relativismus basierte bei mir auch auf der Erfahrung, dass sich Beziehungen sehr schnell ändern können und dass man nie wissen kann, wer einem in einem Jahr was bedeuten wird. Aber diese Vorstellung ist ebenso überholt wie übertrieben. Es wird immer Menschen geben, die selbst auf einer einsamen Insel nie meine besten Freunde werden. Es gibt ganz offensichtlich Passungen mit anderen Menschen und dementsprechend bestimmte Wesenszüge, mit denen ich nie umgehen können werde (beispielsweise Arroganz). Das klingt banal. Aber wenn eine Erfahrung eine andere widerlegt und damit ein altes, lang gehegtes Prinzip (”Sei bei allen beliebt”) zerbricht, dann ist das schon bemerkenswert.
Das Erstaunlichste ist ja eigentlich, und das ist mir in letzter Zeit immer wieder aufgefallen, dass man sich selbst im Laufe der Jahre immer besser kennenlernt. So als habe man sich vorher gar nicht gekannt, als habe man einen fremden Körper rumgeschleppt, fremde Gedanken geäußert, fremde Beziehungen geführt. Aber vielleicht lernt man sich auch gar nicht kennen, sondern erfindet sich vielmehr, macht sich zum Menschen, macht sich sichtbar.

Die Qual des Schauspielers

Nach langer Zeit wieder einmal ein kurzer Eintrag - geboren aus dem Unverständnis der Entstehung schlechter Filme. Ich habe heute wieder einmal einen schlecht gemachten Tatort geschaut, da stieg unweigerlich eine drängende Frage in mir auf: Merken eigentlich die Schauspieler selbst, wie schlecht manche Drehbücher sind? Und wenn ja, was machen sie dann?
Bekanntere Schauspieler sollen ja ihre Filme selbst auswählen können. Das bietet immerhin eine gewisse Freiheit. Aber wie sieht es aus mit den Tatort-Schauspielern? Ist das nicht die pure Qual, wenn du etwas spielen musst, und gleichzeitig merkst, wie schlecht das alles ist?  Oder bewahrt sie während des Drehs nur die Hoffnung auf den finalen Schnitt vor der völligen Verzweiflung? Bei manchen deutschen Fernsehfilmen kann ich mir das gut vorstellen.

Lächelnde Abgründe. Die schönsten Sprüche eines Zynikers (I)

“Leute, die mich nicht kennen, halten mich für ein zynisches Arschloch. Leute, die mich kennen, können das nur bestätigen.”
“Wenn du in den Abgrund lächelst, lächelt der Abgrund zurück.”

Erlebnis und Erzählung. Fusion revisited (II)

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, wie sich Erinnerungen eigentlich formen und je nach Gegenwart verändern. Passenderweise habe ich auf der Fusion einen schönen Text von Max Frisch zum Verhältnis von Erlebnis, Erfahrung und Erzählung gelesen. Frisch ist der Ansicht, dass sich das Erlebnis eigentlich erst in der nachträglichen Erzählung formt und dass man eine Erfahrung im Gegensatz zu einem Erlebnis eigentlich nicht erzählen kann. So konnte ich meine Verarbeitung des Erlebnisses “Fusion” quasi live verfolgen.
Die Erzählung verführt zur Vereinfachung des Erlebten, zur Bewertung und zur Anekdotisierung. Alles war scheiße auf der Fusion! Dauerbeschallung mit anstrengender Musik, durchgehend Regen, vollgeschissene Dixiklos, hinzu kam noch meine eigene Krankheit. Das erzählt sich gut. Negatives lässt sich meist leichter erzählen. Natürlich war es nicht nur so. Die Erzählung von Positivem erfordert meines Erachtens mehr Zeit, mehr Einlassen, mehr Öffnung. Es kommt auch stark auf den Gesprächspartner an: Hat er Zeit, hat er Interesse an der ganzen Geschichte? Die meisten haben das aber nicht. Je mehr Zeit ist, desto tiefer kann die Erzählung eines Erlebnisses gehen.
Aber was ist denn überhaupt ein Erlebnis, was ist überhaupt erzählbar? Wenn ich sage: “Es gab eine schöne Feuershow! Ich habe wunderbare Künstler gesehen.” Das reicht nicht. “Ich habe einen “Feuer-Jedi” gesehen, der mit einem riesigen Feuerball an einer Kette eine ziemlich krasse Show hingelegt hat.” Schon etwas anschaulicher. Aber immer noch keine Erzählung, es fehlt die dahinterstehende Erfahrung oder eine Pointe. Vielleicht so als Erfahrung: “Sowas habe ich vorher noch nie gesehen.” Oder doch wieder mit negativer anekdotischer Abrundung: “Er hat sich zum Schluss mit seinem Feuerball am Fuß verheddert, hat sich aber nichts anmerken lassen. Das sah ganz schön gefährlich aus. Er ist danach auch ein wenig gehumpelt.” Aber was habe ich denn damit erzählt? Die Erfahrung meiner Freude an der Feuershow kann ich damit kaum spürbar machen, abgesehen davon, dass das auch gar keine so besonders einschneidende Erfahrung war – es war halt schön anzuschauen. Vielleicht destilliert sich aber aus der Erzählung letzten Endes auch eine andere neue Erfahrung. Dann gäbe es zwei Formen der Erfahrung: Die Erfahrung des Moments, die möglicherweise gar nicht so überwältigend war, und die Erfahrung aus der Erzählung, die sich aus der Zusammenführung all der Erlebnisse ergibt. Das wäre dann so etwas wie die Moral der Geschichte: “Ich bin zu alt für Festivals.”
Was sich jenseits der nur schwer übertragbaren Erfahrung erzählen lässt, sind Anekdoten. Das ist für den Zuhörer angenehm, da er dann – je nach Fähigkeit des Erzählers – einen Spannungsbogen geboten bekommt. Tragisch ist oft nur, dass viele Erzählungen sich dieser Struktur unterwerfen. Nicht jedes Erlebnis hat einen Spannungsbogen. Eigentlich schafft erst die Erzählung einen solchen Überbau – und oftmals auch Ausbau. Meine frühere Mitbewohnerin war eine Meisterin darin, auch banale Geschichten so auszubauen, dass sie wunderbare Anekdoten wurden. Wenn man bei einem Erlebnis selbst dabei war, konnte man diese Umformung live mitverfolgen. Bei ihr hätte nach der zweiten Erzählung, der Fuß des Feuer-Jedis gebrannt. Das spannendste aber war: Sie vergaß durch die wiederholte Erzählung nach und nach, dass es nicht so war. Sie glaubte ihre eigene Erzählung. Das ist vielleicht einer der wichtigsten Aspekte der Erzählung: Wir werden glauben, dass es so gewesen ist, wie wir es uns erzählen.
Dieser Entwicklung zu entkommen, ist nur schwer möglich. Es fallen viele Aspekte einfach weg, wenn man sich einmal für eine Erzählung entschieden hat. Die Erzählung besteht dann meist aus der oben genannten “Moral der Geschichte”, der destillierten Meta-Erfahrung, und ein paar Anekdoten, die sich mit jeder neuen Erzählung stärker an das Ereignis binden und meist immer pointierter vorgetragen werden. Es entsteht ein zum Ereignis gehöriger Anekdotenpool, alle schlecht erzählbaren Erfahrungen und alles Unanekdotische verblassen. Max Frisch hat dafür den treffenden Ausdruck der “anekdotischen Erstarrung der Vergangenheit” gewählt.
Die eigene Erzählung der Vergangenheit noch einmal aufzubrechen, erfordert viel: Man braucht eine neue Erzählstruktur, ein neues inneres Motiv. All die Erzählungen von Ereignissen fügen sich ja zu einer Erzählung des Selbst. Bestimmte Persönlichkeitsmotive und -linien werden anhand der neuen Erzählungen weitergeführt. Die Frage ist nur, welchem Motiv das Ereignis zugeordnet wird, für die Fusion böte sich beispielsweise das Folgende an: “Ich werde älter und meine Einstellungen ändern sich.” Zwischen all den Erzählungen bleiben aber auch unverbundene Fetzen der Erinnerung übrig. Das sind vermutlich die Erfahrungen, die zu einschneidend waren, um vergessen zu werden, aber in die Grundstruktur der Ereignis-Erzählung nicht eingefügt werden konnten. Vielleicht sind sie noch unverarbeitet oder aber auch einfach nur unerzählbar privat. Eine spannende Frage wäre hier natürlich auch, inwieweit die Erzählung des Ereignisses oder gar des Selbst einen Anderen braucht oder ob sie nicht auch im Inneren stattfinden kann. Und: Wird sie im Inneren dann überhaupt so anekdotisch strukturiert? Aber das sind Fragen, die hier nicht mehr geklärt werden können.
Die übriggebliebenen Fetzen der Erinnerung sind meines Erachtens nach auch wieder aktivierbar, nämlich dann, wenn sich Ähnlichkeiten zwischen ihnen erkennen lassen und ein dazugehöriges Motiv im Leben auftaucht. Vielleicht könnte man so, mit genügend Mut und Erinnerungsvermögen, sein Leben auch ganz anders erzählen. Oder um kleiner anzufangen, zumindest einzelne Ereignisse. Nur habe ich leider bisher noch kein Motiv gefunden, um doch noch schreiben zu können: Die Fusion war toll.

