Klingsors Letzter
August 16, 2010 at 22:32 · Filed under Allgemein
Neulich habe ich mit Erschrecken festgestellt, dass ich schon lange nichts mehr für mein antimodernistisches Profil getan habe. Daher:
Ich hasse Facebook! Lange Zeit habe ich diesem Phänomen nur kritisch gegenüber gestanden und versucht mit quasiethnologischem Blick herauszufinden, was die Menschen an dieser Plattform fasziniert. Aber seit Facebook begonnen hat, das Internet zu kolonialisieren, ist dieses Soziologeninteresse vorbei. Das ist es nämlich, was Facebook gerade voran treibt: Die Kolonialisierung des Internets. Es strukturiert das gesamte Internet und macht es sich zu Werbezwecken zu eigen.
Ich verstehe nicht, warum sich dagegen keine Widerstandsbewegung gründet. Wieso kann Facebook sich ungehindert mit seinem “Gefällt mir”-Button selbst auf kritischen Seiten wie dem Spiegelfechter ausbreiten? Wieso bietet mir Rumpfkluft an, auf Facebook zu veröffentlichen, welche T-Shirts ich mir gerade gekauft habe? Wieso fragt mich Mitfahrgelegenheit, ob ich meine Fahrt nicht mit meinen Facebook-Freunden teilen will? Warum machen diese Seiten da alle mit? Wieviel Geld bekommen sie denn dafür? Und noch viel schlimmer die andere Seite der Nutzer: Geben das wirklich Leute an? Das ist doch eine völlig neue Dimension der Selbstoffenbarung.
Nur: Warum tun mittlerweile 10 Millionen Facebook-Nutzer all das? Ich glaube die einfachste Antwort ist wohl, dass sie nicht merken, vor wem sie es preisgeben. Die Illusion all das nur vor Freunden zu tun, so als sei man auf einer gemeinsamen Freizeitreise und nicht in einem Big-Brother-Container, in dem jede einzelne Bewegung überwacht und protokolliert wird. Dieser neue Big-Brother-Container dient nicht zur Unterhaltung der Massen vor dem Fernseher, sondern zur Erstellung von Werbeprofilen ebenjener Insassen und zum Verkauf ebendieser Informationen an Dritte. Solange diese im Hintergrund stehende Struktur unsichtbar bleibt und nur die Ferienreise sichtbar ist, wird das Prinzip funktionieren. Zumal das ja auch eine Reise von ausgehungerten Personen ist, die sonst lange Zeit alleine wären, da ihre Arbeit sie vereinzelt und der gesellschaftliche Zwang zur Mobilität sie atomisiert hat. Da kommt die kleine Dauerreise gerade recht.
Ich jedenfalls lösche jetzt mein Profil. Freundlicherweise wird Facebook es aber aufbewahren, falls ich es mir nochmal anders überlegen sollte. Eine tolle Seite.
Nachtrag: Wie absurd das ganze mit dem “Gefällt-mir”-Button ist, sieht man auf dieser Seite. Nerdcore schreibt über seinen Versuch, auszutreten und komplett gelöscht zu werden. Darunter steht heute, dass das 43 Facebook-Nutzern gefällt. Als er das vor zwei Jahren geschrieben hat, ahnte er wohl nicht, dass er bald Facebook selbst auf seine Seite lassen würde. Was lernen wir daraus: Wenn du nicht bei Facebook bist, kritischer Blogger, dann kommt Facebook eben zu dir. Oder: Wer heute kritisch ist, muss es morgen noch lange nicht sein.
Juli 26, 2010 at 22:29 · Filed under Allgemein
Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Eintrag schreiben sollte. Wenn man sich gegen die öffentliche Meinung wendet und andere Fragen stellt, wird man leicht angefeindet und als herzlos abgestempelt. Das sieht man beispielsweise an dem Panikforscher Michael Schreckenberg, der der Süddeutschen ein Interview mit einer alternativen Sichtweise gegeben hat (”Die Toten haben Fehler gemacht”). Das ist in einer solch aufgeheizten Stimmung gerade sehr riskant. Immer und überall sind Menschen für ihr eigenes Handeln verantwortlich, allerdings nicht, wenn ein Unglück geschieht. Dann waren in Deutschland immer die Sicherheitskonzepte falsch oder Manager und Politiker korrumpiert.
Was in Duisburg passiert ist, ist noch völlig unklar. Wie die mittlerweile 20 Menschen gestorben sind ebenfalls. Das wird allerdings von den Medien auch nicht mehr thematisiert: Sind sie von dieser Treppe gefallen und durch den Sturz gestorben oder wurden sie in einer Massenpanik totgetrampelt? Im ersten Falle war das sicherlich auch eigenes Verschulden, der Veranstalter kann solches Verhalten nicht komlett vorhersehen. Wer ist Schuld, wenn in Berlin bei einer Loveparade jemand auf die Siegessäule klettert und da runter fällt? Allerdings muss man für diese Frage natürlich auch die Grundsituation klären: War es so extrem überfüllt, dass die Menschen flüchten wollten? Dazu müsste man natürlich auch erstmal wissen, wieviele Menschen überhaupt vor Ort waren. Die Polizei äußerte dazu nur, dass sie 105.000 Angereiste per Zug registriert habe. Die Medien spekulieren anhand früherer Besucherzahlen und den großspurigen Angaben der Veranstalter vor dem tödlichen Unglück, dass mehr als eine Millionen anreisen wollten (oder dort waren?). Außerdem stellt sich die Frage: War der Tunnel zu klein für die ankommende Menge? Auf den Videos, die ich mir angesehen habe, erscheint es nicht so. Auf den Videos sieht man allerdings auch keine Menschen von der Treppe stürzen und auch keine Massenpanik, so dass auch die Version der Polizei oder der Veranstalter erfunden sein könnte. Die Polizei sagte allerdings ganz klar, dass im Tunnel niemand gestorben sei (was für ausreichenden Platz spräche), sondern 12 an der Treppe und 2 an einem Plakat gestorben seien. Das müsste man doch eigentlich relativ leicht von einem Gerichtsmediziner feststellen lassen können, wie diese Menschen umgekommen sind. Warum ein solches Gutachten jetzt nicht erscheint, verstehe ich nicht.
Ich muss zugeben, dass ich in dieser Frage durch das Gerichtsverfahren gegen die “Mörder” von Dominik Brunner ein wenig geprägt bin. Dort war lange bekannt, dass Brunner an einem Herzinfarkt, ausgelöst durch einen angeborenen Herzfehler, gestorben war. Aber erst nachdem der Medienhype über die Guten und die Bösen vorbei war, erst im Gerichtsverfahren wurde das veröffentlicht. Wahrscheinlich warten die Verantwortlichen jetzt auch den Medienhype ab. Jede entlastende Aussage würde in dem momentanen Umfeld auch als Beschwichtigung oder Vertuschungsversuch interpretiert werden. Das hat beispielsweise der Skandalforscher Kepplinger in seinen Untersuchungen herausgefunden. Alle anderen Sichtweisen würden untergehen.
Außerdem bin ich immer wieder erstaunt, wie sich die Medien selbst reproduzieren. Eine besonders tolle Taktik ist momentan, Leute zu interviewen, die nur entfernt beteiligt waren und die ihre Informationen auch nur aus den Medien haben. Man tut so als würde man über das berichten, was die Menschen bewegt, und zeigen, wie es den Menschen geht. Dabei hat man diese Stimmung zuvor selbst erzeugt und spiegelt sich dann nur selbst den eigenen Erfolg wider. Die Informationen, die in solchen Gesprächen vorkommen, sind auch nur aus dem medialen Stille-Post-Spiel entstanden.
Ich will mit diesem Eintrag auch nicht die Veranstalter von Schuld reinwaschen. Sie tragen sicher auch eine Mitschuld. Aber in der momentanen aufgeheizten Stimmung lässt sich so etwas kaum ausreichend klären. Man sollte erst einmal das Gutachten abwarten. Solange wird es aber wohl nicht dauern, bis die Medien ihre Opfer bekommen werden. Überspitzt könnte man sagen: Nach der realen Panik, folgt die massenmediale Panik und die fordert auch ihre Opfer. Leute müssen zurücktreten und Schuld übernehmen. Bald werden der Oberbürgermeister von Duisburg und vermutlich auch der Polizeichef zurücktreten müssen. Ich tippe auf Mittwoch.
UPDATE: Die Theorie, dass die Opfer eine Treppe hinabgestürzt sind, ist erfunden. Das war scheinbar nur eine Rettungstheorie für die Veranstalter oder die Polizei. Alle Opfer sind durch die Enge erstickt. Wer nun die Verantwortung dafür trägt, ist allerdings weiterhin unklar. Die Theorie ist allerdings auch falsch, dass das ein vorhersehbares Unglück war, da sich 1,4 Millionen Menschen nicht auf einem Areal für 200.000 aufhalten können. Da der Platz nicht vollständig gefüllt war, gehen die Veranstalter von etwa diesen 200.000 Menschen aus. Eine Massenpanik war also nicht notwendig vorherprogrammiert, da genau die Teilnehmerzahl erreicht wurde, mit der auch in den Auslastungsmodellen gerechnet wurde. Eine höher reichende politische Verantwortung gibt es damit meiner Ansicht nach nicht, höchstens eine symbolische. Es war wie es scheint, ein durch diverse Fehlentscheidungen und eine mangelhafte Informationspolitik (beispielsweise Lautsprecherdurchsagen) ausgelöstes Unglück.
Menschen wollten raus, Menschen wollten rein. Einige fanden einen neuen Zugang zum Gelände über die Treppe und drängten in der angespannten Situation auch noch dorthin. Die ersten nicht aus Not, sondern nur um eine Abkürzung zu nehmen und Helden zu sein. Tragen sie dann auch Verantwortung für das Unglück? Oder auch der Malteser Hilfsdienst, der, wie Spiegel Online schreibt, sich mit einem Krankenwagen einen Weg durch die Absperrung im Tunnel bahnte und so ein Loch in der Polizeikette riss, das nicht mehr geschlossen werden konnte. Dadurch gelangten dann immer mehr Menschen in die bereits angespannte Situation auf der Rampe. Also auch eine Mitschuld? Alles, was sich nach den ersten Rekonstruktionen feststellen lässt, ist, dass viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Handlungen und Motiven zu diesem Unglück beigetragen haben. Die oft behauptete Zwangsläufigkeit gab es somit keineswegs.
Juli 1, 2010 at 10:09 · Filed under Allgemein
Ich habe ja gestern auch ein Weilchen der Bundesversammlung und all den aufgeregten ARD-Journalisten zugeschaut. Eine sehr erstaunliche Inszenierung. Es ist sehr verwunderlich, dass die Medien sich immer wieder ihre eigene Fallhöhe schaffen: Es war abzusehen, nach all den Äußerungen im Vorfeld, dass ein oder zwei Wahlgänge nicht genügen. Aber die ARD schaffte es, dieses Faktum immer wieder als unglaubliche Neuigkeit und als Politikum zu verpacken. Eine Zitterpartie, von der nun immer gesprochen wird, war es ja nun auch nicht. Dass die Linkspartei Gauck nicht wählt, war vorher bereits klar. Die ARD bekam wahrscheinlich einfach nur Schaum vorm Mund, weil sie die Exklusivrechte an dem Zehn-Stunden-Marathon hatte.
