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Klingsors Letzter

Die Entstehung des Geschmacks – Jetzt vollständig erklärt!

Eigentlich hätte ich mir den ganzen vorigen Eintrag sparen können, da ich jetzt eine bessere Erklärung für das Phänomen „Geschmack“ gefunden habe: Geschmack ist eine verallgemeinerte Erfahrung. Man erlebt etwas, verarbeitet und speichert es dann als „Erfahrung“. Je tiefer das Erlebnis und die daraus resultierende Erfahrung, desto eher wird es „Geschmack“ werden.

Ein banales Beispiel ist wohl der Geschmack beim Essen: Wenn man als Kind immer gezwungen wurde, etwas zu essen, wird man es später gar nicht mehr „schmecken“ können. Auch die Vorliebe vieler Menschen für Sonnenuntergänge kann so erklärt werden: Jeder macht seine individuelle Erfahrung damit, sei es ein romantisches Abendessen zu zweit oder ein trauriger Liebesfilm – diese Erfahrung prägt die weitere ästhetische Naturwahrnehmung.

Auch die Rolle der Anderen kann in diesem Prozess erklärt werden. Es kann ja gerade ein Erlebnis sein, mit einem neuen Kleidungsstück durch die Straßen zu gehen und die erwünschte positive Rückmeldung („Das sieht aber schick aus!“) oder negative Rückmeldung (der wohlsituierte Bürger zum Punk: „Oh mein Gott, wie sieht der denn aus?“) zu bekommen. Dadurch festigt sich der eigene Geschmack.

Wenn man auf einem Gebiet noch keine Erfahrungen gemacht hat, kann man sich erstmal nur an den Mainstream halten – der sich in den Angeboten der Unternehmen spiegelt. Und entweder man erlebt etwas, das einen hinaus katapultiert, oder man bleibt im Mainstream und weiß gar nicht, dass es etwas jenseits davon gibt.

Mein Weg zur Erleuchtung. Über die Entwicklung eines eigenen Geschmacks

„Was ist denn eigentlich das Problem mit den Lampen?“, fragte mich ein Freund beim Mittag. „Man kauft einfach die, die einem gefällt.“ So einfach ist das also! Seit einigen Wochen richte ich meine neue Wohnung ein und quäle mich mit absurden Spezial-Entscheidungen, vor denen ich nie stehen wollte: Industrielampen, Bauhauslampen, Kronleuchter oder doch einfache Ikeapapierlampen?

Filme, Musik, Essen – dort habe ich über Jahre hinweg einen (halbwegs eigenen) Geschmack entwickelt. Aber Lampen? Oder auch Möbel? Bei Filmen und Musik merke ich ja, wenn ich emotional oder ästhetisch berührt werde, beim Essen spüre ich sogar den Geschmack. Aber was kann einem eine Lampe oder ein Möbelstück geben?

Zugegeben, jahrelang war ich ein Geschmacksanfänger. Mein ehemaliger Mitbewohner war schon damals mit seinen zwanzig Jahren Geschmacksprofi. Er hatte zu allen Dingen eine passende Einschätzung: „Das ist geil! Das ist scheiße! Das ist wie… “ Ich hab mich nur immer gefragt: Woher nimmt er diese Sicherheit? Ich sah die Dinge an, die er so klar einordnen konnte, und dachte: „Aha.“

In einigen Bereichen habe ich mich langsam – ohne es zu wissen – vorgearbeitet. Die Filme von Andrej Tarkowski haben mir die ästhetische Dimension von Filmen nahegebracht. Ich lernte meinen eigenen Filmgeschmack kennen… Aber ist das eigentlich die richtige Formulierung? Lernte ich ihn kennen oder entwickelte ich ihn? Ist Geschmack also etwas Angeborenes oder etwas Soziales? Vor einiger Zeit wollte ich in meiner wissenschaftlichen „Lieblings“disziplin, der Psychologie, nach Antworten suchen (– natürlich nur um mich dann abzugrenzen und zu sagen: „Das ist alles viel zu simpel.“). Aber ich fand (bei der eher kurzen Recherche) nicht mal eine passende Theorie. Woher kommt also der Geschmack, beispielsweise in Form eines Sinnes für Ästhetik? Wann entwickelt er sich?

Wieso finden beispielsweise so viele Menschen Sonnenuntergänge und Regenbögen schön? Ist das nur, weil sie als Kinder neben ihren Eltern standen, die diese Situationen schön fanden, weil diese ebenfalls als Kinder neben ihren Eltern standen, usw.? Oder ist es, weil diese Situationen in so vielen Filmen und Liedern als romantische und emotionale Momente eingebettet werden? Wahrscheinlich beides. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass es eine genetische Vorprägung für die ästhetische Wahrnehmung der Natur gibt. Vielmehr muss es wohl eher eine Offenheit, einen Möglichkeitsraum für solche Erfahrungen im Laufe der Kindheit oder Jugend geben.

Wahrscheinlich ist die Entwicklung eines eigenen Geschmacks ein wesentlicher Aspekt der pubertären Identitätsentwicklung. Das macht sich natürlich weniger an den beschriebenen ästhetischen Naturerfahrungen fest, sondern an wesentlich leichter greifbaren Geschmacksfragen: an Musik und Mode. In diesen Bereichen können Teenager erstmals ihren eigenen Stil und Geschmack entwickeln. Allerdings auch nur in den Grenzen des gesellschaftlich Vorgegebenen: Sie schöpfen (meist) aus dem bestehenden kulturellen Rollenfundus und den dazugehörigen kommerziellen Angeboten des Musik- und Mode-Marktes (z. B. Metal, Alternative, HipHop).

Für viele ist diese Phase geschmacklich prägend für die nächsten Jahre. Der entwickelte Geschmack kann dann entweder durch zunehmendes Insiderwissen verfeinert und individualisiert werden oder er wird unbemerkt – wahrscheinlich aufgrund der mangelnden Alterskompatibilität vieler Musikstile – sanft abgelöst und beispielsweise durch den musikalischen Radio-Mainstream ersetzt.

Ich hatte eine stilistisch nicht prägende Pubertät voller Normalität und Angepasstheit. Daher war ich wohl auch ebenjener Geschmacksanfänger. Mein ehemaliger Mitbewohner hatte eine „krass“ (so sagte man das damals) identitätsbildende Alternativ-Pubertät. Während ich also im Laufe des Studiums alles nachholen musste, hatte er seinen Geschmack schon längst entwickelt – den er nun zu Teilen tatsächlich noch verfeinert und zu Teilen aber auch verbürgerlicht hat.