Die filmische Heimat

Ich muss es noch einmal schreiben. Als ich das letzte Mal meine Vorliebe für die Serie “Heimat” von Edgar Reitz beschrieb, kannte ich die zweite Staffel noch nicht. Die erste Staffel war schon sehr gut gefilmt und geschauspielert. Aber die zweite Staffel übertrifft das noch um Längen. Zumal mir die in München spielende “Chronik einer Jugend” auch inhaltlich näher ist.
Ich neige selten zu (positiven) Superlativen, aber hier ist jeder angebracht. Rein filmtechnisch gesehen hat es Reitz geschafft, jeder Szene eine Bildsprache zu geben, die mit dem Inhalt der Szene korrespondiert. Die Form bekommt eine eigene Sprache, sie unterstützt die Handlung. Das klingt zunächst einmal banal, eigentlich sollte das jeder Film leisten. Aber wenn man Heimat einmal gesehen hat, weiß man, was einem bei normalen Filmen fehlt. Reitz und sein Kameramann sind Meister des Ästhetischen. Ich habe noch nie so unglaubliche Kamerafahrten gesehen, so großartige Einstellungen.
Auch inhaltlich ist das ganze eine Offenbarung. Die Charaktere sind realistisch, weil sie auch gebrochen sind. Er zeigt scheiternde Lieben, Einsamkeiten, Krankheiten, Eitelkeiten, Verzweiflungen und sogar eine Abtreibung (eine der schrecklichsten Szenen, ohne, dass man auch nur ansatzweise irgendwas sieht). Wenn ich in diesem Blog einmal gefordert habe, dass man doch endlich auch mal scheiternde Beziehungen zeigen sollte, dann habe ich dies hier nun gefunden. Reitz zeigt das ganze schreckliche Gewirr an persönlichen Beziehungen, das es in Freundeskreisen tatsächlich geben kann.
Reitz schafft es zudem, dass die Personen lebendig sind und zugleich aber auch, fast nebenbei, grundsätzliche Lebensprinzipien darstellen (so wie halt Menschen tatsächlich auch unterschiedlich in die Welt gestellt sind). In einer ganz kurzen Sequenz kontrastiert er beispielsweise das existentialistische und heimatlose Streben des Hauptakteurs Hermann durch seine heimatverbundene Freundin. Hermann sagt: “Manchmal glaube ich, man muss sich noch einmal selbst zur Welt bringen, sich noch einmal aus sich selbst heraus gebären.” Darauf antwortet sie in ihrer eher einfachen, fast bodenständigen Art: “Aber ist man dann nicht sehr allein?” Und führt dann in knappen Sätzen aus, wie schön es ist, eine Heimat zu haben, in der sich Menschen an deinem Dasein erfreuen und Anteil an deinem Leben nehmen. Hier kann ihr nur beipflichten und ergänzen, dass es schön ist, eine filmische Heimat gefunden zu haben.