Am spannendsten aber war die kleine Antrittsrede von Christian Wulff. Ich zitiere:
“Wir alle tragen gemeinsam Verantwortung für unser Land, für unser Gemeinwesen, für unsere Demokratie. Es ist unser Land, es ist uns anvertraut, wir wollen es in einem Zustand an kommende Generationen weitergeben, zumindest in so gutem Zustand erhalten, wie wir unser Land vorgefunden haben.“ (ab Minute 4:41, Link)
Für ihn ist also Deutschland mit einer Toilette zu vergleichen! Denn wo sonst steht noch der Spruch: “Bitte hinterlassen Sie X in dem Zustand, in dem Sie sie vorfinden möchten.” Er hat nur das fast schon visionäre “möchten” weggelassen und sich auf den Jetzt-Zustand beschränkt. Wenn das mal nicht eine Vision für Deutschland ist! Wir wollen Deutschland zumindest so erhalten, wie wir es vorgefunden haben! Besser wird’s eh nicht, wir können nur unseren Abstieg verhindern.
Die deutsche Bahn hat auch schon reagiert und extra für den ICE, mit dem Christian Wulff reist, einen kleinen Erinnerungsort geschaffen:

Juni 20, 2010 at 13:39 · Filed under Allgemein
Neulich habe ich mit einem Freund über die folgenreichsten Fehlinterpretationen im zwischenmenschlichen Bereich gesprochen: Die Kränkung des Selbst oder die Angst vor dem Alleinsein als das Wollen einer Beziehung misszudeuten.
1. Kränkung des Selbst als Wollen des Anderen missdeuten. Die Zurückweisung einer Frau, die man zuvor nicht oder nur halb wollte, wird statt als Kränkung des Selbst als ein eigentliches Wollen der anderen Person verstanden. Daraus sind schon sehr viele, sehr schmerzhafte Beziehungen entstanden.
Ein Beispiel aus meiner näheren Umgebung: Ein Freund war sich nicht sicher, ob er eine Beziehung mit einer Frau wollte. Das Ganze zog sich bereits fast ein halbes Jahr hin. Es war immer wieder on/off, ein ewiges Herumlavieren. Dann zog sie, die sie eigentlich verliebt und überhaupt nicht unsicher war, einen Schlussstrich, auch um sich selbst zu schützen. Das allein kränkte ihn schon sehr. Zusätzlich fuhr sie aber noch zu einem seiner besten Freunde und verstand sich sehr gut mit ihm. So kam die Eifersucht noch ins Spiel. Er spürte daraufhin ein so klares JA, wie er es noch nie zuvor gespürt hatte. Aber das war eigentlich nur eine Verwechslung. Er verwechselte sein gekränktes Ich mit der Liebe zu dieser Frau. Es ist aber auch ein naheliegendes Muster, die Kränkung dadurch zu verarbeiten, indem man die Person, die einen gekränkt hat, wieder wohlwollend stimmt.
In dieser klaren Form kommt dieses Muster wohl nicht so oft vor. Aber beim Kennenlernen spielt es oft im Hintergrund eine Rolle. Es lautet dann: “Was ich nicht haben kann, will ich umso mehr.” Das führt sehr oft zu schmerzhaften Zurückweisungen, die wiederum umso mehr anstacheln, den anderen zu wollen. Ein schrecklicher Teufelskreis, der erst dann durchbrochen wird, wenn der Selbstschutz einsetzt. Ein Rückzug, der dann aber beim Anderen, wenn er ähnlich geprägt ist, wiederum ein Hinterhergehen hervorrufen kann, was auch nur durch die Kränkung des Rückzugs ausgelöst war und nicht durch ein echtes Wollen. So wird wieder ein neues Zeichen gegeben, so dass der Rückzug zurückgenommen wird und wieder gehofft werden kann, was der andere aber eigentlich gar nicht beabsichtigt hatte, so dass er nach diesem klareren Zeichen auch wieder zurückrudert und damit erneut verletzt. Ach, und so weiter…
2. Die allgemeine Sehnsucht nach Nähe mit der Sehnsucht nach der letzten nahen Person verwechseln. Nach einer Beziehung entsteht oft eine Einsamkeit, eine Sehnsucht nach Zweisamkeit, die eigentlich ungerichtet ist – man spürt nur einen Mangel, eine Leerstelle. Anstatt sich aber zuzugestehen, dass man einsam ist und Geborgenheit in einer zukünftigen anderen Beziehung sucht, schaut man in die Vergangenheit und beginnt, die letzte nahe Beziehung zu idealisieren. Man verwechselt die eigene Einsamkeit mit dem Wollen eines anderen Menschen, im Extremfall sogar mit dem Wunsch nach Rückkehr in eine kaputte Beziehung. Diese Missdeutung ist natürlich auch naheliegend, da dieser Mensch auch der letzte war, der einem das gab, was man im Moment so dringend braucht. Nur leider werden dann all die negativen Seiten ausgeblendet, die die Beziehung letztendlich zerstört haben. Dieses Muster habe ich auch lange Zeit gepflegt.
Dies ist natürlich nicht nur auf die Vergangenheit beschränkt. Im allgemeinen ist es dann das Muster: “Ich habe Angst vor dem Alleinsein, deshalb brauche ich jetzt jemanden.” Auf wen sich der Blick dann richtet, ob in die Vergangenheit oder in die Gegenwart, ist offen. Aus dieser Angst heraus sind schon viele unklare Beziehungen begonnen, aber auch endlos weitergeführt worden.
Wie man diese beiden Deutungen vermeidet, ist allerdings unklar. Das passiert ja alles nicht auf der rationalen Ebene. Sie sind eigentlich auch nur naheliegend und menschlich: Niemand will gekränkt werden oder allein sein. Das schmerzt. Vielleicht ist es ja, dass man diesen Schmerz aushalten und akzeptieren sollte. Dann kommt irgendwann irgendwas anderes – hoffentlich.
Juni 16, 2010 at 20:43 · Filed under Allgemein
Sicherlich lesen diesen Blog nicht so viele Fußball-Fans, aber ich muss trotzdem mal ein paar Fragen loswerden. Gerade habe ich gehört, dass Günter Netzer nach dieser WM aufhört. Ich konnte einen Jubelschrei nicht unterdrücken. Endlich ist der eklige Labersack weg!
Dann aber las ich die Kommentare anderer Medien und war sehr überrascht: Es soll von irgendjemandem gut gefunden worden sein, was die beiden dort ablieferten, sie sollen sogar Preise dafür erhalten haben. Kann das sein? Gibt es da draußen wirklich Menschen, die dieses banale, peinliche Angekeife gut fanden? Sicherlich Günter Netzer ist eine wunderbare Figur zum hassen – diese eitle Selbstgefälligkeit gepaart mit einem aufgeblasenen unästhetischen Äußeren. Da kann man einiges drauf projezieren. Aber ihn deshalb auf die Menschen da draußen loslassen? Sein Expertentum hält sich auch sehr in Grenzen, meist geht es auch in seiner eitlen Selbstüberschätzung unter. Und dann diese Pseudodebatten, diese Pseudostreits. Das findet irgendjemand gut? Mich erinnert das eher an einen Kindergarten und ich schäme mich, diesen beiden Personen bei so unterirdischer Kommunikation zuzuschauen. Als ich bei der WM 2006 das erste mal dieses Duo sah, konnte ich mir die Präsenz Netzers in der ARD nur damit erklären, dass er sich über seine Firma, die ja die Rechte für die Bundesliga verkauft, reingeschlichen hatte. Die ARD hatte sich mit den Übertragungsrechten scheinbar auch diese Figur eingehandelt.
Nun also meine Frage: Kann mir jemand dieses Phänomen erklären? Wieso darf Günter Netzer moderieren? Wieso muss man sich so eine Kindergarten-Kommunikation anhören? Wird dieses Duo nur medial gehypt, oder ist es in der Bevölkerung wirklich auch beliebt?
Juni 12, 2010 at 12:40 · Filed under Allgemein
Dieser ganze Hype um Gauck ist echt erstaunlich! Ich mag Gauck nicht. Ich habe mir eine Rede von ihm angehört, die er auf dem Freiheitskongress der Stiftung für die Freiheit gehalten hat (Link). Falls ihr eine Stunde Zeit haben solltet, könnt ihr euch die Rede ja mal anhören.
Aber nur zur Zusammenfassung: Gauck ist der perfekte Kandidat der FDP, und das mit vollem Herzen. Deshalb ist er auch ein Mediendarling. Er steht für die Reformpolitik im Stile der Agenda 2010, er will unsere Gesellschaft in eine Gesellschaft der Freiheit formen und dabei ist ihm Freiheit das wichtigste, nach dem die anderen Werte alle zurückstehen müssen (also Gerechtigkeit und Gleichheit, weil bei einer Bevorzugung der anderen immer auch die Freiheit leiden würde). Er ist ein Apologet des Status quo. Man merkt das deutlich an seiner Rede. Inhalt ist die Frage, warum die Ostdeutschen denn nach all diesen wunderbaren Dingen, die ihnen gegeben wurden, noch immer unzufrieden sind mit der Demokratie. Gaucks Antwort: Weil sie 56 Jahre in einer Diktatur gelebt haben (1933-1945) und die Demokratie daher einfach noch nicht gelernt haben können. Er meint das „nicht wertend“, wir sind einfach noch nicht reif. Reif sein, bedeutet für ihn, nicht mehr spinnerten Visionen nachzuhängen (Idealismus ist ihm erstaunlicherweise absolut fremd), sondern zu erkennen, das wir in der besten aller Gesellschaften leben. Das schreckliche daran ist, dass er das alles extrem psychologisierend vorträgt, also immer wieder auf psychologische Faktoren zurückgreift, um soziale Probleme zu erklären. Unsere gesellschaftlichen Probleme, das Auseinanderdriften liegt somit in den Psychen der Menschen begründet und hat keinen größeren Rahmen. Es gibt den aufgeklärten Menschen, der sich am “seriösen Diskurs” beteiligen kann, aber dafür muss er bestimmte Positionen räumen, erst dann darf er Teil der Gesellschaft sein.