Nur: Wann entwickelt sich denn dann bitteschön der Möbel- und – noch wichtiger – der Lampengeschmack? Bei der Einrichtung der ersten Wohnung? Wo sind da die Rollenvorbilder? Wo ist da die ästhetische Vorprägung? Eine gewisse Rolle spielt wahrscheinlich der Farbgeschmack, den man sukzessive im Laufe seines Lebens entwickelt. Dieser wird wohl zum einen durch die pubertäre Phase und zum anderen durch gesellschaftliche Konventionen geprägt. Es gibt einen unbewussten, gesellschaftlichen Farbkanon für nahezu alle Gegenstände: Für Mode, für Autos, für Häuser und auch für Möbel. Daraus kann man sich dann seine individuelle Farbgeschmackswelt zusammensetzen.

Der Kanon wandelt sich aber auch. In der Marktwirtschaft ist es naheliegenderweise die Aufgabe der Unternehmen mithilfe der „aktuellen Mode“ zu versuchen, diesen Kanon nicht nur farblich, sondern auch formtechnisch zu erweitern. Wenn sich der Geschmack nicht ändern würde, würden die Menschen ja nichts mehr kaufen. Es hängt dabei vom jeweiligen Gegenstand ab, wie lange ein Geschmackszyklus gültig ist. Möbel haben aufgrund des Preises und des Anschaffungsaufwands einen recht langen Geschmackszyklus – sie werden ja nicht wie Kleidung jährlich ersetzt.

Auf dem Möbelmarkt hat ein Anbieter in Deutschland (zumindest bei jüngeren Menschen) das Geschmacksmonopol: Ikea. Für mein erstes Zimmer war denn auch Ikea der sichere Geschmacksgarant. Ich dachte: „Ikea wirkt immer so designermäßig und das was alle haben, kann ja auch nicht schlecht sein.“ Und so lebte ich in meiner konfektionierten Ikeawelt dahin – bis es eines Tages durch Zufall doch passierte: Ich entwickelte einen Möbelgeschmack! In einer Hauruck-Aktion hatte ich mir einen alten Gründerzeitschrank gekauft. Und je länger ich ihn ansah, desto schöner fand ich all die kleinen Verzierungen, die Farbe des Holzes und auch seine praktische modulare Aufbauweise (ganz im Vergleich zum Klein-Klein von Ikea). Von außen wurde das nur bestärkt, alle sagten: „Was für ein schöner Schrank!“ Das hat mich natürlich auch bei der Einrichtung der neuen Wohnung geprägt. Geschmack kann scheinbar auch durch zufällige Entscheidungen und durch Gewöhnung entstehen. Plötzlich hatte ich also einen Möbelgeschmack: Alte Holzmöbel!

Aber ich hatte noch immer keinen Lampengeschmack. Vielleicht hilft hier ja eine Erinnerung: An die schönste Lampe meines bisherigen Lebens! Sie hing in unserer alten WG. Meine Mitbewohnerin und ich hatten einen runden Vogelkäfig aus Holz auf dem Sperrmüll gefunden und sie hatte da einfach eine Glühbirne reingehängt. Dann hatten wir die Käfigtür für das Licht geöffnet – damit es auch raus konnte (was es auch tat). Es war diese herrlich skurrile Idee, die diese Lampe so schön gemacht hat.

Und damit bin ich vielleicht bei der letzten Möglichkeit, wie ein individueller Geschmack entstehen kann: Indem man Charaktereigenschaften einfach konsequent in alle Bereiche überträgt und wild auslebt. Vielleicht werde ich mir daher bald Autoscheinwerfer an die Decke montieren, mir Leuchtquallen in einem Aquarium an der Decke halten oder dort einen mit Helium und einer LED gefüllten Luftballon schweben lassen – nur weil es so schön skurril ist.

Sprach- und Stil-Terror im deutschen Feuilleton

Oft muss ich mich durch Zeitungsartikel regelrecht hindurch kämpfen - besonders dann, wenn das Thema interessant ist und ich eigentlich nicht abbrechen will. Daher will ich hier ein paar Trends vorstellen, die den Leser terrorisieren können. Ich illustriere sie an ein paar (fiktiven) Beispielen:

Beobachtungs-Terror
„Er erscheint spät zum Interview. Bedacht hängt er seinen grauen Wollpulli über den Stuhl. Links neben uns am Tisch sitzt eine Frau mit grünem Oberteil. Sie streicht sich durchs Haar, so als erwarte sie jemanden. Er fängt an zu reden. Seine Lippen sind rot und bewegen sich, wenn er spricht.“

Hauptsatz-Terror
„Manchmal könnte er kotzen. Einfach nur kotzen. Er sucht doch nur Deutsch. Echtes Deutsch. Ein Deutsch wie vor 20 Jahren. Bevor die Journalistenschulfuzzis die deutsche Sprache aktiver und spannender gemacht haben – aus einer absurden Angst vor Schachtelsätzen und Konstruktionen wie dieser. Und er sucht weiter. Voller Hingabe. Und voller Wut. Nach Sätzen mit Verb.“

Hype-Terror
„Sie ist der ultimative Shootingstar der Musik-/Literatur-Szene. Sie haben allerdings noch nie etwas von ihr gehört [wie die meisten Deutschen vor diesem Artikel, Anm. d. Verf.]. Aber überall wird sie gefeiert [und wir stellen das einfach nur objektiv dar]. Und sie verkauft unglaublich viele Alben/Bücher [natürlich nicht durch Artikel wie diesen].“

Der Random Read Test. Oder: Wie man die sprachliche Qualität von Büchern bestimmen kann

Die sprachliche Qualität der meisten Bücher ist heutzutage eher gering. Sie versuchen den Leser nach und nach in ihren Bann zu ziehen. Die einzelnen Sätze und Absätze sind dabei nicht so wichtig – sie dienen nur dazu, die Handlung voran zu bringen. Ein paar typische Sätze könnten beispielsweise lauten:

„Er sagte: ‘Das kannst du nicht machen, Susie!’ Doch sie hörte nicht auf ihn und sagte: ‘Lass mich, ich will es wenigstens versuchen, Nick!’“

Um diese Passage spannend und interessant finden zu können, muss man die komplette Vorgeschichte von Susie und Nick kennen. Meine Freundin hat nun vorgeschlagen dieser sprachlichen Verarmung einen neuen Test entgegenzustellen: Man schlägt das Buch an einer beliebigen Seite auf und liest den erstbesten Absatz. Wenn dieser einen in den Bann zieht, ist das Buch gut. Je mehr man lesen muss, um es interessant zu finden, desto schlechter ist das Buch (bzw. umso mehr ist es von dem heute üblichen, langwierigen inhaltsbezogenen Spannungsaufbau abhängig). Diese eigentlich banale Idee könnten wir uns bald unter dem schönen, pseudowissenschaftlichen Titel „Random Read Test“ (RRT) patentieren lassen.