Hier noch zwei kleine Ausschnitte.
Unglaublich, wie in dieser Winterszene die Vögel das ganze ummalen:

Eine kleine Eifersuchtsszene auf einem Fest, untermalt von einem Gedicht:

Das Alter und die Coolness. Fusion revisited

Ich habe ja seit Ewigkeiten nichts geschrieben. Manchmal bin ich sogar selbst auf meinen Blog gegangen, und habe in meiner zunehmenden Entfremdung gehofft, dass da irgendjemand einen neuen Eintrag verfasst hätte. Deshalb muss ich wohl nun mal wieder ran. Das bietet sich heute auch an, da ich vor genau fünf Jahren in diesem Blog über genau dieselbe Sache geschrieben habe.
Es geht um das Fusion-Festival. Vor fünf Jahren schrieb ich sogar drei Einträge darüber: Über die Anfahrt mit abfallendem Auspuff, über den damals neuen eher linken Begriff Schland und über allgemeine Erfahrungen (Dixies, Druffies und Essgewohnheiten). Nach fünf Jahren Pause zeigt sich nun, dass ich älter geworden bin. Alles, was ich damals als Lernbares ausgewiesen habe, hat mich nun extrem genervt.
Es ist mir beispielsweise nicht klar, warum eine Bühne den ganzen Zeltplatz und die Parkplätze rund um die Uhr mit Elektro beschallen muss. Ich dachte dabei einfach nur an Demokratie und Mehrheiten: Es gibt um 7 Uhr früh vielleicht noch etwa 150 bis 200 Hanseln, die da tanzen wollen, und etwa 15.000 bis 20.000 Leute, die schlafen wollen. Da widerspricht wohl die Coolness dem gesunden Menschenverstand. Allerdings kam es scheinbar im letzten Jahr sehr gut an, dass eine vierstündige Feierpause von 10-14 Uhr eingelegt wurde (die in diesem Jahr aber kaum eingehalten wurde). Es besteht vielleicht doch Hoffnung. Und nun das alleruncoolste Argument: Man könnte ja auch leiser machen. Das ist eh irgendwie eine ziemliche Unkultur: Die meisten Konzerte sind viel zu laut! Ohne Ohrstöpsel hält man es auf der Fusion auf kaum einem Konzert aus. Mir ist auch nicht wirklich klar, warum das so sein muss. Die Leute wollen den Bass spüren, aber das geht auch ohne extreme Lautstärke. Ich hoffe dann immer, dass die Hörgeräte-Industrie in den kommenden dreißig Jahren enorme Fortschritte gemacht haben wird.
Aber vielleicht ist es das, was solch eine Festival-Kultur ausmacht: Nicht drüber nachzudenken, sondern mitzumachen – die Grundidee der einfachen Coolness. Aber es gibt ja nun auch die Menschen, die das organisieren und die die Coolness-Standards setzen. Sie könnten einfach sagen: Bei unserem Festival ist es cool, dass die Mehrheit der Leute schlafen kann, und dass nur die Leute, die direkt an der Box stehen, einen Gehörschaden bekommen. Immerhin haben sie es durchgesetzt, dass man 10 Euro mehr bezahlt und dieses Geld wiederbekommt, wenn man einen Müllsack abgibt. Bestimmt war das vor 10 Jahren auch eine uncoole Idee. Aber das mit der extremen Beschallung wird sich wohl nicht ändern, da die Fusion-Crew davon nicht betroffen ist, weil sie einen sehr ruhigen Schlafplatz hinter den Hangaren hat.
Die Bedingungen waren diesmal aber auch sehr schlecht: Das Wetter war an den letzten beiden Tagen extrem schlecht, unglaublich viele Zelte sind komplett abgesoffen. Und nach der ersten unterkühlten Nacht war ich zudem gleich krank, was meine Laune an den verregneten Tagen nicht unbedingt besserte. Nach einer schier endlosen Rückfahrt durch Weltuntergangsregen merkte ich spät abends, als ich endlich nicht mehr auf ein vollgeschissenes Dixie-Klo in einer Schlange warten musste und ein Bett ohne dauernde Elektro-Beschallung hatte, wie sehr mich das alles sehr genervt hatte. Besonders aber merkte ich es daran, dass ich das Fusion-Bändchen sofort loswerden wollte, als ich mich hingelegt hatte – mein Körpergedächtnis schrie auf: Nicht noch so eine Nacht! Es war wirklich eine Befreiung, es abzuschneiden.

Gesammelte Empfehlungen für ein besseres Leben

Ich wollte das nie! Wirklich nicht.
Aber wenn man wirklich einen positiv abgerundeten Blog schreiben will, muss man manchmal auch Internet-Seiten empfehlen. Also dann, los geht’s:
Der großartigste englisch-sprachige Comic-Blog, den ich kenne: Bizarro. Es folgt eines meiner Lieblingsbilder. Großartiger Bildaufbau, wunderbare Idee.

Und hier noch einer meiner Alltime-Favorites. Unglaublich, dass man aus diesem alten abgestandenen Thema noch einen originellen Witz machen kann:

Zudem noch eine weitere Empfehlung, auf die ich ebenfalls durch Bizarro aufmerksam geworden bin: Awkward Family Fotos. Dann natürlich auch noch meine Empfehlung: Der “Jolly Green Giant”. Ich weiß nicht mal, warum ich das so lustig finde, aber ich muss immer wieder lachen, wenn ich dieses Bild sehe. Es lässt sich doch alles erklären.

Zuguterletzt auch noch eine Filmempfehlung, die nicht sonderlich originell ist. Aber, wer es bis hierhin geschafft hat, der verkraftet auch das noch. Es ist die hochgelobte Satire “Four Lions”. Selten habe ich einen so gratwandernden Film gesehen. Aber er schafft es, da er nah an den Figuren dran ist und sie auch immer irgendwie ernst nimmt, dass sie nicht der Lächerlichkeit preis gegeben werden. Kein Slapstick, oder besser nicht nur. Niemand mag ermessen, wie ein solcher Film ausgesehen hätte, wenn er in Deutschland gedreht worden wäre. Deutsche Komödien haben wahrscheinlich noch nie ein solches Niveau erreicht.

Münchner Armutsideen

So kann das nicht weitergehen! Ständig suche ich nach einem Thema, das zu diesem letzten schweren Thema passt, finde aber kein adäquates. Daher an dieser Stelle wieder einmal ein kleiner Verriss, aber auch ein Verweis auf Positives.
Der gestrige Tatort war wirklich erstaunlich in seiner Darstellung der Armut: Es war in etwa so, wie sich ein gesetzter, gut verdienender Münchner Drehbuchschreiber die Armut vorstellt. Ein schreckliches Klischee ans nächste gereiht. Und auch noch so schlecht gefilmt. So schlechte Schauspieler, unglaublich! Könnte man nicht wenigstens jemanden nehmen, der ansatzweise die Erfahrung von Armut gemacht hat? Mit unendlich vielen Meta-Sätzen, die so niemals fallen würden. Zudem gab es unglaublich bescheuerte Musikuntermalung an viel zu vielen Stellen.
Und dann auch noch eine Anne-Will-Sendung danach, die uns das Gesehene erklären soll! Wahrscheinlich war die Tatort-Armut genau die Armut, die sich die bräsige Julia Klöckner vorstellen kann. Diese klischeehafte Darstellung wurde so ernst genommen. Absurd. Hat das irgendjemand da draußen als authentisch angesehen?
Wer wirklich Armut und Abstieg sehen will, der sollte sich die erste Staffel von “The Wire” anschauen. Sehr gut gezeichnete Charaktere (da sie auch ambivalent sind), aber auch sehr gut gefilmt. Dass das in Deutschland auch geht, hat ein anderer Tatort vor einiger Zeit bewiesen: “Der frühe Abschied” ist ein an die Nieren gehendes Porträt einer Beziehung in der Unterschicht und schafft etwas, was ganz selten im Fernsehen passiert: Er lässt den Zuschauer emotional dasselbe nachvollziehen, was die Kommissare durchmachen, nämlich der Verdächtigen in ihrer plumpen Zuneigung zu ihrem Kind zu vertrauen. Der Zuschauer spürt den Zwiespalt zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen Eigenverantwortung und Bevormundung. Dieser großartige Tatort wird am 06. Mai um 21:45 Uhr in der ARD wiederholt.