Gauck ist, meines Erachtens, ein Mensch, der unglaublich durch die Wende geprägt wurde. Das damalige Streben nach Freiheit hat sich so tief in ihn eingebrannt, dass er nun kein anderes Wahrnehmungsmuster mehr hat. Eigentlich müsste er dann auch gegen die ganzen Bestrebungen zur gesellschaftlichen Überwachung kämpfen und müsste für die liberalen Bürgerrechte einstehen (weiß ich nicht, ob er das macht). Er lehnt aus dieser Wahrnehmung alles ab, was nach Gleichmacherei klingt. Dass Gerechtigkeit ein Problem unserer Gesellschaft ist, scheint er von dieser Position aus nicht zu sehen. Sein politischer Weg führte vom Bürgerrechtler zur FDP, auch wenn er sich als keiner Partei zugehörig ansieht. Das ist ja sehr gut verständlich, da das ostdeutsche Streben nach Demokratie ein genuines FDP-Thema ist. Eigentlich erstaunlich, dass die Grünen soviele Bürgerrechtler zu sich ziehen konnten. Allerdings und das erscheint mir wesentlich: Er kam aus dieser freiheitskämpferischen Position in diese Partei und hatte, so könnte man maliziös ergänzen, 56 Jahre Diktatur hinter sich, den westdeutschen Sozialstaat kannte er nicht, den ostdeutschen lehnte er konsequent ab. Er hatte also keinerlei Erfahrung und war noch nicht reif für den Umgang mit dem Sozialstaat. Mit dieser Vorprägung kam er dann mental in die FDP, die die Reform und damit den Abbau des Sozialstaats predigte. Er übernahm all die Interpretationen, da ihm ja keine anderen zur Verfügung standen. Seine politische Sozialisation fällt in die Zeit des Sanierungsfalls Deutschland. Er ist daher eigentlich monothematisch auf das Thema Freiheit und ihre Bedrohung beschränkt.
Dass die SPD und die Grünen nun diesen FDP-Politiker vorschlagen, spricht Bände. Einerseits ist es natürlich ein Coup, weil dann die Linke nicht mit ihnen abstimmen kann und sie nicht wieder in die Bredouille einer Medienkampagne gegen Rot-Rot-Grün geraten. Andererseits ist es bezeichnend, da dieser Politiker für die ganze Reformpolitik der Agenda 2010 steht und kein erkennbares soziales Gerechtigkeitsgefühl hat oder dies zumindest immer der Freiheit unterordnen würde. (Welche Freiheit meint er denn eigentlich: Die Freiheit des Marktes, die ungerechtfertigterweise durch den Sozialstaat beschränkt wird, die Freiheit vor Eingriffen in die Privatsphäre? Die Freiheit des Diskurses meint er, nach allem was ich gehört habe, mit Sicherheit nicht, da man ja eine Reife und Einsichten braucht, um daran teilzunehmen.)
Ein Präsident des Volkes ist er also beileibe nicht. Vielleicht ein Präsident der sechs Prozent FDP-Wähler. Und natürlich ein Präsident der Journalisten. Wenn man sich anschaut, wer alles Gauck lobt, dann weiß man ungefährt, wofür er steht. Das viele Lob aus dem extrem konservativen Lager (Welt, FAZ), bedeutet nicht, dass er ein Präsident aller Deutschen sei, sondern, dass er genau deren Kandidat ist. Auch der Boulevard hat sich auf Gauck eingeschossen (BAMS, BILD). Diese Medien projezieren all das in Gauck, was Wulff angeblich nicht hat: Charisma, Lebenslauf, Eloquenz, etc. In dieser Projektion gehen aber seine Inhalte verloren. Die Leute beginnen zu glauben, er sei ein Volkspräsident. Wie das ja nach medialer Darstellung auch Horst Köhler gewesen sein soll. Gauck wäre nun die um intellektuelle Fähigkeiten bereicherte Variante dieses Volkspräsidenten.
Aber das ist er nicht. Er steht für die Reformen, für den Abbau des Sozialstaats, für die Stärkung der Eigeninitiative, für „Leistung muss sich wieder lohnen“. Und dieses ganze Programm wird aber noch zusätzlich verpackt in psychologisierende Redeweisen, die die gesellschaftlichen Probleme auf Erkenntnisprobleme des Individuums reduzieren. Er ist ein ziemlich guter Demagoge. Nachdem ich seine Rede vor der FDP-Stiftung gesehen hatte, habe ich mir gewünscht, dass Christian Wulff Bundespräsident wird. Wenn man den jetzigen medialen Hype zugrunde legt, macht mir Gaucks Präsidentschaft Angst. Er würde Reden gegen den Sozialstaat, die soziale Hängematte halten und von den Medien bejubelt werden. Das höhlt den Sozialstaat aus und spaltet die Gesellschaft weiter. Wenn ich in der Bundesversammlung säße, ich würde Wulff wählen.
Hier auch noch ein Link zu einem ganz guten Überblicksartikel, in dem auch einige Quellen zu Gaucks Anti-Sozialstaats-Position genannt sind: Spiegelfechter.
Juni 2, 2010 at 22:47 · Filed under Allgemein
Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark Arbeit und Mensch auseinanderfallen können, wie unglaublich deutlich manche Menschen das trennen können.
Heute war ich bei meinem Dozenten. Ein kluger Mann, der mit an der Spitze der kritischen Forschung steht und sich dem Kampf gegen den neoliberalen Zeitgeist verschrieben hat. Er sagte mir, dass er enttäuscht sei, weil ich einfach nur mit meiner Dissertation auf ein Stipendium gewartet habe, anstatt diese eigenständig voranzutreiben. Ich sagte ihm, dass ich das nicht konnte, da ich ohne eine klare Perspektive auf Finanzierung nicht arbeiten könnte, dass ich nicht loslaufen könnte, ohne zu wissen, ob jemals irgendwann ein Startschuss fallen würde.
Und nun kommt das, was mich wirklich schockierte: Er sagte, dass Menschen, die das nicht können, keine wissenschaftliche Karriere anstreben sollten. Übersetzt bedeutet das: Wer in völlig unklaren und prekären beruflichen Verhältnissen nicht an seiner ureigenen Idee mit vollstem Elan festhalten kann, der wird nichts an der Universität. Eine solche Aussage bei all der kritischen Forschung zu Prekarität, zu neoliberalen Leistungsanrufungen und zu Foucaultschen Selbstdisziplinierungs-techniken. Jetzt plötzlich ein Lob der akademischen Selbstausbeutung! Man muss intrinsisch motiviert sein, egal, was die Umwelt zurückmeldet. Dass man dann vielleicht doch durch die eine oder andere Absage enttäuscht wird, ist nicht menschlich, sondern vielmehr ein Zeichen der Schwäche, des mangelnden Glauben und der fehlenden Überzeugung vom eigenen Projekt. Wer Selbstzweifel habe, werde in diesem Betrieb nicht weiter kommen.
Ich war so baff, dass ich meine eher passive Position in dem Gespräch verließ und zu einem langen Monolog ansetzte, der leider nicht mit den Worten endete: “Schämst du dich nicht für diese Worte? Für diese absolute Bejahung der Gegenwart, für diese Betonung des Rechts des Stärkeren? Hast du überhaupt jemals deine eigenen Texte gelesen? Wie kann man denn so abstumpfen?” Stattdessen sagte ich empört, dass das doch den Ausschluss von vielen klugen Köpfen bedeute (und meinte natürlich auch mich) und dass doch damit ein riesiges Potential verschenkt werde. Das sei doch tragisch. Er entgegnete, dass die ganze Uni voll sei von Neurotikern, die irgendetwas kompensieren müssten, aber Menschen mit (offenen) Selbstzweifeln würde man dort nicht finden. Lakonisch meinte er noch, dass es ja ein Übernachfrage nach Doktorandenstellen gibt, da könne ja nicht jeder was bekommen, aber alle könnten dann darüber klagen, dass die Welt ja ach so gemein und tragisch sei. Seine Position war also insgesamt etwa die Folgende: Wer es nicht kann, der kann es nicht. Das sollte man irgendwann erkennen.
Vielleicht war dieser Subtext auch an mich gerichtet. Vielleicht war das nicht seine Abgeklärtheit im Umgang mit dem universitären Betrieb und auch nicht Ausdruck seiner mangelnden Fähigkeit, die in theoretischen Disputen oft in Stellung gebrachte Kritik auch im persönlichen Bereich auf kritikwürdige Zustände zu richten. Ich hatte ihn enttäuscht, er hatte mich enttäuscht. Ich hatte es ihm vorgeworfen, er mir ebenso. Das einzige Problem war, dass er aus seiner Position nicht mehr herauskam. Ich hatte erkannt, dass meine Enttäuschung nur aus einem bestimmten Eindruck entstanden war und nicht unbedingt berechtigt war. Nur konnte er seine Enttäuschung nicht überwinden. Vielleicht beflügelte mein Rückzug ja sogar auch seine Position. Er fühlte sich in der Position des Rechthabenden. Zu Tage trat dabei keine zynische Verbitterung, sondern eher ein So-ist-es und ein So-muss-es-sein. Alles Idealistische oder auch nur Humane wirkte dagegen lächerlich.
Diese Position macht mir Angst. Das Schreckliche dabei ist, dass der Weg dorthin so wenig sichtbar ist. Solange man nur das Schreckensbild der absoluten Abstumpfung, des puren Zynismus vor Augen hat, wird man die kleinen, wirklich gefährlichen Schritte auf dem Weg in die sogenannte “wirkliche Welt” nicht erkennen können. Davor schützt auch ein Beruf nicht, der sich professionell mit dem Kritisieren der gegenwärtigen Zustände beschäftigt. Vielleicht ist sogar gerade die Universität in ihren heutigen Strukturen ein Hort, der abgestumpfte Nihilisten ebenso anzieht wie erzeugt. Das finde ich, ganz der Idealist, der ich noch bin, sehr traurig.
Mai 26, 2010 at 23:52 · Filed under Allgemein
Da kannte doch mein Handy mit seiner T9-Programmierung gerade den Ausdruck “Pfingsten” nicht. Ist das nicht unglaublich? Was für ein Werteverfall in unserer Gesellschaft! Da kam mir auch gleich die Idee für einen schönen bildungsbürgerlichen Wettbewerb: Gesucht wird das Handy mit dem größten Wortschatz Deutschlands. Welches Handy kennt so ausgefallene deutsche Wörter wie hanebüchen oder Tohuwabohu oder Truchseß? Das schöne daran: Anders als beim Menschen lässt sich der aktive Wortschatz einfach zählen oder sogar ausdrucken, da er ja als Mischung aus Einsen und Nullen im Handy gespeichert ist. Also los geht’s!