Durch den RRT wird man nicht mehr vom Inhalt langsam eingelullt und letztendlich dazu verführt, nicht mehr auf die Sprache des Buches zu achten, sondern man wird anhand eines minimalen inhaltlichen Ausschnitts direkt mit der literarischen Qualität des Buches konfrontiert. Sie wird in diesem Test – unabhängig von der inhaltlichen Gesamtkomposition – anhand eines beliebigen Satzes gemessen. Auf diese Weise kann man die „Kleinste interessante Einheit“ (KiE) eines Buches messen: Je besser das Buch, desto kleiner die Einheit. Das kann nur ein einzelner Satz, ein ganzer Absatz, ein komplettes Kapitel oder auch das ganze Buch sein. Dieser Wert kann natürlich bei ein und demselben Buch individuell ganz verschieden ausfallen. Ich vermute allerdings, dass die KiE heutzutage bei den meisten Büchern das ganze Buch umfasst.

Allerdings gilt auch: Je kleiner die KiE eines Buches, desto schwerer ist das Buch auch zu lesen. Die Sprache wird schwieriger, weil die Bilder komplexer oder die Dialoge gewitzter oder die Ideen abstruser werden. Es lohnt sich beim Lesen innezuhalten und nicht durch-zulesen. In ganz besonderen Fällen gelingt es sogar, dass sich die sprachliche Form nicht nur vom Zweck des bloßen Vorantreibens des Inhalts lösen, sondern auch aus ihrer Nutzung als Bild, Witz- oder Ideenvehikel befreien kann und beginnt mit dem Inhalt in Interaktion zu treten, beispielsweise indem sie ihn in ihrer Form wiederspiegelt oder auch konterkariert.

Ein solches, eher seltenes literarisches Ereignis kann man allerdings mit dem „Random Read Test“ und der „Kleinsten interessanten Einheit“ nur schwer erfassen. Ich kann allerdings nur empfehlen, die eigenen Lieblingsbücher auch einmal dem RRT zu unterziehen. Mal sehen, ob sie einen nicht nur im Ganzen, sondern auch nur mit einem kleinen, willkürlich ausgewählten Satz wieder faszinieren können. In diesem Sinne:

„Pontresina empfing sie mit leichtem Regen und mit einem Schrecken, als hätte Sibylle auf ihrer ganzen Fahrt nicht einen Atemzug lang damit gerechnet, tatsächlich in Pontresina anzukommen. Pontresina bestand darin, dass der Zug einfach nicht weiterfuhr; schlimmer noch: um diese Zeit fuhr auch kein Zug mehr zurück. Sibylle kam sich wie in einer Falle vor.“ (Max Frisch, Stiller, Mein persönlicher KiE: ½ Absatz)

Deutschland im Visionsvakuum

Wenn man den wütenden Mob von Clausnitz sieht, könnte man an einen Rückfall ins Mittelalter oder an die Existenz des Bösen glauben. Ich glaube aber, dass es vielmehr um Angst geht. Diese Menschen haben Angst und kanalisieren sie in Wut und Hass auf noch Schwächere. Dieser Radikalisierungs-Prozess wird in meinen Augen unterstützt durch einen einseitig stattfindenden öffentlichen Diskurs. Doch zunächst einmal die Frage: Woher kommt die Angst dieser Menschen?

Ich glaube, dass sie das Gefühl haben, vom Staat vernachlässigt, ja vergessen worden zu sein. Sie haben den Niedergang ihrer Dörfer miterlebt: Erst ziehen die jungen Leute massenhaft weg, dann wird der Bahnanschluss gekappt, der Bahnhof verwahrlost, dann schließen der Bäcker, der Fleischer und der Minisupermarkt, der Bus fährt nur noch zweimal am Tag für die übriggebliebenen Schulkinder, die Arbeitslosenquote steigt, dann geht der letzte Arzt in Rente… Die Region stirbt. Das geschieht nicht nur im Osten, aber dort hat man die Wende als zusätzlichen radikalen Lebenseinschnitt, der Gewinner und Verlierer erzeugt hat.

Und jetzt kommen die Flüchtlinge. Im Internet und insbesondere bei Facebook kursieren Geschichten, was sie nicht alles vom Staat bekommen und worauf sie nicht alles Anspruch haben. Und das wirkt. Außerdem sehen sie es ja in ihren eigenen Dörfern: Der Staat kümmert sich um die Flüchtlinge, gibt ihnen kostenlos (!) eine Wohnung und sogar Geld zum Leben. Sie fragen sich: „Wer macht das denn für mich?“ oder “Wenn man denen das alles gibt, was bleibt dann noch für mich übrig?” Dass dies Notmaßnahmen sind, um keine menschenunwürdigen Zeltstädte zu erschaffen, dass Flüchtlinge lieber arbeiten würden, als Geld und eine Wohnung vom Staat zugewiesen zu bekommen, wissen sie nicht. Das Bild vom Sozialschmarotzer wurde in den letzten Jahrzehnten zu gut anhand der faulen Hartz-4-Empfänger und der Griechen in den deutschen Medien etabliert (vgl. hier).