Sprachlosigkeit

Ich hatte mir vorgenommen mehr Positives zu schreiben. Aber dann stürzte so vieles ein, dass ich kaum noch die Ruinen auseinanderhalten kann, geschweige denn die zarten positiven Pflänzchen sehen kann, die es ja auch gibt. Vielleicht schreibt man über das Folgende normalerweise auch nicht. Ich will es dennoch tun, gerade weil niemand darüber redet und daher auch niemand weiß, wie man damit umgehen kann. Vielleicht hilft es mir ja auch.
Ein Freund von mir hat sich umgebracht, er hat sich vor zwei Wochen vor den Zug geworfen. Zwei Wochen zuvor hatte er mir noch seine fertige Doktorarbeit zum Korrekturlesen übergeben. Ich hatte ihn gefragt, ob er nicht stolz sei, aber er spürte nichts. Dann erzählte er mir beiläufig, dass seine Freundin, mit der er ja schon seit mehr als acht Jahren zusammen ist, nun schwanger sei. Voller Freude strahlte ich ihn an, musste sogar eine Träne verstecken, aber er sagte es so, als sei er gar nicht daran beteiligt. Er konnte sich nicht freuen. Er hatte Angst vor dem Kind, Angst vor der Zukunft. Ich sagte ihm noch, dass sich das bestimmt im Urlaub, den beide nun planten, legen würde. Er solle sich Zeit lassen. Seine Zukunft war “objektiv” sicher, ihm wurde sogar eine Post-Doc-Stelle an der Uni angeboten. Was in ihm vorging, konnte ich nur ahnen. Es wunderte mich zumindest, dass er sich nicht freuen konnte, weder über die gelungene Doktorarbeit noch über das Kind. Dass sich das allerdings so steigern würde…
Es war wohl der Widerspruch zwischen dem, was objektiv sein müsste, Freude und Stolz, und dem was er fühlte, nämlich nur Angst. Das zermürbte ihn und traf auf ein tief verankertes Gefühl des Nicht-Genügen-Könnens. Er konnte nicht mehr schlafen, 10 Tage lang. An diesem 10. Tag hatte er dann ein Gespräch mit einem Professor aus Jena, der einen Artikel von ihm teilweise kritisierte. Das war nach diesen zermürbenden Tagen zuviel für ihn, in einer Kurzschluss-Reaktion fuhr er zurück nach Leipzig, schrieb einen Abschiedsbrief und warf sich vor einen Zug.
Was kann man damit machen? Wie kann man damit umgehen? Tagelang befand ich mich in einer Leugnungsphase, ich hielt es immer wieder für einen Witz. Ich hatte sein Bild vor Augen und konnte mir nicht vorstellen, dass er weg sein sollte. Selbst auf der Beerdigung war das noch so. Es war so abstrakt: Ein Sarg – da drin soll er liegen? Wie geht das mit meinem inneren Bild, meiner Erinnerung an ihn einher? Wo ist da der Zusammenhang? Wenn ich es zeitweise realisierte, schwankte ich immer wieder zwischen den beiden Polen der Wut und des Mitleids. Wut auf diese bescheuerte Flucht, auf dieses Sich-davon-Stehlen. Selbst am Sarg wollte ich ihm “Idiot” oder “Dummkopf” hinterherrufen. Aber es kam auch immer wieder Mitleid auf, ein Verstehen dieser Unsicherheit, dieser Ängste, die ihn wahrscheinlich getrieben haben. Die Vorstellung, unter welcher Anspannung er gestanden haben musste, wie verzweifelt er war, um das zu tun. Eine Freundin, die ebenfalls jemanden durch Selbstmord verloren hatte, drückte das sehr treffend aus: Wenn man diesen Tod wirklich an sich heranlässt, dann öffnet sich unter einem auch ein gefährliches Loch, ein Abgrund. Man muss dann sehr vorsichtig mit sich selbst sein. Aber irgendwie kommt der Alltag langsam wieder, hält vorsichtig Einzug – noch unsicher, ob er bleiben darf.
Am schwersten sind dann die Gespräche mit seiner Freundin. Was kann man da schon groß sagen? Der Mensch, den sie liebte, hat sein und damit ihr Leben zerstört. Und immer wieder die Frage: “Wozu soll ich ohne ihn weiterleben? Was ist der Sinn?” Das bisschen Sinn, das ich bisher im Leben entdeckt habe, reicht da kaum aus. Vielleicht könnte man noch sagen: “Dass du für dich lebst!”, aber das ist im Moment der Trauer nichts wert – sie will ihn einfach nur zurück. Sie wohnen, bzw. wohnten – es ist so merkwürdig, wie man dann im Reden über ihn vom Präsens ins Präteritum wechselt – ja auch gemeinsam, alles ist von ihm durchdrungen. Soll sie denn nun diese Hälfte ihres Lebens wegwerfen, einfach entsorgen?
Das ist alles so absurd, so unglaublich absurd. Irgendwie merke ich mittlerweile auch, dass ich am Thema vorbei schreibe – man kann das gar nicht ausdrücken. Es ist alles nur oberflächlich.