Vielleicht hat das ja sogar Potential das Brieftaubenzüchtertum als Haupthobby von Über-Fünfzig-Jährigigen abzulösen. Unsere Generation besitzt doch eine größere Affinität zu technischem Schnickschnack und wenn sie dann noch mit einem bildungsbürgerlichen Missionierungsauftrag sozialisiert wurden, steht dem Hobbyfröhnen nichts mehr im Weg. Sie könnten dann Handysprachlernvereine gründen, einen für Nokia, einen für Samsung, vielleicht auch für einzelne Modelle. Dann könnten sie sich, alle mit Stoppuhr um einen Tisch sitzend, auch immer SMS zum Beweis zuschicken, beispielsweise: “Dem Truchseß behagte das abstrakte Herumeiern der Hausmeier nicht: “Frappé ist frappé und kein Papageienkuchen”, räsonnierte er süffisant.” (137 Zeichen in 9,72 Sekunden)
Mai 25, 2010 at 09:55 · Filed under Allgemein
Es gibt Menschen, die haben Angst davor, allein zu sein und nichts zu tun. Sie beschäftigen sich dann unablässig, rennen von einem Termin zum nächsten, müssen zwischendurch noch schnell das erledigen, weil sie dann schon wieder… Kurzum: Sie dröhnen sich mit Tätigkeiten zu, auf dass sie ihre innere Leere nicht mehr spüren. Für die Beschreibung dieser Menschen habe ich heute ein passendes Maß entdeckt. Es ist aus der Physik entlehnt und ein dimensionsloses Geschwindigkeitsmaß: Die Mach-Zahl. Je mehr sich Menschen mit Tätigkeiten und Terminen zudröhnen, desto höher ist ihre Mach-Geschwindigkeit. Mach 4 beispielsweise steht symbolisch für einen sehr hohen Wert und konkret physikalisch für eine Ablenkungsgeschwindigkeit (bei normaler Außentemperatur) von etwa 5000km/h. Man könnte eine solche Geschwindigkeit sozial übersetzen als das Tempo, in dem nicht eine Minute Zeit zwischen den jeweiligen Tätigkeiten bleibt.
Der Vorteil der hohen Mach-Geschwindigkeit liegt auf der Hand: Man spürt die hinter den Tätigkeiten liegende Leere und Einsamkeit nicht mehr. Allerdings verbrennt bei dieser Geschwindigkeit auch die individuell auszugestaltende Fähigkeit, auf die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu achten. Stattdessen entwickelt man eine extreme Abhängigkeit von seiner Umwelt. Man berauscht sich ja an der eigenen Organisationsfähigkeit, möglichst viele Stationen auf dieser Hochgeschwindigkeitsreise einzubauen. Wenn jedoch eine Station in diesem Kosmos ausfällt, fliegt man ins Nichts – da, wo vorher noch Sinn durch Treffen, Sinn durch Tun war, wartet nun die gähnende Leere des eigenen vernachlässigten Selbst. Es gibt dann auch keine Not-Tätigkeit, die in dieser hohen Mach-Geschwindigkeit ausführbar wäre. Ein Abbremsen kommt nicht in Frage, da die Reise ja gleich auch gleich weiter geht. Die erschreckende Erfahrung des einsetzenden Falls, soweit man im Weltraum überhaupt von Fall sprechen kann, führt dann jedoch nicht zur Verringerung der Mach-Geschwindigkeit, sondern im Gegenteil zu einer weiteren Erhöhung, um solche Momente nie wieder zu erleben. Es werden menschliche Nothalte eingerichtet, es werden Optionen optimiert und parallel potenziert.
In unserer Gesellschaft ist Tun ja auch etwas Wichtiges. Menschen mit hoher Mach-Geschwindigkeit sind angesehen und geschätzt – sie bringen unsere Gesellschaft voran. Nur selten werden sie als Fall für den Psychiater betrachtet – ganz im Gegensatz zu Menschen, die Müßiggang pflegen. Insofern sind die Mach-Menschen eine allumfassende Bereicherung für unsere Gesellschaft: Solange sie funktionieren, leisten sie etwas für unsere Gesellschaft, und für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie nicht mehr funktionieren, stellen sie noch immer eine solide sprudelnde Quelle für Psychologen und Therapeuten aller Art dar.
Berlin ist übrigens das Mekka der Mach-Junkies.
Mai 15, 2010 at 23:14 · Filed under Allgemein
Dies ist ein Eintrag, der aus Wut und Verzweiflung gespeist ist. Ich schreibe die wesentlichen Einflussfaktoren nun immer davor. Das macht die Einträge vielleicht verständlicher.
Es geht in diesem ganzen Scheiß System um nichts weniger als um Leistung! Es ist völlig intransparent, welche Faktoren bei irgendwelchen Auswahlprozessen eine Rolle spielen. Da gibt es dann den Spezi und den Spezi, und vielleicht gefällt dem einen dein Gesicht gerade nicht, weil er einen schlechten Tag hatte, oder der eine mochte dich, weil du das gleiche Hobby hast wie er. Und dann gibt es natürlich noch diejenigen, die einfach drauf losplappern, die sich zu verkaufen wissen, die mit ihrem aufgeplusterten Selbstbewusstsein jede Schallgrenze durchbrechen können. Sie kommen überall hin. Dort werden sie zwar nicht glücklich, weil das auch bloß Schutz ist, aber das macht ja nichts.
Ich hatte lange Zeit nicht daran geglaubt, irgendetwas zu können. Ich war fest davon überzeugt, dass es eh alle anderen besser können. Ich hatte eine innere Mauer des Nicht-Werts aufgebaut. Sie hielt sehr lange stand, auch wenn ich zunehmend von außen anderes zu hören bekam. Das irritierte mich natürlich, weil es mit meinem Selbstbild überhaupt nicht zusammenpasste. Dann passierte etwas Merkwürdiges, ich bekam einen Preis, einen bundesweiten Preis für eine wissenschaftliche Arbeit. Das war absurd. Ich kam damit nicht zurecht. Sollte mein Selbstbild falsch sein? Die Mauer begann erstmalig zu bröckeln. Eingestürzt ist sie nicht. Allerdings führte mich dieses Erlebnis zu der irrigen Annahme, einen wissenschaftlichen Weg einzuschlagen, eine Promotion anzustreben. Ich gab meine bisherige Arbeit auf und begann nach einem Thema zu suchen. Was folgte war und ist ein Ablehnungsreigen. Die Kriterien all der Ablehnungen sind für mich völlig undurchsichtig. Zweimal reichte ich eine erneute Bewerbung ein, weil mir persönlich berechtigte Hoffnungen gemacht worden war. Zweimal bekam ich völlig standardisierte Ablehnungen. Zweimal kam ich zu einem Bewerbungsgespräch, zweimal scheiterte ich an den für mich absurden Fragen aus völlig verschiedenen Richtungen.
Die Mauer steht nun wieder. Allerdings, und das ist erstaunlich, sickerten durch die kurzzeitig entstandenen Löcher doch einige Vorstellungen dessen, was ich kann. Nur merke ich, dass das nirgendwo wirklich gebraucht oder gewollt wird und dass ich das niemandem mehr (besonders auch nach diesen Ablehnungen) glaubhaft vermitteln kann. Ich bewege mich auf ein “Verkanntes Genie-Dasein” zu, vielleicht ist das ja mein letzter Anker. Es soll sich ja gar nicht so schlecht als ein solches leben lassen. Nun muss ich mir nur noch mein eigenes inneres Königreich erschaffen, vielleicht noch eine eigenen Sprache, die kein anderer versteht, und voilà schon habe ich die nächsten drei, vier Jahre innere Ruhe. Vielleicht wird dieser Blog dann auch Verkündungsblatt meiner unglaublichen Weisheit – das war er ja schon eine ganze Zeit lang, so dass ich immer nur noch Kommentare wie “Äh” oder “Häh” bekommen habe. Und irgendwann, nach drei oder vier Jahren (oder vielleicht auch schon jetzt), klopfen der Zynismus oder die Weltverachtung an meine Tür und dann lasse ich sie herein, wie man gute alte Freunde hereinbittet, die man lange nicht gesehen hat. Ja, so wird es sein.
Oder auch nicht. Vielleicht mache ich auch einfach diesen schönen Satz von Neill Young zu meinem Lebensmotto: “Tomorrow see the things that never come today”. Dabei ist Hoffnung doch völlig absurd.
Mai 8, 2010 at 23:54 · Filed under Allgemein
Warum kann die Vergangenheit nicht einfach nur sein, einfach nur feststehen? Warum muss sie sich immer wieder aufschwingen und sich mit vollem Herzen an den Interpretationen der Gegenwart beteiligen?
Sollte letzten Endes der wehleidige Spruch, für den ich “Magnolia” immer gehasst habe, doch stimmen? “We may be through with the past, but the past ain’t through with us.” Wahrscheinlich gilt er zumindest für ältere Menschen, bei denen die vergangene Erlebnisse unbewusst in den Kopf schießen. Vielleicht sind sie aber gerade deshalb der Vergangenheit so ausgeliefert, weil es, allen neurophysiologischen Notwendigkeitspostulaten zum Trotz, keine gelebte und soziale Gegenwart mehr gibt, die ihnen als Ausgleich dienen könnte und anhand derer sie sich bewusster in die Gegenwart hinein projezieren könnten.
Die Vergangenheit dient, solange man lebt, als Konstruktionsmasse des gegenwärtigen Selbst. Sie ist der Weg, der zum jetzigen Standpunkt geführt hat. Aber je nachdem, wie sich im Moment die Wetterlagen ändern, wie sich die Haltepunkte verschieben, wie sich Abgründe oder Felswände auftun, so wandelt sich auch der Blick auf den zurückgelegten Weg. Das einzige, was helfen kann, diese Unstetigkeit der Vergangenheit, diese Abhängigkeit von der Gegenwart zu mildern, sind Brücken des Fatalismus oder der Notwendigkeit. Im ersten Fall sagt man sich “Es war halt so”. Man erschafft damit eine Neutralität der Wahnehmung, man erzwingt eine Nulllinie der eigenen inneren Beteiligung. Im zweiten Fall sagt man sich “Es musste alles so sein”. Alle Stränge der Vergangenheit laufen dann auf das jetzige Selbst hinaus, sie führen zwangsläufig dahin. Eine schöne, saubere Konstruktion, die allerdings alle Unwägbarkeiten, alle Dissonanzen des Weges bewusst ausblendet.
Beide Brücken haben natürlich ihre Berechtigung. Es erscheint ja kaum möglich, die Vergangenheit stetig emotional präsent zu haben – alle innere Aufgewühltheit über vergangene Ereignisse wird sich mit der Zeit legen. Und man wird sich auch den Weg konstruieren, den man beschritten hat, indem man die Erlebnisse zu passenden Stationen des Weges macht. Wenn man sein Leben als Leidensgeschichte oder als Abstieg erzählen will, wird man die dazugehörigen Episoden finden.
Und dennoch, auch wenn ich mir das alles zusammenreimen kann, wenn ich all das weiß, will ich doch, dass meine Vergangenheit kein Spiegel meiner Gegenwart ist. Sie soll einfach feststehen, als sei sie in Stein gemeißelt, einfach stillstehen, so wie eine Gemäldegalerie, durch die ich bei passender Gelegenheit wandeln kann. Stattdessen wandelt meine Vergangenheit durch die Stadt und geht auf Konzerte. Aber das ist noch eine andere Geschichte.