Diese ängstlichen Menschen bekommen die Wirklichkeit nicht mit, in der die Flüchtlinge in Deutschland leben. Sie wissen nicht, dass Flüchtlinge in diesem Land immer menschenunwürdiger behandelt werden, dass hart erkämpfte grundlegende Menschenrechte und daraus entstehende Ansprüche in zwei sogenannten Asyl-Paketen gekappt wurden – und zwar eigentlich für sie, um ihren Ängsten entgegenzuwirken. Das Dilemma dieser Asylpakete ist, dass die Härte der neuen Regelungen öffentlich nicht eingestanden und klar benannt werden kann, weil dann auch ihre Menschenunwürdigkeit deutlich werden würde. Man stelle sich die Schlagzeile vor: “Regierung beschließt: Noch weniger Rechte und noch willkürlichere Behandlung für Flüchtlinge!” Die Wirkung, die diese Asylpakete eigentlich bei den Ängstlichen erzielen sollten, kann daher nicht erreicht werden. Nur die Flüchtlinge und Helfer werden die Auswirkungen im streng reglementierten Flüchtlingsalltag erleben. Auflösen wird sich die Angst der Menschen dadurch also nicht.

Der öffentliche Diskurs über Flüchtlinge hat aber auch weiterhin eine starke Schieflage. Nachdem es lange Zeit eine fast erzwungen positive Berichterstattung über Flüchtlinge gab, stellten die Ereignisse der Silvesternacht in Köln für die Medien eine Art Katharsis dar: Alles, was vorher unterdrückt worden war, floß nun ungehemmt und aggressiv in die Berichterstattung ein. Doch dieses Fenster der rassistischen Schreckensszenarien hat sich (glücklicherweise) wieder geschlossen. Der mediale Diskurs ist wieder latent positiv – orientiert am „Wir schaffen das!“ der Kanzlerin. Das führt jedoch dazu, dass es keine realistische Diskussion über die Flüchtlingskrise geben kann, weil die wichtigste Frage weiterhin unbeantwortet bleibt: „Wie schaffen wir das?“ Diese Leerstelle lähmt die gesamte Diskussion: Sie schwankt zwischen dem abstrakten, inhaltlich nicht ausgefüllten Glauben an das „Wir schaffen das!“ und den immer lauter werdenden Forderungen nach einer Begrenzung der Flüchtlingszahlen, die den Zweifel eines „Wir schaffen das nicht!“ unausgesprochen enthalten. Die eigentlich notwendige inhaltliche Debatte wird von den Medien zu einem Kampf zwischen zwei Lagern stilisiert: „Alle gegen Merkel. Wann knickt sie ein?“

Während also die Medien mit diesem skurrilen Schaukampf beschäftigt sind und damit den Diskurs in seiner möglichen Breite gar nicht abbilden können, findet der ausgeblendete Teil auf Facebook statt. Dort treffen soziale Schichten aufeinander, die in der Wirklichkeit nie aufeinander treffen würden. Und alle wundern sich, wie radikal sich die Menschen dort äußern. Zeitungsredakteure sind irritiert, wenn ihre „Freunde“ bei Facebook plötzlich gegen Flüchtlinge hetzen und schreiben öffentliche Anleitungen, wie man damit umgeht. Sie sind ebenso irritiert, wenn dies plötzlich in der Familie auftritt. Dabei weist dies nur auf die Leerstelle der öffentlichen Diskussion und die Schieflage des medialen Diskurses hin. Ich rede hier nicht von strafrechtlich relevanten Äußerungen wie Morddrohungen oder Hetzkampagnen, sondern von kritischen Äußerungen jenseits des „Wir schaffen das“. Diese Äußerungen werden als Rechts oder „AfD-Quatsch“ abgetan, den es zu widerlegen gilt. Eine solche Meinung lässt sich aber nicht mit Fakten widerlegen, weil es eben nicht nur eine Fehlinformation ist, sondern weil sie auf der oben beschriebenen Angst aufsetzt. Und solange im öffentlichen Diskurs die Frage „Wie schaffen wir das?“ nicht beantwortet wird, wird diese Angst bestehen bleiben.

Stattdessen sollen aber lieber die Kommentare gelöscht werden. Der Druck auf Facebook ist enorm. Aber ist es wirklich besser, die Menschen lernen, dass man bestimmte Dinge einfach nicht mehr öffentlich sagen kann? Die Meinungen und Ängste werden sich dadurch ja nicht ändern – sie werden vielmehr zu Handlungen führen, die dann die Öffentlichkeit böse überraschen (siehe Clausnitz, siehe Bautzen). Der unterirdische, nicht-öffentliche Vulkan wird weiter brodeln und es wird immer wieder unerwartete Eruptionen des Hasses geben.

Doch wie ließe sich diese Situation auflösen? Claus von Wagner hat in „Der Anstalt“ einen möglichen Weg aufgezeigt (am Ende des Videos). Die Regierung bräuchte eine Vision. Angela Merkel müsste so etwas sagen wie: „Liebe Bevölkerung, niemandem wird es schlechter gehen, weil wir die Flüchtlinge aufgenommen haben. Wir werden stattdessen Geld in die Hand nehmen und in unsere Infrastruktur und unsere Bildung investieren. Alle werden davon profitieren!“ Aber das kann sie nicht sagen. Zum einen weil es verpönt ist, wenn der Staat (der elende Verschwender!) investiert und sich dafür verschuldet (Schulden das Teufelszeug! Dagegen hilft nur die Schuldenbremse!). Zum anderen weil sie dann zeigen würde, dass für die Flüchtlinge extra Geld ausgegeben wird, was man vorher nicht für die Aufrechterhaltung von (fast schon sprichwörtlichen) kommunalen Schwimmbädern und Bibliotheken hatte (allerdings für die systemrelevanten Banken). Sie müsste also für die Beantwortung der Frage “Wie schaffen wir das?” ihre bisherige Politik in Frage stellen und ändern. Das kann sie nicht.

Angela Merkel hat sich somit in eine Sackgasse manövriert – und damit auch die Medien und den öffentlichen Diskurs. Aber solange dieses Visions-Vakuum besteht, werden die Horrorszenarien der AfD und der Rechten blühen und gedeihen – ganz egal, ob in oder jenseits der Öffentlichkeit.

Die Differenz. lieben lernen

Jahrelang hatte ich eine genaue Vorstellung davon, wie ich meine Traumfrau kennenlernen würde: Ich würde auf der Straße laufen und eines meiner Lieblingslieder unbewusst vor mich hinsummen. Sie würde mich überholen, das Lied erkennen und sagen: „Oh, das ist auch mein Lieblingslied!“ Wir würden uns in die Augen schauen und alles wäre klar.