Du bist, was du nicht sein willst

Manche Erkenntnisse brauchen eine lange Zeit, besonders dann, wenn sie das genaue Gegenteil des Sichtbaren bedeuten:
Ich bin bisher immer davon ausgegangen, dass Menschen genau das machen, was sie gut können. Dass die Yogalehrerin eine große innere Ruhe hat und deshalb Yoga-Kurse anbietet. Dass der Trainer für gewaltfreie Kommunikation vielleicht Opfer von Gewalt geworden war und deshalb die Gewaltfreiheit predigt. Dass der Buddhist die Ruhe in sich spürt und sie deshalb auch immer wieder sucht.
Aber das ist nur die Ebene des momentan Sichtbaren. Mittlerweile habe ich erkannt, dass Menschen gerade das sind, was sie nicht sein wollen. Oder, um es ein wenig abgeschwächter zu formulieren, dass das, was sie nicht sein wollen, für sie ein großes Thema ist: Die Yogalehrerin gibt Yoga-Kurse, damit sie nicht mehr hilflos ihren spontanen Gefühlsausbrüchen ausgeliefert ist. Der Trainer für gewaltfreie Kommunikation macht dies, um einen Weg zu finden, sein inneres Gewaltpotential zu befrieden. Der Buddhist, der beständig das eigene Selbst leugnet, hat ein extrem starkes Selbst, das er mit seinen Meditiationen immer wieder zu zähmen versucht.
Man erkennt diese Grundmotivation, den dahinter liegenden Kampf gegen sich selbst irgendwann nicht mehr – es wird umso schwerer, je mehr derjenige mit seiner inneren Befriedungsvariante verschmilzt. Aber ich würde behaupten: Je extremer jemand ein Thema vorantreibt, ja vielleicht sogar Kurse gibt oder die Wahrheit seiner Erkenntnisse predigt, umso größer arbeitet genau das Gegenteil in ihm, umso stärker spürt er das, was er ablehnt.
Ein interessanter Aspekt ist natürlich auch, warum er diesen Teil von sich ablehnt. Das ist wahrscheinlich stark durch die Art der Erziehung und durch die (darin vermittelte) gesellschaftliche Erwünschtheit bestimmt. In einer Gesellschaft, die Gewaltanwendung strikt ablehnt, bzw. diese auf bestimmte Gruppen beschänkt hat (Polizei, Militär), gibt es keinen Kanal für die Wut und das Zerstörungspotential, das in manchen Mitgliedern schlummert. Der einzig akzeptierte, weil durch Regeln eingehegte Weg ist hier wohl der Sport. In einer Gesellschaft, in der der Egoismus und das Durchsetzen der eigenen Ziele im beruflichen Bereich so weit oben stehen, aber dennoch im privaten, zwischenmenschlichen Bereich nur selten auf dieselbe Weise akzeptiert werden, gibt es keinen adäquaten Kanal für das übersteigerte, narzistische Ego. Vielleicht gerade noch im künstlerischen Schaffen, auf all den Bühnen und in all den Galerien.
Welchen Weg man für sich persönlich wählt, hängt vermutlich von der Stärke des wahrgenommenen Drucks ab. Allerdings kann man die strikten Gegenbewegungen, beispielsweise in Form der Leugnung des Selbsts, vielleicht auch als ein Indiz dafür sehen, dass die gesellschaflichen Anforderungen immer schwerer auf ihren Mitgliedern lasten und die Angebote des Ausgleichs nicht mehr ausreichen.

Der Blog, mein Apodiktiergerät

Ich habe einen Hang zum Apodiktischen. Bevor ich das erläutern kann, muss ich wahrscheinlich erstmal dieses schöne Wort einführen: “apodiktisch” heißt “keinen Widerspruch duldend”.
Eigentlich mag ich das bei Anderen überhaupt nicht, wenn sie beispielsweise sagen: “Es ist doch so, dass …” . Dabei ist es nur für sie so, dass… Diese Relatitvität der eigenen Position, dieses “glaube ich” oder “habe ich für mich erkannt”, wird immer wieder verschwiegen. Stattdessen sagen die Leute: “Das ist hässlich” oder “Der Film ist Scheisse”.
Umso schlimmer ist es für mich, wenn ich in alten Einträgen feststelle, dass ich genauso argumentiere. Daher an dieser Stelle eine Entschuldigung für all die bisherigen “Es ist so, dass”-Statements in diesem Blog. Aber auch eine vorausgeschickte Erklärung, warum das weiter so sein wird, bzw. es sich manchmal nicht vermeiden lässt: Wenn man eine schöne Brandrede gegen einen Film, gegen eine Haltung schreibt, dann stört es wirklich sehr, wenn man irgendwelche relativierenden Momente einbauen soll. Oder wenn man gerade einmal die Welt erklären will, dann ist es ärgerlich bzw. geradezu unklug, im gleichen Kommentar anzudeuten, dass es auch andere Positionen geben kann. Zudem sind Relativierungen wenig knackig, sie sperren Sätze auf und verhindern schöne Zuspitzungen und Pointen. Und letztendlich gibt es ja auch die Kommentar-Funktion, da kann das Apodiktische ebenso beklagt wie andere Standpunkte und Sichtweisen verdeutlicht werden.
Daher an dieser Stelle der Appell: Bitte bei allen Einträgen, die zu einseitig erscheinen, immer das verschwiegene “Glaubt der Autor” hinzufügen! So kann ich denn diesen Blog auch weiterhin als mein persönliches, kleines Apodiktiergerät nutzen.