Mai 8, 2010 at 12:02 · Filed under Allgemein
Es ist für mich immer wieder erstaunlich, andere Arten des In-die-Welt-Gestelltseins kennenzulernen. Eine Art fasziniert mich immer wieder: Es ist diese wenig zweiflerische, nur-in-sich-selbst-ruhende Lebensform.
Ein kurzes Beispiel mag das illustrieren: Neulich bei einem Kaffee zu dritt beginnt ein Freund gegen eine Sache zu sticheln, die ich sehr mag. Anfangs wehre ich es noch ab, aber in der gleichbleibenden Intensität zwingt es mich doch dazu, diese absurde und unnötige Stichelei zu thematisieren. Nachdem es danach ruhig am Tisch geworden war, setzt bei mir ein Gedankenstrom ein: War diese Kritik überhaupt berechtigt? Es ist ja bloß eine Sache, die mir etwas bedeutet, die muss ihm ja nichts bedeuten. Liegt der Fehler nicht vielmehr bei mir, da ich ja eigentlich auch drüber stehen könnte? Als dann der stichelnde Freund gegangen war, frage ich den anderen, wie er das wahrgenommen hatte. Es war nicht so sehr der Inhalt seiner Antwort, der mich fasziniert hat, sondern die Selbstverständlichkeit mit der er dies sagte. Es bestand für ihn überhaupt kein Zweifel, dass man für die Dinge, die man mag, nicht ständig aufgezogen werden will. In seiner Stimme lag ein Eins-Sein mit den eigenen Gefühlen, eine absolute Berechtigung zum eigenen Gefühl – egal, was es auch sei.
Diese Absolutheit ist mir fremd. In mir geht bei jedem Streit sofort auch ein Fenster für die Relativität meiner eigenen Position auf. Von dort strömt dann eine Flut an Selbstzweifeln und Beschwichtigungen auf mich ein. Ein vorauseilendes Verstehen des anderen, ohne mich selbst in diesem Moment überhaupt ernsthaft in meinen Gefühlen verstanden zu haben. Deshalb bewundere ich die andere Position, dieses Eins-Sein.
Allerdings habe ich mittlerweile auch erkannt, dass es gerade für solche Menschen, die unzweifelhaft hinter sich stehen, sehr schwer ist, Empathie zu spüren, von der eigenen Position zu abstrahieren. Das ist die Kehrseite dieses In-die-welt-gestellt-Seins. Sie müssten eigentlich lernen, dass es jenseits ihrer Gefühle und von ihrer Position noch andere Menschen gibt. Das fällt ihnen aber zumeist sehr schwer, da diese Form des Solipsismus, dieser Ego-Klarheit, in unserer Gesellschaft auch ein Teil des Sollens-Programms ist. Sich durchsetzen, nicht an der eigenen Position zweifeln, ist erwünscht. Die wenigsten können daher ein Gefühl für die Relativität des eigenen Standpunkts entwickeln.
Da beruhigt es mich manchmal, dass ich mich ja aus der anderen Richtung nähere. Ich muss nicht die enorme Hürde eines aufkeimenden Zweifels am bisherigen absoluten Selbst nehmen, die alle Selbstverständlichkeiten zerstören kann. Ich muss “nur” die Hürde des absoluten Zweifels am Selbst nehmen. Das ist doch mal eine beruhigende Vorstellung!
März 29, 2010 at 14:04 · Filed under Allgemein
Ein Lied des Sängers Bill Callahan widmet sich einem sehr interessanten Phänomen: Den halbwachen Großeinfällen und Grandiositätsfantasien. Er singt:
I fell back asleep some time later on
And I dreamed the perfect song
It held all the answers, like hands laid on
I woke halfway and scribbled it down
And in the morning what I wrote I read
It was hard to read at first but here’s what it said
Und dann kommt es. Eine sehr schöne Auflösung, wie ich finde:
Eid ma clack shaw
Zupoven del ba
Mertepy ven seinur
Cofally ragdah
Eine ähnliche Eingebung hatte ich auch einmal. Ich musste im Halbschlaf laut auflachen, weil ich einen wunderbaren Witz gefunden hatte. Ich stand auf und schrieb ihn mir auf. Am nächsten Tag las ich also:
“Exklusivbericht: Wie Vampire dein Zimmer gestalten würden.”
Da ich zuvor wochenlang darüber gegrübelt hatte, was denn die Zimmereinrichtung über den Menschen aussagt, kann diese Idee zumindest teilweise als Form der mentalen Reinigung verstanden werden. Aber wie Vampire mein Zimmer gestalten würden, kann ich mir jenseits einer vagen Vorstellung von größerer Dunkelheit immer noch nicht vorstellen.
Nachtrag zur Überschrift: Wenn man bei “Halbwaches” das “e” streicht, kommt man zu Halbwachs, Maurice, dem Historiker mit dem sprechenden Namen, der das Kollektive Gedächtnis erfunden hat. Vielleicht befinden sich ja auch Gesellschaften manchmal in einem solchen Halbschlaf und frönen ihren Grandiositätsfantasien. Das könnte zumindest Teile der deutschen Geschichte (weg)erklären.
März 28, 2010 at 23:47 · Filed under Allgemein
Auch auf die Gefahr hin, den vorigen Beitrag zu den rationalen Brücken plötzlich positiv umzudeuten, will ich zwei kleine Beispiele geben.
Oft will ich über die lange gezimmerte rationale Brücke “Nicht alles, was andere tun, ist auf dich bezogen” laufen. Doch immer wieder in der Mitte stürze ich in den reißenden und bereits bekannten emotionalen Strom, der jenseits aller rationalen Erklärungen – “Das ist aus der und der Situation entstanden” oder “Er/Sie hatte ganz andere Hintergründe” – einfach nur eine simple Abwertung heraus filtert. Oder ich laufe über die Brücke “Du hast dich so entschieden, es ging nicht anders” und falle doch immer wieder ins ewig emotionale “Warum?”, der Frage nach der Einsamkeit, oder in den bei mir sehr beliebten Fluss des Gescheitertseins zurück.
März 27, 2010 at 21:56 · Filed under Allgemein
Die meisten Menschen bauen sich rationale Brücken über ihre emotionalen Abgründe.
Anfangs sind es nur unsichere Seile, die voll Verzweiflung und Hast aus den nächstbesten Gedanken geknüpft wurden. Lediglich der Glaube an das rettende Gefühl auf der anderen Seite spannt sie fester und lässt einen über all diese Abgründe wandeln – voller Nebel, voller Schwärze, voller unbegreiflicher Tiefe.
Aber man wird hinabstürzen, man wird fallen. Und dann wird man die Augen schließen und sich mit aller Kraft auf das Seil denken. Und wenn man Pech oder Glück hat, wird es funktionieren. Dann wird das Seil fester geknüpft sein – aus all den augenschließenden, rettenden Gedanken. Man wird seltener fallen, das Seil wird eine Straße, wird immer breiter, vielleicht ein kleines Dorf über dem Abgrund, mit Häusern voller Alltag, voller Erinnerungen. Die Tiefe wird veröden, wird sich langweilen. Ab und zu schnappt sie noch nach einem, aber man schiebt sie mit einem abwesenden Lächeln fort, wie einen bösen Traum nach dem Aufwachen.
März 21, 2010 at 12:13 · Filed under Allgemein
Woran erkennt man, dass eine Frau mehr Interesse hat? Es gibt nur sehr wenige Zeichen, die eine überindividuelle Interpretation erlauben.
Das stärkste Zeichen, das immer wiederkehrt, ist das folgende: Bei einem Treffen sagt sie am Anfang gleich: “Ich habe dich gesehen, aber du hast mich nicht gesehen.” Das kann natürlich auch eine einfache Aussage sein, die so stimmt. Aber meist wird sie mit einem halb vorwurfsvollen Unterton vorgetragen, der sagt: “Ich habe mich eigentlich gefreut dich zu sehen, aber du hast mich gar nicht wahrgenommen.” Im Grunde ist dieser Satz meist auch schon die treffende Beschreibung des gegenseitigen Verhältnisses: Einer will mehr, der andere nicht.
Ein weiteres Zeichen ist die übermäßige Aufmerksamkeit. Es gibt in den meisten größeren Runden ein Level auf dem sich die persönlichen Beziehungen und Gespräche einpendeln. Das ist meist nicht sehr intim. Wenn dann aber intime Fragen in einer großen Runde gestellt werden, ohne Rücksicht auf den wenig intimen Kontext, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass der Eine eigentlich ein tieferes Gespräch wünscht, aber den Anderen immer nur in Gruppen trifft und daher versucht, den Gruppenkontext zu nutzen, um herauszufinden, ob die eigene Neugier eigentlich berechtigt ist und vielleicht sogar Gesprächsstoff für spätere Gespräche zu finden. Zur überhöhten Aufmerksamkeit zählen aber auch Interpretationen und Deutungen des Anderen. So werden zum Beispiel kleine Situationen auf die ganze Person überinterpretiert, zum einen um zu signalisieren “Ich nehme dich wahr” und zum anderen, um den anderen zu locken, mehr von sich preis zu geben, sich mit Intimität zu wehren.
Ein weiteres Zeichen ist die körperliche Nähe. Das ist aber mit Vorsicht zu genießen, da es auf die Körperlichkeit des gegenüber ankommt und es eine enorme Bandbreite gibt: Von soziophober Berührungsvermeidung bis zu hippiesker Taktophilie. Dennoch kann man grundsätzlich festhalten: Man fasst niemanden an, den man nicht wenigstens ein bisschen mag. Soweit geht selbst das Hippiedasein doch nicht. Die Begrüßung und der Abschied sind natürlich als Situationen eigentlich sehr gut geeignet, das Verhältnis zu beschreiben (siehe hier). Allerdings sind sie auch immer sehr aufgeladen, wenn nicht gar überladen mit Bedeutung. Deutlicher wird das Interesse eher in einer leichten fast wegdrückenden Berührung am Arm, die bedeutet: “Das kannst du doch so nicht sagen!”, oder wenn allgemein Nähe gesucht wird und Situationen geschaffen werden, in denen man sich nahe ist.
Es gibt aber auch Menschen, bei denen Interesse das genaue Gegenteil bedeutet: Sie können den anderen gar nicht berühren, sie meiden den Körperkontakt geradezu. Das ist ein Schutzmechanismus. Er kann allerdings leicht missverstanden werden, wenn der andere gerade Nähe als Zeichen kennengelernt hat und sich dementsprechend weggestoßen fühlt durch das nähemeidende Verhalten des anderen. Dann kommt es auf Menschenkenntnis an, um die in diesem Fall eher ambivalenten Zeichen doch als Zuneigung zu deuten.
Bei der Frage, was der andere will, spielt zum einen Menschenkenntnis eine wesentliche Rolle, also dass man bereits verschiedene Persönlichkeitstypen und ihr Verhältnis zur Welt und anderen Menschen kennengelernt hat. Zum anderen ist aber auch die eigene Fähigkeit von Bedeutung, das Gegenüber nicht nur als Spiegel des eigenen Selbsts wahrzunehmen, sondern als eigenständige Personlichkeit mit eigenen Verhaltensweisen, die nur bedingt eine Wertung des eigenen Verhaltens oder der eigenen Person darstellen. Letzteres ist natürlich beim Kennenlernen die allerschwerste Aufgabe, weil man bei Interesse dazu neigt, jede Handlung auf sich zu beziehen.