Der Volksmund spricht bei dieser Vorstellung des Verliebens vereinfachend von „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Die Psychologen machen es komplizierter und nennen es „Similarity attraction“. Sie haben herausgefunden, dass sich die meisten Menschen bei der Partnerwahl, aber auch bei der Freundeswahl, Menschen aussuchen, die ähnliche politische Einstellungen, ähnliche soziale Vorlieben und ähnliche Vorstellungen vom Leben haben, wie sie selbst. Die Erklärung der Psychologen: Es gehe in Beziehungen schließlich um die Bestätigung des eigenen Selbsts. Und was würde mich mehr bestätigen als jemand, der genau dasselbe Lied kennt und gut findet wie ich! Doch so einfach ist das nicht. Es bleibt bei dieser Vorstellung ein wesentlicher Pol der Beziehung ausgeklammert: Die Differenz.

Die Differenz führt in der Beziehung dazu, dass das eigene Selbst eben nicht bestätigt wird, sondern auch in Frage gestellt wird: Was?! Sie mag mein Lieblingslied nicht und hat stattdessen ein völlig anderes Lieblingslied? Die Differenz ist immer schon da – es begegnen sich schließlich zwei Menschen, die – egal wie gleich sie nun wirken – doch unterschiedlich aufgewachsen sind und unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Die Vorstellung der anziehenden Ähnlichkeit blendet diese wichtige Beziehungskomponente leider völlig aus.

Das liegt vielleicht auch daran, dass die Differenz in der ersten Phase der Beziehung nur ein latentes Hintergrundrauschen bleibt. Die Verliebtheit überstrahlt zunächst alle Differenz, da sie ein absolutes Annehmen des Anderen zelebriert und die Gemeinsamkeiten und Ergänzungen überbetont. Man fühlt sich nicht durch kleine Differenzen in Frage gestellt, wenn der Andere das eigene Dasein ja in allen anderen Facetten feiert und annimmt. Daher wird die Differenz in der Verliebtheit oft noch nicht erkannt. Im Rausch der Nähe des Fremden und Neuen wird sie oft sogar zu etwas, was den anderen noch attraktiver macht – es ist die Faszination des Unbekannten.

Aber je mehr dieses Unbekannte im Alltag entdeckt und benannt wird, desto mehr wird die Differenz deutlich. Differenz heißt nun: Der Andere isst anders, trinkt anders, schläft anders, reagiert anders, fühlt anders, liebt anders, etc. Insbesondere für Männer ist dies oft ein Schock, da sie sich in der Verliebtheit idealistische Scheinbilder der Frau gemalt haben, die mit dem wirklichen Sein der Frau nichts zu tun haben. Diese Erfahrung wird nun nicht mehr abgefedert durch das Gefühl des absoluten Angenommenseins. Der Andere wird erstmals nüchtern wahrgenommen.

Es wäre schön, wenn es bei dieser Differenz nur um minimale, irrelevante Details ginge, wie: Sie isst gerne Broccoli, ich aber nicht. Es geht aber um Verhaltensweisen, die man immer abgelehnt hatte, um Sichtweisen, die man nie vertreten würde, um Gefühle, die man noch nie hatte. Und das führt zu dem entscheidenden Punkt: Die Differenz zum Anderen führt dazu, dass ich mich selbst besser erkennen kann. Im Blick des Anderen erkenne ich meine eigenen blinden Flecken: Das, was ich ablehne, bedeutet mir ja etwas – ich will es nicht sein und habe Angst davor, doch von außen so wahrgenommen zu werden und tief in meinem Inneren so zu sein. Auf diese Weise werde ich mit mir selbst konfrontiert und muss lernen, durch die Differenz zum Anderen zu mir selbst zu stehen.

Und als ob dies nicht schon schwierig genug wäre, wird dieser Prozess zu einer echten Gratwanderung, weil man sich gleichzeitig – angesichts der Differenz – selbst behaupten muss, ohne jedoch aus der Beziehung einseitig herauszutreten. Ich kann also nicht sagen: „OK, meine cholerischen Wutanfälle stören dich, aber so bin ich halt!“ Eine Überbetonung des „Ichs“ würde das „Wir“ aushöhlen.

Leider gibt es kaum vorgefertigte kulturelle Muster oder kulturelle Umgangsweisen mit der Differenz. Hollywood-Kino und Popsongs zelebrieren immer nur das Verliebtsein und die Ähnlichkeit: Eine Frau ziert sich und der Mann überzeugt sie durch seine Liebe. Ein Paar liebt sich unglaublich, aber es kann durch gesellschaftliche Umstände nicht zusammenkommen. Eine Beziehung scheitert, weil die Partner sich auseinandergelebt haben und einer jemand anderen kennengelernt hat.

All das ist auch wesentlich einfacher zu zeigen als das schwierige Austarieren zwischen „Ich“ und „Wir“. Dadurch fehlt jedoch das Bewusstsein dafür, dass der Umgang mit Differenz in Beziehungen ein entscheidender Punkt ist. In einer Gesellschaft, in der es zunehmend auch bei der Partnerwahl um Selbstoptimierung geht, in der viele Menschen – hinter ihrer selbstsicheren Fassade – verzweifelt nach Selbstbestätigung suchen und in der die bessere Partnerin oder der bessere Partner immer schon einen Klick weiter ist, kann diese Fehlstelle nur zu häufigen Trennungen und Bindungsunfähigkeit führen.

An dieser Stelle muss leider die Theorie auch mit der Praxis konfrontiert werden: Ebenso wie es aus der theoretischen Sicht des Kommunikationswissenschaftlers eigentlich extrem unwahrscheinlich ist, sich gegenseitig zu verstehen, so gibt es in dieser Gesellschaft doch erstaunlich viele Beziehungen, die genau diesen schwierigen Prozess überstanden haben. Es gibt dabei verschiedene Arten, mit der Erfahrung der Differenz des Anderen umzugehen:

Man kann die Differenz ausblenden, indem man nur auf sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse in der Beziehung achtet. Man kann die Differenz von sich wegschieben und sie abstrakt der Gruppe des Anderen zuordnen („Frauen sind halt so“). Man kann die Differenz bekämpfen und versuchen, sie einzuebnen, indem man den Anderen zwingt, sich zu ändern. Man kann aber auch versuchen, sich selbst anzupassen und zu ändern. Man kann die Differenz aushalten und versuchen, sie, wenn nicht als Bereicherung, so doch zumindest als Herausforderung zu verstehen. Man kann die Differenz relativieren, indem man sich das Schöne und Gemeinsame vor Augen führt. Man kann sich aber auch auf die Differenz fokussieren, sie überbetonen und die Beziehung damit letztendlich zum Scheitern bringen.