Ebenso berechtigt wie müßig

Ich hasse die Kommentare auf der ersten Seite der ZEIT. Es sind die windelweichsten, alles einschließendsten Kommentare, die es im deutschen Zeitungsgeschäft gibt. Sie sind wie der Aufsatz eines Zwölftklässlers: “Es ist so, aber man muss auch berücksichtigen das…” Da kommen die merkwürdigsten Argumentationen zustande: Wörter werden in Aber- oder in Sowohl-als-Auch-Zusammenhänge gebracht, die überhaupt nicht zusammenpassen. Am Schönsten hat übrigens die Titanic den bräsigen Stil des Chefredakteurs in ihren Josef-Joffe-Kolumnen parodiert.
Allerdings scheint das ein Phänomen zu sein, das mittlerweile auch auf andere Zeitungen überschwappt. Neulich habe ich in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel über Libyen gelesen, der dieses Prinzip der ZEIT und des gegenwärtigen Journalismus sehr gut auf den Punkt bringt. Der Autor Tomas Avenarius ist ein Insider, der schon lange aus dem nahen Osten berichtet. Er wehrt sich gegen das kleinkarierte Fragen, warum denn der Westen Gaddafi solange unterstützt hat, mit dem folgenden Satz: “Die Frage, ob die internationale Staatengemeinschaft wieder einmal zu lange gewartet hat, bis sie sich von einem der einschlägigen arabischen Autokraten abwendet, ist ebenso berechtigt wie müßig.” Das ist wirklich traumhaft formuliert: “ebenso berechtigt wie müßig.”
Der Satz drückt für mich in reinster Form das heutige Verständnis des Journalismus aus. Er sagt: “Ich als Journalist bin Teil des Systems, ich habe nicht gefragt und auch nicht kritisch kommentiert, irgendwann habe ich das nämlich aufgegeben, weil es nicht lohnt, moralische Ansprüche an die Realpolitik heranzutragen, weil das ja viel zu idealistisch ist und wir alle wissen, wohin man mit Idealismus kommt – nämlich nicht weit und schon gar nicht in die große Politikshow, in die ich will. Ich würde eigentlich gerne nur schreiben, dass die Frage “müßig” ist, aber das widerspricht auch meinem Berufsverständnis, weil ich immer auch zeigen will, dass ich einen kritischen, selbstreflexiven Geist habe – und da ist es wichtig, auch mal so eine selbstkritische Formulierung einzubauen. Aber damit die Leser nicht denken, wir als der Westen und als mutige und kritische Journalisten hätten etwas falsch gemacht, nehme ich sie gleich wieder zurück und konzentriere mich viel lieber auf die Zukunft.”
So sehen die meisten Journalisten heutzutage wahrscheinlich auch so randständige gesellschaftliche Themen wie die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit, nach der Korruption in der Politik, nach dem Zusammenhalt unserer Gesellschaft – all diese Fragen sind ebenso berechtigt wie müßig.

Gibt’s schon! Der Fluch des Internets

Manchmal ist das Internet schrecklich. Beispielsweise dann, wenn man ein kleines Wortspiel findet und sich daran erfreut – die Freude währt nur solange, bis man es doch irgendwann in Google testet. Natürlich gibt es das dann schon! Wer könnte erwarten, etwas zu erschaffen, zu erdenken, was noch keiner der 90 Millionen deutschsprachigen Menschen erdacht hat? Das ist utopisch. Sollte man sich dann vielleicht daran erfreuen, dass es nur 384 Menschen waren, die das auch schon thematisiert haben? Wo ist die Grenze?
Neulich hatte ich mir so schöne Ideen zu Neon-nazis ausgedacht, bis ich feststellte, dass es in der Kamelopedia bereits einen ganzen Eintrag dazu gibt. Immerhin ist das Bild nicht so schön, so dass ich mal schnell ein besseres gebastelt habe.

So leicht erkennt man den Neonnazi im Dunkeln:

Eine andere schöne Idee, die mir heute kam, ist die des Typochonders. Sie wurde aber auch schon von der Schwarmintelligenz des Internets entwickelt. Seufz. Da bleibt mir nur, das Ganze in einem Bild zu verdichten.

Eine moderne Krankheit: Die Typochondrie.

Werbung für Männer

Mit einer Freundin kam mir neulich eine schöne Idee, wie die Angst der Männer vor ihren Kindern überwunden werden könnte. Man muss sie da abholen, wo sie stehen. Wo sie stehen, das sieht man bei der Sportschau am Samstag: Im Baumarkt. Daher könnte das Familienministerium in Anlehnung an die bekannte Kampagne eines solchen Baumarktes ein paar schöne Plakate entwickeln. Hier habe ich schon mal eines gebastelt:

Eine andere Idee: Viele Männer leiden ja auch daran, dass sie sich nicht öffnen und ihre Gefühle nicht äußern können. Daher plädiere ich dafür, klare Öffnungszeiten – wie beim Baumarkt – einzuführen. Man könnte dafür ein Umhängeschild- oder ein Buttonsystem einrichten, auf dem bei jedem die genauen Öffnungszeiten samt Zusatzbedingungen stehen. Beispielsweise bei einem älteren Mann: “Geöffnet vom 21.12.1943 21:17 bis 21.12.1943 21:25″ Oder: “Geöffnet jeden Tag ab 22:00 (nach drei Bieren und zwei Kurzen).” Das würde endlich mal Klarheit schaffen und viele auch etwas menschlicher werden lassen. Vielleicht würde es sogar einige zur Verlängerung ihrer Öffnungszeiten animieren.

Meine Heimatliebe

Nachdem mir zu Recht vorgehalten wurde, dass ich hier in diesem Blog doch immer nur das Negative aufschreiben würde, all das was mich aufregt, was man nicht tun sollte, und das mit einem elendig apodiktischen Stil, der ja geradezu Widerspruch hervorrufen musste, habe ich, nun ja, beschlossen auch mal was Positives zu schreiben. Ich entschuldige mich an dieser Stelle schonmal dafür. Aus irgendeinem Grund bin ich immer davon ausgegangen, dass nur das Negative generalisierbar ist, während das Positive nur aus privaten, schwer erklärbaren Versatzstücken besteht. Da ich im Positiven noch Anfänger bin, werde ich mich erstmal auf eine Film-Empfehlung stützen, vielleicht kommen irgendwann auch mal positive, selbst erlebte Geschichten. (Irgendwie reizt das Positive auch nicht, es fehlt irgendwie der Sexappeal.)
Aber hier nun die Empfehlung: Es ist die Serie “Heimat”. Sie beschreibt (in der ersten Staffel) die deutsche Geschichte von 1918 bis 1982 anhand der Geschichte der Familie Simon im fiktiven Dorf Schabbach in 11 Episoden. Die Serie ist für mich nahezu perfekt: Das Storytelling ist großartig, es werden Handlungsstränge entwickelt und es werden Schicksale erzählt. Sie ist nur fiktiv, aber diese Fiktion ist so nah an der Wirklichkeit, dass ich mich ständig mit den Personen identifiziere, mit ihnen leide. Und das ist, glaube ich, das Beste, was eine Serie leisten kann. Daneben ist die filmische Qualität aber auch unglaublich. Es gibt zwar auch einige Szenen, die eher ARD-Fernsehfilmniveau haben, aber zugleich sind die wichtigsten Szenen so gut gedreht, dass man auf die Knie sinken könnte. Die Schauspieler spielen extrem gut und authentisch, allen voran die Hauptdarstellerin Marita Breuer. Heimat enthält Szenen, die sich einprägen, die eine extreme Symbolkraft haben. Die Qualität dieser Szenen lässt sich nur schwer durch eine Beschreibung wiedergeben.
Dennoch ein Beispiel: Der minderjährige Sohn Hermann verliebt sich in die 11 Jahre ältere Hausangestellte Klärchen. Er zieht sich aus der Familie zurück und lebt, da er eher ein Dichter ist, ganz für diese erste große Liebe. Sie wird schwanger und muss weggehen. Das Kind lässt sie – noch mitten in den fünfziger Jahren – abtreiben. Sie schreibt ihm nur noch Briefe. Durch einen solchen Brief fliegt die Affäre der beiden auf. Das ganze wird anhand von drei Szenen gezeigt: Der Postbote bringt den Brief und erklärt, dass er ihn diesmal vorbeibringt und nicht postlagernd behält. Die Mutter liest den Absender. Nächste Szene. In der Küche herrscht eisiges Schweigen. Hermann kommt nach Hause, niemand erklärt ihm etwas – bis der älteste Bruder kommt. Der ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, ein echter Macher, und erklärt Hermann umgehend, dass er sie nie wieder sehen wird, und dass die Familie sie verklagen und ins Zuchthaus stecken lassen wird. Nächste Szene: Die leere Küche. Die Kamera zeigt den Brief und, während die Geliebte ihn aus dem Off vorliest, fährt die Kamera durch die leere Küche. Es ist ein wundervoller Brief, voller Wärme und Vertrautheit. Und es ist eine wunderbare Idee, den verlassenen Ort der Zuchthaus-Forderungen und der aufgestauten Wut mit der Wärme des eigentlichen Briefes zu kontrastieren. Zugleich zeigt der Regisseur damit eine Welt, die zumindest mir heute sehr fremd erscheint, aber er zeigt sie sehr authentisch. Es gibt keine Gnade, selbst von der sonst so warmherzigen Mutter nicht. Letzten Endes verlässt auch Hermann mit 18 Jahren seinen Heimatort Schabbach und wird später Hauptdarsteller der zweiten Staffel, die im München der 60er und 70er Jahre angesiedelt ist.