März 21, 2010 at 10:15 · Filed under Allgemein
Eine kleine illustrierende Anekdote noch zu dem oben stehenden Eintrag. Neulich war ich mit Kollegen beim Mittagessen. Es war auch eine Kollegin dabei, mit der ich bisher kaum Kontakt hatte. Sie wirkt sehr akkurat, sehr rational und damit auch sehr pragmatisch. Eine selbstbestimmte, klar fokussierte und anpackende Frau in meinem Alter. Wir saßen in größerer Runde und unterhielten uns. Mein Blick schweift, wenn es ein wenig wuselig ringsum ist, eigentlich immer ab. So auch diesmal. Ich suche, das muss ich zugeben, auch immer noch nach schönen Frauen in dieser Mensa. Es gibt dort so wenige. Es stand also plötzlich eine Frau hinter der Kollegin, die ich nicht auf Anhieb einschätzen konnte. Sie strahlte irgendetwas aus, ich wusste nur nicht was, sie erinnerte mich an jemanden. Plötzlich stellt die Kollegin schnippisch fest: “Du suchst wohl eine attraktivere Gesprächspartnerin?”
Das war wirklich übel. Ich sagte, ohne lügen zu müssen: “Nein!” Allerdings war mir das extrem peinlich. Es war nicht, dass ich mich ertappt fühlte, das stimmte für den Moment auch nicht, sondern die Art und Weise der Thematisierung: Wie kann sie sich denn so offenbaren? Am Mittagstisch? Was laufen denn da für Vorstellungen von ihr selbst oder von mir ab? Die Aussage war: “Wir sind dir wohl nicht gut genug?” oder auch: “Du bist doch einer, der immer nach anderen Frauen Ausschau hält.” Da war soviel eigene Enttäuschung und Selbstabwertung dabei, dass ich erschrocken war. Aber sie selbst schien das nicht mitbekommen zu haben oder gut verstecken zu können. Sie fragte mich im Anschluss daran, ebenfalls vor allen anderen: “Wie geht es denn deiner Tochter und deiner Frau?” Ich war völlig baff. Ich hatte nie etwas von einer Tochter oder einer Frau erzählt. Das war mir peinlich. Besonders wieder ihr fehlplatziertes, zu großes persönliches Interesse, das mich automatisch in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellte. Ich begebe mich gerne mit kleinen Witzen oder Geschichten kurzzeitig in den Mittelpunkt einer Runde, werde aber ungerne mit intimen Fragen dorthin gezogen.
Ich deutete dieses merkwürdig unpassende Verhalten als krude versteckte Form des gesteigerten Interesses und ließ mich dadurch, getreu dem Motto “Was peinlich war, muss Text werden”, zu dem oben stehenden Flirtkurs-Beitrag inspirieren.
März 13, 2010 at 13:15 · Filed under Allgemein
Neulich waren alle meine Freunde im Urlaub. Nur ich musste hier bleiben. Das war traurig.
Immerhin fand ich so den Titel, den mein erstes Männerbuch tragen wird: “Ich brauche keinen Urlaub. Ich funktioniere auch so!”
März 12, 2010 at 21:23 · Filed under Allgemein
Neulich habe ich zufällig den Viel-Oscargewinner “The Hurt Locker” gesehen. Er bekam unter anderem den Oscar als bester Film, für die beste Regie und das beste Drehbuch. Er wurde auch von den meisten Kritikern hierzulande als bester Film des Jahres gefeiert, ja gar als “Konsensfilm” bezeichnet. Ich habe allerdings wieder einmal ein Sondervotum zu bieten.
Es geht diesmal weniger um eine Stilkritik, als um eine inhaltliche Kritik. Wer den Film noch sehen möchte, sollte an dieser Stelle zu lesen aufhören.
Ich fand den Film spannend, weil er eine Realität zeigen will, die ich so aus den Medien noch nicht kannte (die allerdings stark an die Optik vieler Videospiele erinnert hat). Nämlich die der Amerikaner im Irak. Klar strukturierte Story: Der Chef einer Bombenentschärfertruppe wird am Anfang bei einem Einsatz getötet. Er war ordentlich, hat auf Regeln und Sicherheit geachtet. Im Gegensatz dazu ist der neue Chef ein unkonventioneller cowboy-mäßiger Draufgänger. Das führt verständlicherweise zu Problemen. Aber es ist auch ein Lehrstück für den Cowboy. Er beginnt zu spüren, dass das ganze kein Spiel ist. Denkt man. Doch dann kommt das Ende. Es hat aus meiner Sicht den ganzen Film auf den Kopf gestellt, alles vorherige der Absurdität preisgegeben. Es geht so: Nachdem der Einsatz vorbei ist, kommt der Cowboy wieder nach Hause zu seiner Familie. Aber er kann sich dort nicht einfinden. Sehr schön symbolisiert in einer Szene, in der er vor einem riesigen Regal mit Cornflakes steht und eine Packung aussuchen soll. Dann eine Szene mit seinem etwa einjährigen Kind. Er sagt sinngemäß:”Du liebst noch soviel. Aber je älter du wirst, desto weniger wirst du lieben. Ich habe nur noch eine Sache, die ich liebe.” Schnitt. Man sieht ihn mit einem Flugzeug im Irak ankommen. Schnitt. Er läuft im Bombenentschärfer-Anzug die Straße hinab in den Sonnenuntergang. Ende.
Das ist das Ende! Was ist das für ein glorifizierender, den ganzen Film verleugnender Abgang? Hätte der Film sich nicht ein echtes Ende leisten können: Tod bei einer Explosion? Stattdessen darf der Held in den Sonnenuntergang marschieren. Also: Ja, es gibt sie noch, die amerikanischen Helden, die einfach ihren Dienst tun. Krieg ist nur ein Spiel, bei dem man sich selbst etwas beweisen kann, was man früher vielleicht im Wilden Westen getan hätte. In der wohl emotionalsten Szene des (Männer-)Films fragt sein Kollege den Cowboy, nachdem einem Anderen gerade aufgrund einer überstürzten Macher-Aktion des Cowboys das Knie zertrümmert wurde, wie er das alles aushalten könne mit der ständigen Gefahr beim Bombenentschärfen. Er antwortet in bester Cowboy-Manier: Ich denke nicht drüber nach.
Was kann es bedeuten, wenn ein Film eine solche Gestalt als Helden feiert? Einen Helden, der nichts mehr anderes hat und nichts mehr anderes machen kann? Ist es vielleicht ein nihilistischer Film, der zeigen will: So werden Menschen durch Krieg, das sind die Helden, die wir im Irak erzeugen. Gedankenlose Draufgänger-Typen, die den Kontakt zu ihrer Heimat (und zu sich selbst) verloren haben – die modernen Söldner. Das wäre möglich gewesen, aber der Film schafft keine Distanz zu seinem Helden, sondern nur pure Identifikation. Der Film ist nicht ironisch gemeint. Es ist der Regisseurin ernst mit dem Cowboy-Ende, das merkt man auch an der terminatorähnlichen Musik.
Schwierig ist auch das Verhältnis des Films zum Irak. Es ist natürlich ein amerikanischer Film. Dementsprechend werden die Amerikaner hier als angefeindete und ständig bedrohte Opfer dargestellt. Sie müssen in einer feindlichen Umgebung überleben, jeder könnte sie umbringen, überall lauert Gefahr. Man könnte fast Mitleid haben. Dass man sich selbst in diesen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gestürzt hat und dem irakischen Volk statt der vielgepriesenen Demokratie viel Leid und die innere Zerrissenheit eines Vielvölkerstaats gebracht hat, wird nicht thematisiert. Iraker sind nur Statisten oder bösartige Bombenleger. Der Film schert sich nicht um die irakische Wirklichkeit. Er ist nur eine Selbstbeweihräucherung des amerikanischen Soldatenelends im Irak. Er ist eine Aussage im inneramerikanischen Kampf um die Deutungshoheit über den Krieg. Er sagt, zumindest bis kurz vor Ende: Es geht unseren Jungs nicht gut dort. Sie erleben Dinge, die sie gar nicht verkraften können. Dann kommt das Ende und das sagt: So wie Cowboys und echte Männer stehen wir das durch. Es macht uns doch Spaß und wir haben keinen anderen Lebensinhalt mehr.
Eigentlich sehr bezeichnend, dass dieser Film so viele Oscars gewonnen hat.
März 6, 2010 at 17:58 · Filed under Allgemein
In letzter Zeit führe ich im Rahmen einer Studie Interviews mit älteren Menschen durch. Da die Interviews in den meisten Fällen auch bei den Interviewten zu Hause stattfinden, könnte ich einiges über die Lebenswirklichkeit alter Menschen erzählen. Was mich bisher am meisten erstaunt hat, ist ihr Umgang mit der Langeweile.
Ich bin also in einem Dorf irgendwo hinter Gotha, sitze in einem größeren hellen Raum, in dem nichts weiter steht als eine graue Couchgarnitur und eine Schrankwand mit Fernseher drauf, die Tapete hat ein Blümchenmuster. Es ist wohl das Wohnzimmer. Jedes einzelne Detail dieser wunderbaren Installation strahlt nur eines aus: Langeweile. Es ist ein Gesamtkunstwerk der Tristesse und der Einsamkeit. Ein Manifest, das das Verlorensein des Menschen zeigt – im Angesicht der ihm vom Leben zur Erfüllung gegebenen Zeit. Ich habe Angst vor dem Alltag dieser Menschen, habe Angst davor, hier bleiben zu müssen, auch davor, irgendwann so zu werden. Und dann passiert es: Beide Ehepartner antworten mir unabhängig voneinander, dass ihnen nicht langweilig sei und sie ein ausgefülltes Leben hätten. Es sind leider keine qualitativen Interviews, so dass ich hätte nachfragen können, und auch ein lautes “Was?!” schien mir unangemessen und unprofessionell. Außerdem wusste ich das auch schon aus anderen Interviews: Alten Menschen ist nicht langweilig. Es könnte natürlich sein, dass sie es aufgrund von sozialer Erwünschtheit vor mir nicht zugeben wollen. Bei den meisten aber spüre ich da eine gewisse Stimmigkeit und Selbstverständlichkeit der Antwort. Also wie ist das zu erklären?