Beziehungen schwanken somit auf einer Skala zwischen Ähnlichkeit und Differenz. Sind sich die Partner zu ähnlich, können sie sich kaum weiterentwickeln, weil sie sich in der Beziehung gar nicht als eigenständige Personen wahrnehmen. Sind die Partner zu verschieden, verlieren sie sich entweder im endlosen Kampf um Selbstbehauptung oder durch den beidseitigen Rückzug ins eigene Selbst. Irgendwo zwischen diesen Polen sollte eigentlich die gute Beziehung zu finden sein.

Mein Leben als Ideenkünstler (II)

Nachdem ich vor einiger Zeit mein Leben als Ideenkünstler begonnen habe, will ich es hier nun weiterführen – ohne auch nur eine Idee bisher umgesetzt zu haben (ich schwöre es!).

Die Jokebox
Man wirft 10 Cent ein, ein Schallplattenarm greift eine Platte heraus und man bekommt einen Witz erzählt. Die Witze sind dabei nach Kategorien sortiert, wie „klassisch verschweint“, „politisch inkorrekt“, „absurder Anti-Witz“, „Randgruppe“… Die Maschine kann in Kneipen Aufheiterungen für unlustige Runden bieten, kann den Wortschwall von Witz-Allein-Unterhaltern stoppen oder kann auch zum klassischen Duell „Mensch-Maschine“ anregen.

Das Zeitreise-Hotel
Ein Hotel, in dem man das Leben einer anderen Zeitepoche leben kann. Man kann beispielsweise das Leben der 50er Jahre leben: Man gibt alle elektronischen Geräte, alle Kleidung, also eigentlich alles am Eingang des Hotels ab. Man wird komplett neu mit dem Besitz-Portfolio eines Menschen aus den 50er Jahren ausgestattet. Wer beispielsweise telefonieren will, muss Münzen in den Fernsprecher stecken und die Vermittlung anrufen. Männer und Frauen wohnen natürlich in getrennten Zimmern - außer sie sind verheiratet. Dabei ist das 50er-Jahre-Hotel ja noch recht fortschrittlich, im Vergleich zum Hotel des 18. Jahrhunderts.
Hier kommt das Konzept natürlich auch an Grenzen. Kann man in Gebäuden, die in dieser Form in dieser Zeit nicht existiert haben, und in einem Modus des Reisens, der in dieser Zeit ebenfalls nicht existiert hat, die Zeit selbst nachstellen? Vielleicht müsste daher eher ein ganzes Dorf gebaut werden, um das Leben im 18. Jahrhundert nachzustellen. Damit dies nicht nur wieder eine Projektion unserer Vorstellungen der damaligen Zeit wird (siehe Mittelaltermärkte), müssten diese Dörfer und Hotels an die wissenschaftlichen Abteilungen der Museen der Sozial- und Alltagsgeschichte angebunden werden. Das Wichtigste bei dieser Idee ist aber, dass man dort auch leben kann, und es nicht nur - wie ein Museum - besucht.

Der Diavortrag des streitenden Ehepaares
Immer diese Idylle bei Diavorträgen! Ich würde gerne einmal den Diavortrag eines streitenden Paares inszenieren. Er in der einen Ecke des Hörsaals, sie in der anderen Ecke. Er zeigt ein Dia und kommentiert es, sie unterbricht ihn jäh und ruft: „Das stimmt doch gar nicht! Da hab ich dich …“ Dann erzählt sie ihre Version und wird wieder von ihm unterbrochen usw. So schaukelt sich das hoch, bis beide am Ende bei einem wunderbar idyllischen Bild, vielleicht einer Berglandschaft, wutentbrannt den Raum verlassen.
Der Vorteil dieses Vortrags ist, dass er die Urlaubserlebnisse vieler Menschen wohl widerspiegelt und damit auch den oftmals absurden Kontrast zwischen dem Vortragenden, der das Schöne und Spannende erlebt hat, und dem Zuhörer, der immer nur das Langweilige und Spießige erlebt, aufhebt.

Star Wars – Ein Verriss

Oje! Ich war doch bereit, auf der guten Seite (des Lobs) zu bleiben. Ich ahnte nichts von der dunklen Seite (der Kritik). Und dann das!

Der neue Star-Wars-Film fängt so hoffnungsvoll an. Es ist ja immer spannend, kleinen Davids (einer Schrottsammlerin und einem Deserteur) bei ihrem Kampf gegen die übermächtigen Goliaths (Die Erste Ordnung) zuzusehen. Die Witze sind etwas ruppig und unbeholfen, aber immerhin, es sind halbwegs gewitzte Dialoge. Auch sehr schön ist es, wie Han Solo wieder eingeführt wird. Hier nimmt sich der Film auch Zeit für einzelne Szenen. Doch spätestens als die zusammengewürfelte Truppe zu ihrer großen Rebellen-Organisation zurückkehrt, kippt die Handlung.

Meine größte und drängendste Frage: Gibt es denn, verdammt nochmal, nichts Neues??? Keine neuen Bedrohungen??? Nichts??? Wieder ein Todesstern, diesmal nur noch größer – J.J.Abrams, ist das dein Ernst? Was soll denn dieser lauwarme Aufguss der ersten Teile? Todesstern zerstört Planeten und muss daher selbst zerstört werden. WTF? Und dann geht das alles auch noch superschnell, ohne nennenswerte Gegenwehr der dunklen Seite.

Überhaupt: Die dunkle Seite… Wenn man diese Serie noch einmal aufleben lassen will, dann muss doch da auch eine Bedrohung sein. Der Bösewicht muss glaubhaft sein. Stattdessen gibt es einen innerlich zerrissenen Ex-Jedi und Darth-Vader-Imitator (orientiert sich an seinem Opa), der seine eigene Wut nicht kontrollieren kann und am Ende sogar von der Jedi-Anfängerin geschlagen wird. Immerhin tötet er Han Solo – zwar völlig unmotiviert, aber immerhin (sonst hätte es überhaupt keine Spannung gegeben).