Kommunikative Feigheit

Es gibt keine Reaktion, die schlimmer ist als keine Reaktion. Lange habe ich mit dieser Erkenntnis gehadert, weil ich auf irgendeiner theoretischen Ebene gemeint hatte, negative Reaktionen seien doch weitaus schlimmer. Aber dazu kommt es ja nie! Bei den meisten Menschen gibt es nur positive Reaktionen, dann vielleicht noch ein paar neutrale, aber danach nichts mehr – die Antwort-Skala endet vor dem Negativen. Lieber gar nicht antworten.
Aber was ist das denn für ein Verhalten? Menschen komplett im Unklaren zu lassen? Diese elendige Feigheit! Dieses bescheuerte Unsichersein! Verdammt, wenn man unsicher ist, wenn man Angst hat mit einer negativen Antwort, jemandem weh zu tun, warum dann nicht wenigstens schreiben: “Ich kann das momentan nicht entscheiden.” Oder: “Ich habe keine Lust.” Oder: “Ich brauche Zeit.” Alles möglich. Aber wenn man Nachrichten ins digitale Nirvana schickt, ist das wie eine Negation des Selbst. Der Andere kündigt nicht nur die Beziehung, wie auch immer sie gewesen sein mag, auf der inhaltlichen Ebene, sondern er zerstört sie auch auf der grundlegenden kommunikativen Ebene. Man redet gegen eine Wand, wo vorher noch ein Mensch stand. Dann beginnt ein Anrennen gegen diese Wand und man wird als Stalker abgestempelt, obwohl man doch nur eine Antwort, irgendeine menschliche Reaktion will. Das wird dann irgendwann lächerlich, da man sich nicht mehr sicher ist, ob da jemals ein Mensch war. Hat man sich so getäuscht? Es ist der Start aller marternden Selbstzweifel: Haben meine Worte die Mauer aufgebaut? Was habe ich falsch gemacht? Und die Antwort, die wohl immer stimmen, nur leider nie erkannt werden wird: Nichts. Der andere ist einfach nur eine feige Sau!
Nachtrag: Das gilt natürlich nicht, wenn der andere explizit gesagt hat, das er in Ruhe gelassen werden will. Das beschriebene Auslaufen-Lassen von Beziehungen durch Nicht-Kommunkation ist nur der feige kleine Zwilling dieser normalen menschlichen Ablehnungsreaktion.

Rumpfkluft II – Snow melts on the Herdplatte

Nachdem ich diese Rubrik ja sehr erfolgreich ins Leben gerufen habe, muss sie nun auch weitergeführt werden: Meine eigene kleine Rumpfkluft-Kollektion. Eine Freundin wünschte sich, in bester Rumpfkluft-Tradition, das folgende Motiv.
Da ich nur ganz schlecht zeichnen kann, selbst so etwas Einfaches wie eine Herdplatte, musste ich auf Cartoonausschnitte von Nicht-Lustig zurückgreifen und diese zweckentfremden. Ich hoffe, Joscha Sauer verzeiht mir. Falls dieses T-Shirt ein Riesenerfolg werden sollte, werde ich ihn natürlich beteiligen.

Manuela Schwesig. Das zum Mensch gewordene Rhetorikseminar

Manchmal muss der Ekel direkt raus. Ich habe gerade wieder einmal Anne Will geschaut. Sicherlich war das schon der Grundfehler. Es waren die beiden aufstrebenden Frauen der SPD und der CDU anwesend: Manuela Schwesig (siehe Bild) und Ursula von der Leyen. Ich habe noch nie soviel Künstlichkeit auf einmal gesehen. Dabei dachte ich schon, dass Ursula von der Leyen, neben dem Inbegriff des Muttchen-Grusels (Annette Schavan), die Inkarnation von weglächelnder Affektiertheit sei, aber Manuela Schwesig war eine unglaubliche Steigerung.
Ihr soll ja als junge, hübsche und begabte Frau in der SPD die Zukunft gehören. Aber sowas habe ich noch nie gesehen: Diese Frau ist nur Taktik, ihr fehlt jede menschliche Regung – sie ist das zum Mensch gewordene Rhetorikseminar. Es war so schrecklich offensichtlich, wie sie ihre rhetorischen Volten vollführte. Aber das Publikum fiel drauf herein. Es ging Schwesig natürlich nur um den Menschen, um das Beste für uns! Das Gesicht ein zur Fratze erstarrtes Lächeln dabei, keine, wirklich keine andere Regung! Alles Kommunikationsseminar: Immer lächeln, nichts anmerken lassen, Argumente aufnehmen und in die Darstellung eigener Positionen ummünzen. Dagegen wirkte sogar von der Leyen menschlich, weil sie auch noch in die Ecke drängbar war und sich sogar verteidigte. Schwesig war absolut ungreifbar, eine nur mit Propaganda abgefüllte Parteipuppe. Sie könnte genausogut in der CDU sein. Sie würde das ähnlich vertreten. Wo sind die Menschen, die noch Meinungen, noch Ideale haben? Menschen, denen Argumente und Positionen nicht von Kommunikationstrainern beigebracht werden müssen? Menschen, die mehr als nur Taktik sind? Wenn das die Zukunft von Politik ist, will ich sie nicht mehr sehen.
Nachtrag: Auf Spiegel Online findet sich ein interessanter Artikel, der genau die gegenteilige Position einnimmt. Er stammt von dem eher unangenehmen Rechtsaußen Jan Fleischhauer. Er nimmt all das, was Manuela Schwesig an emotionaler Aufgewühltheit vorträgt, für bare Münze. Mein Eindruck stammt nur aus einer einzigen Sendung mit Anne Will und muss daher nicht stimmen. In dieser Talkshow jedenfalls hat sie sich aufgeregt und emotional aufgewühlt gegeben, allerdings war das für mich nur eine Politikshow, weil es leicht durchschaubare rhetorische Manöver waren.