Nach diesem Interview ist mir klargeworden, dass das Erkennen von Langeweile Intelligenz und ein Bewusstsein für das eigene Selbst voraussetzt. Um Langeweile zu empfinden, darf man nicht eins mit seinen Tätigkeiten sein, man braucht eine gewisse Distanz zu ihnen. Kurzum man braucht einen Möglichkeitssinn, der einem andeutet, was alles mit der Zeit getan werden könnte. Das ist eigentlich paradox, weil genau dieser bereits den Ausweg aus der Langeweile aufzeigt. Allerdings kann dieser Weg in dem Moment – aus welchen Gründen auch immer – nicht beschritten werden. Häufig ist es auch so, dass dieses Es-könnte-auch-anders-Sein gar nicht konkret wird, sondern dass es nur die aktuelle Situation als langweilig abstempelt. Langeweile deutet auf eine Unzufriedenheit mit dem aktuellen Zustand hin, sie schafft Problembewusstsein und damit letzten Endes auch den Raum für Veränderung. Doch die meisten Menschen fürchten sich davor und wollen sie um jeden Preis vermeiden. Sie schaufeln sich ihre Tage mit Aufgaben zu, als gelte es Momente der Ruhe, des Besinnens unwiderruflich zu begraben. Sie türmen ihr tägliches Tun, als könnten sie nur von der Turmspitze aus ihre eigentlichen Ziele erkennen. Dabei kann gerade Langeweile – im besten Fall – ein klareres Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse schaffen, weil sie eine kleine Pause im Wollensmarathon schafft, weil sie ein schwarzes Loch im Lustbefriedigungskosmos darstellt.
Zudem ist Langeweile eigentlich ein Luxusproblem. Wer beispielsweise Kinder oder Arbeit hat, wird sich über jede freie Minute freuen, die ihm bleibt und diese zu nutzen wissen, sei es auch nur durch Vorsichhinstarren. Im Gegensatz dazu haben Rentner natürlich extrem viel Zeit – auch für Langeweile. Aber nach einem wesentlich durch die Erwerbsarbeit strukturierten Leben können sie sich frei von dieser Vorstrukturierung doch nur einen ähnlich geregelten Tagesablauf schaffen. Und das schützt sie vor Langeweile. Möglicherweise gab es auch Phasen, in denen all die Routinen in Frage standen und die zeitlichen Regeln des Tages noch ausgehandelt wurden. Aber das ist bei den meisten sehr lange her und das kann man auch nicht mehr abfragen. So hat sich eine in den eigenen Augen nicht langweilige Tagesstruktur eingepegelt. Eine wesentliche Rolle spielt dabei übrigens meist der effektivste aller Langeweile-Verhinderer des modernen Lebens: Der Fernseher.
Offen ist nun nur noch, ob diese Variante des Zeitvertreibs, also das Delegieren der eigenen Kreativität an ein (teilweise) kreatives Äußeres, als Inbegriff von Langeweile verstanden werden sollte oder ob diese Interpretation nur ein verquerer, von außen herangetragener Maßstab ist, mit dem man ebenso das Lesen eines Buches oder das Spielen von Gesellschaftsspielen verteufeln könnte. Ich werde mich, statt dieser Frage nachzugehen, nun gepflegt langweilen. Zumindest bis ich etwas Anderes tue.
Januar 20, 2010 at 00:17 · Filed under Allgemein
Nachdem ich hier ständig Filme verrreiße, will ich auch mal ein Gegenbeispiel geben. Es ist der dritte Teil der Apu-Trilogie von Satyajit Ray: Apus Welt. Ein Meisterwerk aus meiner Sicht. Die ersten beiden Teile der Trilogie waren bereits durch eine starke Bildsprache und eine nachfühlbare Handlung gekennzeichnet. Der dritte Teil geht aber weit über die ersten beiden Teile hinaus. Jeder Schnitt, jede Einstellung sitzt und besitzt eine eigene Ästhetik. Die Erzählung wird klar strukturiert weitergeführt, aber es wird auch Raum neben der Erzählung gelassen. Es muss nicht alles auserzählt werden. Es gibt Situationen, die wunderbar symbolisch verdichtet sind. Ich habe wirklich selten eine so großartige Darstellung einer Liebe gesehen (die Kutschenszene!) – und dabei sind das vielleicht nur 10 Minuten des Films. Der Darsteller des Apu ist einfach unglaublich. Es ist weder eine kulturelle Differenz (Indien) noch eine zeitliche Differenz (der Film ist 50 Jahre alt) zu spüren. Der Film vereint auf wunderbare Weise drehbuchschreiberische Finesse und dialogische Verdichtung mit dazu passenden ästhetischen Bildeinstellungen. Auch wenn er unglaublich symbolisch und fast auserlesen in seinen Bildern ist, ist er dennoch sehr lebensnah. Charaktere werden anhand von drei Sätzen quasi nebenbei beschrieben - und das ist das wesentliche: man erkennt und versteht sie.
Ich war selten so berührt von einem Film.
Januar 7, 2010 at 01:54 · Filed under Allgemein
Ich bin in letzter Zeit immer wieder überrascht, aus wievielen Menschen plötzlich erzliberales und sozialstaatsfeindliches Gedankengut heraustritt. Heute konnte ich erst wieder ein solches Gespräch belauschen. Es enthielt die üblichen Floskeln über den Sozialstaat: Er böte eine soziale Hängematte für Arbeitslose und motiviere sie nicht zur Arbeit, da sie genausoviel für Nichtstun wie für eine geregelte Arbeit bekommen. Außerdem könne man denen zwar Geld geben, müsse aber auch eine Gegenleistung dafür einfordern können.
Es ist wirklich erstaunlich, wie stark die Leistungslogik unsere Gesellschaft prägt. Ich vermute in zehn Jahren kann man den Wohlfahrtsstaat der siebziger Jahre, also den fürsorgenden und nicht den leistungsfordernden Staat gar nicht mehr dagegen verteidigen. Die Logik, dass man nur dann etwas gibt, wenn man etwas angemessenes dafür erhält, wird immer tiefer verankert.
Darum soll es hier aber nicht gehen. Interessant finde ich vielmehr die Menschen, die heute sowas vertreten. Es ist eine strikte Leistungslogik, die von anderen genau die gleichen Opfer verlangt, die man selbst erbracht hat. Es steht bei diesen Menschen wohl eine enorme Leidenserfahrung im Hintergrund – sie haben eine große Leere und Einsamkeit in ihrer Kindheit gespürt. Ihr Weg damit umzugehen war wohl der des Machens, des Leistens. So werden die anderen auf mich aufmerksam, ich habe Bewunderer, die meine Energie und Tatkraft bestaunen. Ich definiere mich als Gewinner, als Aufsteiger. Wenn ich selbst etwas anpacke, klappt das, dann kann ich meine Situation auch verändern. Das Bild des Machers überbrückt die vielen seelischen Verletzungen. Der ursprüngliche Mangel wird durch ein überbordendes Selbstvertrauen aufgefangen. Das erkennt man bei den späteren Machern kaum noch, weil ihnen ihre Rolle, ihr Selbstverständnis ins Blut übergegangen ist.
Das ist glaube ich ein häufig beschrittener Weg. Er kann allerdings noch gesteigert werden, indem die eigene Entbehrungs- und Kampfgeschichte auf andere ausgeweitet wird. Die Aussage lautet dann: “Ich habe mich hochgekämpft, warum sollten andere das nicht auch tun?” Es entsteht eine Abscheu, ein Haß auf Nicht-Macher – auf alles, was die eigene (Leidens-)Geschichte eigentlich in Frage stellen könnte. Das sind dann Faulpelze, Schmarotzer, die den wahren Leistungsschaffenden, also uns, auf der Tasche liegen. Wenn man das denkt, dann beginnt man FDP zu wählen.
Das Traurige daran ist, dass es keinen Ausweg aus dieser Logik gibt: Jede Verdeutlichung, dass nicht jeder sich hochkämpfen muss, dass auch nicht jeder das gleiche leisten kann, würde am grundlegenden Selbstbild kratzen und muss damit strikt abgelehnt werden.
Es könnte auch sein, dass man in einem Milieu sozialisiert wird, in dem die Logik des Leistens selbstverständlich ist und das Schimpfen auf die Schmarotzer Usus ist. Das ist vielleicht in gutbürgerlichen Kreisen mittlerweile üblich. Tendenziell ist das Durchbeißen und Leistungszeigen aber eine Aufsteigermentalität. (In einem symbolischen Sinn ist das oben beschriebene Selbstbild auch das eines Aufsteigers – ein Aufsteiger aus dem Leiden und dem Nicht-Sein.) Aufsteiger haben Angst, ihre neu errungene Position wieder zu verlieren oder in ihrem neuen Milieu nicht anerkannt zu werden oder gar als das geoutet zu werden zu werden, was sie sind: Emporkömmlinge aus einer niederen Schicht. Deshalb pochen sie dann auf ihre Leistung und verurteilen alle, die ihnen nicht folgen konnten. Sie müssen eine möglichst große Distanz zwischen sich und die Nicht-Leister, also das asoziale Pack, bringen. Nur dann können sie sicher in ihrer neuen Situation sein.
Ich kann mit diesen Menschen nicht viel anfangen. Außer, dass sie mich regelmäßig auf die Palme bringen. Ich hoffe dann immer, sie mit kokosnussigen Argumenten an der richtigen Stelle am Kopf zu treffen. Vielleicht ist das ja doch nur ein Hirndefekt.
Vielleicht ist es aber ein emotionales Mangelsyndrom und man muss sie einfach nur mal umarmen und knuddeln. Daher an dieser Stelle der Aufruf: “Umarmt die Liberalen, wo ihr sie trefft.”
Januar 4, 2010 at 22:18 · Filed under Allgemein
Am Anfang des Jahres gerate ich immer in arge Bedrängnis. Es ist eine Zeit, in der einem ungefragt etliche Menschen, die man meist nur von Ferne kennt, “Gesundes neues Jahr!” wünschen. Vermutlich bin ich schlecht floskel-sozialisiert, ich kann zumindest mit dieser abgenutzten und unpersönlichen Form der Wertschätzung nicht umgehen.
Früher hatte ich immer Probleme, wenn mich Menschen fragten “Wie geht’s?” Das hat mich aus meiner Umwelt rausgerissen und in einen Modus des Selbstbefragens gestürzt, weil mir mein momentaner Zustand nicht immer sofort bewusst war. Irgendwann erkannte ich dann, dass die meisten Menschen auf diese Frage gar keine ehrliche Antwort wollen, sondern sie nur als höflichen Einstieg in ein Gespräch betrachten. Ein Freund von mir fragte das sogar zweimal, zum Anfang einmal floskelhaft und später noch einmal, nachdem wir uns schon eine Weile unterhalten hatten, dann aber mit so einem bedeutungsschwangeren Unterton, der versuchte dieser abgenutzten Frage eine gewisse Ehrlichkeit abzutrotzen.