Dann gibt es den hitleresken General, von dem man nicht weiß, was seine Fähigkeiten sein sollen – in den ersten Teilen wurden solche Figuren von Darth Vader regelmäßig umgebracht (was die Bösartigkeit Vaders gut untermalt hat). Hier darf dieser General eine Ansprache wie im Dritten Reich halten. Warum nur? Wir befinden uns in einem Weltraumkrieg, werden die Soldaten so motiviert (zumal es nur um den Abschuss einer Riesenkanone geht)? Gibt es eine Ideologie dahinter, die uns leider verborgen bleibt?

Und dann müssen diese beiden eher skurrilen Figuren auch noch zum regelmäßigen Rapport vor dem scheinbaren Oberbösewicht. Ein Riese, der an keiner Stelle zeigt, warum er der Oberbösewicht sein soll. Ja, er darf auch mal grüblerisch daran zweifeln, ob der Ex-Jedi der Auseinandersetzung mit seinem Vater stand hält. Wieso hat das Böse keine Macht, wieso hat es keinen Plan, wieso lässt es sich so einfach besiegen?

Das Schöne an den früheren Teilen war ja, dass das Böse dem Guten immer einen Schritt voraus war. Das machte die Spannung aus! In diesem Film wird Spannung durch einen simplen Countdown erzeugt: Kann die Superkanone schnell genug geladen werden, um die Rebellen zu zerstören? Oder schaffen es die Rebellen, wieder einmal, den inneren Reaktor (oder wie auch immer die Achillesferse des Systems diesmal genannt wird), zu zerstören? Und ja, tata, sie schaffen es und alles explodiert.

Und dann wird am Ende auch noch Luke Skywalker gefunden, der versteckt eine Jedi-Armee aufgebaut haben soll. Wäre es nicht dramaturgisch sinnvoller gewesen, wenn er in dem Moment aufgetaucht wäre, in dem es für die Rebellen schlecht aussieht? So hängt der Cliffhanger, also der Spannungsbogen zur nächsten Episode, nur an seiner Person und seiner Geschichte. Das Böse muss sich zwangsläufig in der nächsten Folge ersteinmal wieder sammeln und eine komplett neue Bedrohung aufbauen.

Der ganze Film ähnelt sehr der 4. Episode. Ein geheimer Plan wird einem Roboter übergeben, damit er nicht den Bösen in die Hände fällt. Das ist in beiden Fällen für die bisher unbeteiligten Figuren das handlungsauslösende Movens. Eine unbekannte Jediritterin wird so entdeckt und entwickelt im Laufe des Films ihre Kräfte. Ein Todesstern/-planet zerstört einen Planeten und wird daraufhin selbst zerstört. Der einzige Unterschied: Es wird die Vater-Sohn-Geschichte, die in den Teilen 4-6 einen wesentlichen Teil zur Dramatik beitragen, hier schon mit umgekehrten Rollen entfaltet und durch Han Solos plötzlichen Tod beendet.Warum denn eigentlich schon wieder eine solche Geschichte? Müssen die immer verwandt sein, die Jedis? Muss sich dann immer einer abwenden, damit der andere ihn bekehren kann? Warum nicht mal eine neue Geschichte? Man hätte ja auch mal diese simple Unterscheidung „Gute Gefühle gehören zum Guten, böse Gefühle gehören zum Bösen“ aufbrechen können. Aber vielleicht sollte die Episode mit dem Darth-Vader-Imitator das ja darstellen. Nur dass dadurch dem Film der glaubhafte Bösewicht verloren ging.

Also: Was soll das? War J.J.Abrams insgeheim angetreten, ein Remake zu drehen? Eine moderne Variante der alten Saga – nur viel schwächer? Aber halt, vielleicht ist es ja nur der Auftakt, vielleicht wird das Ganze ja auch noch mit Leben gefüllt. Erstaunlich ist nur, dass die Kritiken so positiv ausgefallen sind – der Riesenrummel vorher scheint eine große Spoilerangst und eine gewisse Milde bei den Kritikern ausgelöst zu haben. Ich jedenfalls war echt enttäuscht und stehe nun – völlig unerwartet – auf der dunklen Seite, der Seite der Kritik. Ich bin bereit von der guten Seite, den echten Fans, beschossen und durchlöchert zu werden.

The future is cloudy

Eigentlich ist es schade, dass Orwell in seinem Roman 1984 nicht beschrieben hat, wie diese Welt entstanden ist. So können wir mit Schrecken auf die Endversion dieser Welt blicken und uns daran freuen, dass wir in einer freien Gesellschaft leben … obwohl die Wege in eine vielleicht nicht Orwellsche, aber doch dystopische Welt schon fleißig gepflastert werden.

Ein Pflasterstein auf unserem Weg in diese Welt sind die Clouds. Man speichert seine persönlichen Daten nicht mehr auf seinem eigenen Rechner, sondern in der eigenen Cloud. Menschen nehmen diese Verlagerung ihrer Daten scheinbar gern in Kauf, weil durch die Vermehrung ihrer Endgeräte ein enormer Synchronisierungsbedarf entstanden ist. Gab es früher für alle Funktionen einzelne, nicht miteinander verbundene Geräte (z.B. Musik, Telefon, Kamera) übernimmt nun das Handy all diese Funktionen, ohne jedoch gleichzeitig den eigenen Rechner ersetzen zu können. Durch kluge Software hätte man beide Geräte so miteinander koppeln können, dass alle Daten immer auf dem neuesten Stand sind - bei der stetigen Speicherweiterentwicklung wären alle Daten auf dem jeweiligen Gerät geblieben.

Diesen Weg, der anfangs sogar beispielsweise von Apple beschritten wurde, haben nun aber alle Hersteller verlassen und sich für das Cloud-Modell entschieden. Die Geräte, die für die Cloud nötig sind, bräuchten eigentlich gar keinen Speicher, keine Festplatte mehr, nur noch Zwischenspeicher, weil sie ja nur noch Anzeigegeräte sind. Das macht die Entwicklung der Geräte für die Anbieter billiger, macht die Nutzer aber auch abhängiger von ihrer Internetverbindung.

Dass diese Version für die Anbieter wie Google, die von den Daten der Nutzer leben, attraktiv ist, leuchtet unmittelbar ein: Man hat endlich alle, ich betone, alle! Daten des Nutzers, man kann sein Nutzerverhalten und seinen Umgang mit seinen Dokumenten live analysieren. Aber warum machen das die Nutzer mit?