Unwirklicher Alltag

Neulich hatte ich eines der skurrilsten Erlebnisse meines bisherigen Lebens.
Ich war auf einer Ausstellungseröffnung und kannte niemanden. Als einziger betrachtete ich daher die Bilder. Da ich mich zudem als jüngster Gast auch nicht sonderlich wohl fühlte, beschloss ich so schnell wie möglich zu gehen. Am Eingang wurde ich jedoch von einem mittelalten Mann mit schütterem, durchschupptem Haar angehalten. Er fragte mich, wie ich die Bilder fände, und da ich ein höflicher Mensch bin, der eine solche Frage nicht abschlagen kann, ließ ich mich in ein Gespräch verwickeln. Nachdem die diskutierbare Malerei durchgesprochen war und ich auf den vor mir liegenden Ausgang schielte, wollte er sich allerdings noch vorstellen. Er kramte in seinen Taschen nach einer Visitenkarte und entpuppte sich als Künstler. Dann fragte er, wie ich denn hieße. “Robert Krause” entgegnete ich. “Das ist ja ein Zufall”, sagte er, “das ist genau das Pseudonym, das ich seit Jahren benutze! Schön Sie kennenzulernen!”
Irgendwie wusste ich nicht genau, was ich sagen sollte. Verständlicherweise. Wollte er mich veralbern? Der Name ist nicht sonderlich häufig. Er versicherte mir, dass er mich nicht veralbere und begann Geschichten zu diesem Pseudonym zu erzählen. Sehr skurril.
Heute schaue ich manchmal auf die Visitenkarte, die er mir mitgegeben hat, und versichere mir, dass es diese Begebenheit wirklich gab. Denn ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das eine merkwürdige Masche oder die Wahrheit war. Wenn ich ihn das nächste Mal treffe, werde ich mich wohl eher so vorstellen: “Ich bin Ihr ehemaliges Pseudonym, wie heiße ich?” Oder ich nehme einen anderen Namen und warte ab, ob das ebenfalls eines seiner Pseudonyme war.

Neue Wörter für den Duden: Der Small Stalk

Ich würde gerne einen neuen Begriff beim Kennenlernen einführen: Der Small Stalk. Ein Small Stalker ist ein Mensch, der die ureigenen Abwehrmechanismen für Menschen, die man maximal aus der Ferne grüßen will, nicht als solche wahrnimmt, sondern versucht sie in einem oberflächlichen Gespräch (Small Talk) zu überwinden – und das nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder (Stalk). Eine vielsagende, wenn auch etwas hölzern klingende Redewendung wäre dann: “Hör auf mich zu Small Stalken!”

Die neue Krankheit: Livetickeritis

Was ist denn mit den Onlinemedien los? Überall sprießen Liveticker aus dem Boden. Spiegel, Süddeutsche, Tagesspiegel – Ägypten ist voller livetickernder Journalisten. Ich kann das nicht genau erklären: Irgendwie habe ich dabei ein merkwürdiges Gefühl, wenn über eine Revolution oder einen Aufstand ein Live-Ticker gesendet wird. Was ist das denn für ein Format? Passt das zum Anlass? Fehlt da irgendwie die Pietät? Bin ich altmodisch? Erst das Spiel Dortmund gegen Schalke im Liveticker, dann die Revolution in Ägypten?
Wie wär’s mit folgenden Meldungen: 23:04 – Es wird wieder geschossen! 23:05 – 17 Menschen wurden von den Polizisten bisher erschossen. 23:06 – 27 Menschen! 23:07 – Unser ägyptischer Kameramann ist auch tot. 23:08 – Ich werde inhaftiert. 23:17 – Im Polizeibus werden wir Journalisten gefoltert.
Ist das der Wunsch nach einem Alleinstellungsmerkmal der Online-Journalisten? Ist es die Suggestion von Hyperaktualität? (Auch zum Preis von sehr vielen Fehlmeldungen, da sie nicht nachrecherchiert werden können?) Ist es die Freude endlich mal über einen Systemwechsel eventmäßig und melodramatisch berichten zu können? Wahrscheinlich hätten die deutschen Journalisten auch gern im Irakkrieg gelivetickert, wenn man sie denn gelassen hätte. Was kommt als nächstes: Mubaraks Hinrichtung im Live-Ticker? 10:56 – Der Priester spricht die letzten Worte…

Enthüllung: Der sogenannte Schrei

Als weitere Geschäftsidee und als Antwort auf dieses Rumpfkluft-T-Shirt habe ich das folgende Shirt entworfen, das endlich mal den wahren und wissenschaftlich anerkannten Sinn von Träumen verdeutlicht:


Zum Vergrößern auf das Bild klicken!

Anmerkung: Genau wie beim Bild der Madonna, die lange Zeit als heilig (und sexy) missinterpretiert wurde, bis Munch dann in späteren Bildern die Spermien um sie herum endlich ausführlich malte, genauso enthüllt dieses T-Shirt den wahren Charakter des sogenannten Schreis: Es handelt sich um eine Geste, die wir alle tagtäglich völlig selbstverständlich beim Zähneputzen vollführen! Munch hatte nur keine Lust mehr dies weiter auszuführen, hätte es doch Fragen aufgeworfen wie: Warum putzt der sich auf dem Pier die Zähne? Wie will er zum Spülen ans Wasser kommen? Und warum hält er sich beim Putzen ein Ohr zu? Hat er eine Mittelohrentzündung?

Altes »