Ich vermute, dass das Gesundejahrsgewünsche ähnlich funktioniert. Da aber Ehrlichkeit und Stimmigkeit für mich sehr wichtige Eigenschaften sind, kann ich ein echtes Gefühl, einen ehrlichen Wunsch nicht aus dem Stegreif aus mir herauszaubern. Leider trifft man Neujahrsgrüßer zumeist sehr überraschend ( – es wäre wohl aber auch komisch, wenn ich mich auf ein absehbares Treffen innerlich schon Stunden im Voraus vorbereiten würde). Ich würde immer erst am Ende eines Gespräches etwas wünschen, weil man sich dann auf die Person eingestellt hat, weil man dann vielleicht sogar personalisierte Wünsche formulieren kann. Ich glaube ein ehrlicher Wunsch aus dem Inneren ist sehr selten, weil er wie ein gutes Geschenk ist und damit eine gewisse Kenntnis der Vorlieben der Person und eine Abstraktion von sich selbst voraussetzt.
Da ich das floskelhafte Wünschen noch immer nicht kann, rufe ich dann in meiner Verzweiflung immer mit einer Stimme, die beiläufig und damit ehrlich klingen soll, “Dir auch!” Ich hoffe immer, dass niemand entdeckt, dass das ja gar nicht aus mir kommt, sondern nur eine Form der Floskel-Selbstverteidigung darstellt. Manchmal schleudere ich auch schon aus purer Verzweiflung meinem Gegenüber ein “Gesundes neues Jahr!” entgegen, nur um in die Offensive zu gelangen und nicht sofort in die Ecke gedrängt zu werden. Das ist dann fast wie bei einem Showdown im Western.
Dabei hätte ich auch so schöne personalisierte und abstruse Wünsche zu geben.
“Ich wünsche dir eine mediterranen Platte, die dir deine Freundin beim Italiener spendiert.”
“Ich wünsche dir Erdnussflips ohne Geschmacksverstärker!”
Oder vielleicht mehr auf der Gesundheitsschiene:
“Mögen deine Husten nur drei Tage lang dauern.”
“Ich wünsche dir ein schweinegrippefreies Jahr!”
Mein Lieblingswunsch:
“Ich wünsche dir ein tripperfreies Jahr!”
Dann brauche ich nur noch jemanden, der darauf passenderweise antwortet: “Puuh, ja das kann ich gebrauchen.”
Dezember 30, 2009 at 02:00 · Filed under Allgemein
Bei den meisten Filmen entscheidet sich bereits in den ersten zwei Szenen, ob man sich in ihren Bann ziehen lassen wird. Wenn man dann außen vorbleibt, weil man beispielsweise die Hauptfigur unsympathsich oder unglaubwürdig findet, kann der Film einen nur noch durch ganz starke spätere Szenen in Bann ziehen. Ansonsten sieht man den Film nur noch in seinen Bauplänen, in dem, was er konstruieren möchte: Man steht also nicht leibhaftig in dem gefilmten Haus, lebt in den Akteuren auf, sondern schaut an einem unbequemen Schreibtisch sitzend auf die theoretischen Baupläne für das Haus und auf das ganze Möchtegern-Leben, was nach dem Willen des Regisseurs dort stattfinden soll.
So erging es mir nun bei einem weiteren Film (nach Once, der Pianist, Indiana Jones): Soul Kitchen von Fatih Akin. Wenn ich den Film in einem Wort zusammenfassen sollte, wäre es “überflüssig”. Was für mich den Unterschied zu einem “unterhaltsamen” Film, der ja auch in einem gewissen Sinne überflüssig sein kann, ausmacht, ist die Künstlichkeit. Auf mich wirkte das alles so gewollt und überdreht. Es war zu viel. Der Film will gefallen, der Film will übertreiben und das merkt man zu seinem Nachteil zu deutlich. Das wollen wahrscheinlich viele Filme, aber da ich außen vor war, spürte ich das hier umso stärker. Außerdem ist der Film mit brutaler Offenheit auf Slapstick angelegt, leider auf ganz schlechten. Es war mir fast schon peinlich, dass der Film die Rückenschmerzen des Hauptakteurs als wesentlichen Running Gag zelebrierte.
Aber scheinbar trifft er den Humor einiger Leute. Im Kino haben viele gelacht. Ich würde sagen der Film ist für Mittdreißiger bis Mittvierziger, tendenziell Westdeutsche ausgelegt. Kurzum: Der perfekte Kinokritiker-Film. Auch wenn ihm dieses Milieu, was dort dargestellt werden soll, fremd ist, wird er sich irgendwie angesprochen fühlen und aus dem Film das enorm kritische Potential herausarbeiten: Hier heißt es Verlust der Eigenart, Beschwörung des Magischen sowie der herzlose Umbau unserer Städte. Das ist natürlich eigentlich gar nicht drin – in irgendeiner Zeit muss der Film ja spielen und eine gewisse Geschichte muss neben all den schwachen Pointen ja auch haben. Das Problem des Films ist, dass er versucht ein Milieu wiederzugeben, aber das zugleich mit so überzeichneten Charakteren versucht, dass von dem Realen nichts mehr übrigbleibt. Alle Charaktere waren in meinen Augen nur Karikaturen und nicht wie es der Film wohl gerne hätte: Liebenswürdige Freaks, die in ihrer eigenen Welt leben. Wahrscheinlich war es aber im Wesentlichen der Hauptdarsteller, der seine Rolle für mich nicht rübergebracht hat. Er wurde aber als Person auch nicht wirklich vorgestellt, in all seinen Schrullen, in all seinen Macken. Er stolpert nur von einer (gewollt) absurden Szene zur nächsten. Man spürt oft, wie ihm das Drehbuch im Nacken sitzt, auf dass er ja nicht schauspielern kann, sondern nur den tollen Einfällen des Autors nachlaufen muss und in einer elendigen Passivität zuschauen kann, wie sein Leben von diesem (bewusst) zerstört wird. Eigentlich finde ich es ja sogar schade, dass er durch den ganzen Film gehetzt wird, ohne dass ich ihn vorher als Person kennenlernen durfte.
Wahrscheinlich sind meine Ansprüche an einen deutschen Film, der eine Komödie sein will, auch zu hoch. Aber da der Film mich überhaupt nicht in seinen Bann gezogen hat, lautet mein abschließendes Fazit: Arg bemüht bis überflüssig.
Ich habe nun auch endlich eine Kritik gefunden, die den Film so zerreißt, wie ich es angemessen finde: Beim Perlentaucher. Hier nur das Finale des Verisses:
Der Leitsatz der “Soul Kitchen”-Dramaturgie lautet offenkundig: “Wann immer die Geschichte ins Stocken gerät, werfe ich eben alles wieder über den Haufen.” Nichts folgt aus etwas, alles, die Schauplätze, die Stereotypen und was sie tun: reine Willkür. Was in Komödien ja ein Ding der Möglichkeit ist, wenn sie diese Willkür zugleich reflektieren beziehungsweise um die Künstlichkeit ihres Erzählens sichtlich wissen. Bei Akin aber wird nie und nimmer etwas reflektiert und/oder sichtlich gewusst. [...] So schubst er und schiebt er seine Figuren ohne Hintersinn, ohne doppelten Boden, ohne eine Spur von Finesse über den kaum bespielbaren Acker, den dieses Drehbuch darstellt. [...] Der Zwischenton ist Fatih Akins Sache nicht. Was nicht so schlimm wäre, träfe er überhaupt je einen Ton. Er spielt seine Geschichte aber wie ein Tauber auf total verstimmtem Klavier, wenn auch, was es nicht besser macht, mit viel Enthusiasmus, heftig und laut. Er hat sichtlich großen Spaß dabei, was nichts daran ändert, dass man es als Zuschauer schnell nur noch schwer erträgt. [....] In “Soul Kitchen” jedoch marodiert er mit dem Feingefühl eines Nilpferds durch eine Geschichte, deren behauptete Bauchgefühle reine Kopfgeburt bleiben.
Ach schön! So ein ordentlicher Verriss eines beschissenen Films.
Dezember 10, 2009 at 22:34 · Filed under Allgemein
Ach, der Möglichkeitssinn! Robert Musil beschreibt ihn in einem Teil seines “Mannes ohne Eigenschaften”. Für ihn ist dieser Sinn im Gegensatz zum Realitätssinn (der Menschen hilft, sich in ihrer Wirklichkeit zurechtzufinden) ein Sinn, der Menschen befähigt, sich zu fragen, ob es nicht auch anders sein könnte, ob das gegebene alles so sein muss. Er bezeichnet Menschen, die mit diesem zusätzlichen Sinn ausgestattet sind als Träumer und Kreative. Ich habe mich oft gefragt, wieso er diesen Sinn so verherrlicht und all das Negtive ausspart:
Ist der Möglichkeitssinn nicht genau der Sinn, der das Paradies schafft, das immer nur nebenan sein kann? Ist er nicht das Einfallstor für einen heillosen Perfektionismus. Was anderes kann Möglichkeitssinn in unserer heutigen übermedialisierten Welt sein als Anleitung zum Zwang und zur Angst. Ich weiß nicht, ob er es damals auch war, ob er nicht bereits damals die Kreativen in Massen in die Knie gezwungen hat, sie gezwungen hat, an ihren Vorstellungen, an ihren Erwartungen zu leiden und zu Grunde zu gehen. Vielleicht hat der Möglichkeitssinn sie erst in die Kunst getrieben, nicht, weil sie nur dort ihrer überbordenden Fantasie freien Lauf lassen können, sondern, weil sie einen Kanal brauchen, um mit all diesen Möglichkeitsanrufungen umzugehen, um die Vorstellungen in einem anderen Medium als ihnen selbst zu fokussieren und zu ver”wirklich”en. Die Möglichkeitvorstellung an sich enthebt einen in einer konkreten Situation immer doch nur der Wirklichkeit, man stellt sich über sie und belächelt sie. Sie ist Schutz und Flucht, aber nicht nur. Sie ist auch voller Schönheit – eine heimliche Liebeserklärung an die Vielfalt der Welt. Das Schreckliche an diesen Vorstellungen ist nur, dass diese “Es könnte auch anders sein”-Idee auch nicht vor schönen, freien Momenten halt macht. In negativen Alltagsmomenten spiegelt sie all das, was schöner und besser sein könnte, sie hilft einem. In erhabenen, positiven Momenten zeigt sie einem all das, was man in diesem Moment ausblenden möchte, all das Schlechte und Negative. Das ewige Denken der anderen Möglichkeit macht Menschen kaputt, es zerpflückt die Wirklichkeit in Konjunktive. Kurzum: Es verhindert das Jetzt-Sein.
Wieso nur stellt Musil das als so positiv dar? Vielleicht war die Zeit damals so wissenschaftsversessen, so wirklichkeitsgläubig, dass er einen Kontrapunkt setzen wollte. Vielleicht ist in unserer Zeit aber auch nur die Gegenvorstellung eines esoterisch aufgeladenen Jetzt-Seins hinzugekommen, das ein ewiges Anderssein des Jetzt verhindern und die moderne Erkenntnis der Konstruiertheit des Selbst überwinden will. Eine Gegenbewegung die nur noch auf die Gegenwartssinne fokussiert ist und damit den Gegensatz von Möglichkeit und Wirklichkeit aufhebt.
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