Vielleicht liegt es ja an der wahrhaft genialen Namensschöpfung „Cloud“. Die Cloud ist immer über uns, sie ist nie weit weg und sie gehört uns. Und dabei ist das alles falsch. Um sich das bewusst zu machen, müsste man den Satz „Ich lade mal meinen Lebenslauf aus der Cloud.“ wahrscheinlich so umformulieren: „Ich lade mal meinen Lebenslauf von einer Festplatte in Nebraska, die im Rechenzentrum eines milliardenschweren Unternehmen verbaut ist, bei dem täglich Unternehmen wie Geheimdienste anklopfen, um sich meine Daten für Werbezwecke runterzuladen oder auf Gesellschaftskonformität zu überprüfen.“ Wenn man sich also bewusst machen würde, dass die Cloud nicht über einem schwebt, sondern doch lokal auf einer Festplatte irgendwo am anderen Ende der Welt abgespeichert wird, würde den Menschen klar werden, wie absurd es ist, Daten über tausende Kilometer hinweg dorthin zu speichern.

Vielleicht ist Cloud aber auch ein doppeldeutiger Begriff oder sogar ein Metabegriff: Es sind die Wolken der Cloud, die die Sonne der Erkenntnis verschleiern - der Erkenntnis, was eine Cloud eigentlich ist.

Verriss light: Im Witzbus von Jan Böhmermann

Mit dem Alter wird man tatsächlich milder. Früher hätte ich einen übertrieben polarisierenden Schmähartikel über den gerade gehypten Jan Böhmermann geschrieben. Es wäre ein einseitiger Verriss geworden, eben weil er gerade gehypt wird. Heute erkenne ich seine Schwächen und denke mir: „Einige Sachen sind ja auch gut…“ Die Kritik muss aber dennoch, ungeachtet ihrer fehlenden Einseitigkeit, noch raus - immerhin bin ich mir da treu geblieben:

Ich war wirklich verwundert, wie ungelenk Jan Böhmermann moderiert. Vielleicht hatte er nur zwei schlechte Sendungen, vielleicht zu Hause Probleme (ah, diese schreckliche Milde!), aber es wirkt alles sehr künstlich: Die Ankündigung der Gäste, die Standup-Einstiegswitze, die Interviews mit den Gästen. Jan Böhmermann fehlen scheinbar für seine Gäste die sozialen und für die Comedy die mimischen und gestischen Fähigkeiten. Bei den Witzen kommt erstaunlicherweise die fehlende Abgeklärtheit hinzu, einen Witz einfach mal stehen zu lassen. Man merkt es Böhmermann an: Er steht oder sitzt dann feixend da und freut sich insgeheim an dem gelungenen Wortwitz. Da fehlt ihm zur nötigen Souveränität vielleicht sogar Selbstironie und -distanz.

Schlimmer als die Witzeinlagen sind aber die „Gespräche“ mit den Gästen. Sie sind eine Qual: Es wird willkürlich ein spezieller Punkt aus dem Leben des Gastes herausgegriffen und zwei ebenso willkürliche Fragen dazu gestellt. Das Problem ist: Man weiß eigentlich nicht, wofür die Gäste da sind. Jeder Gast hat ja eigentlich ein Thema an sich kleben - etwas, für das er oder sie steht. Dazu müsste man gezielt Fragen (und Nachfragen) stellen, dann könnte das ein Gespräch werden.

Stattdessen merkt man, dass Böhmermann vorbereitete Fragen - unabhängig von den Antworten der Gäste - abarbeitet. Es gibt halt vorbereitete Witzhaltestellen, die müssen angefahren werden. Es fehlt ihm scheinbar die Schlagfertigkeit. Wer den Kontrast spüren will, dem empfehle ich, sich einmal ein Gespräch von Erwin Pelzig anzuschauen: Er hat auch vorbereitete Witze, ist aber zugleich auch schlagfertig im Gespräch, er kann sich auf seine Gäste einlassen und ist immer gut vorbereitet. Vielleicht war Böhmermann ja in den beiden Sendungen ausnahmsweise schlecht vorbereitet, vielleicht ist das halbstündige Format auch zu kurz für Gespräche und Witze, aber ein so wirres und langweiliges Gespräch mit einem so geeigneten Gast wie Oliver Kalkofe zu führen, ist eine Kunst.

Ohne Zweifel: Die Ideen und Wortwitze sind in der Show da. Es sind jedoch Ideen und Wortwitze, die auch auf Studentenparties spätnachts im Suff entstehen könnten. Der einzige Unterschied: Niemand auf der Party hat das ZDF im Hintergrund, das erlaubt diese Ideen tatsächlich umzusetzen.

Eine Schlacht mit Laugenbrötchen unter dem Motto „Der Laugendetektor“ zu machen, ist genauso eine Idee. Sie wirkt auf den ersten Blick witzig, aber sie verliert eigentlich nur, wenn man sie wirklich umsetzt. Besonders auch dann, wenn man dem Gast (Ina Müller) nur schlechte Fragen stellen kann, weil man mit ihr (aus den genannten Gründen) nicht warm werden konnte, sondern sie nur auf eine Witzbusreise durch den eigenen, achso lustigen Kosmos mitgenommen hat.

Die neue deutsche Flüchtlingspolitik. Oder: Wie mein politischer Kompass kaputt ging

Die Bundesregierung verhält sich gerade bipolar. Die Kanzlerin gibt für das Image Deutschlands die gute Mutter, die alle Flüchtlinge für Selfies an ihre Brust drücken will, während der Innenminister den bad cop spielt, der das Asylrecht verschärfen will, um sogenannte „Fehlanreize“ zu verringern. Allein im aktuellen Ankunftsland Nummer 1, in Bayern, wird die Gleichzeitigkeit dieser unvereinbaren Positionen deutlich: Die Behörden holen nun Flüchtlinge an der Grenze mit Bussen ab („Mutti“ Angela), nachdem zwei Tage zuvor die Grenzen geschlossen worden waren und der Zugverkehr komplett eingestellt wurde („Bad Cop“ Lothar). Was soll das?

Lange Zeit dachte ich: „Wie passend, durch die Flüchtlinge bekommen wir doch endlich mal die Folgen der Kriegs- und Wirtschaftspolitik zu spüren, die wir jahrelang betrieben haben.“ Das hat sich aber nun durch die Dramatik der Ereignisse geändert. Um es klar zu sagen: Wenn Deutschland sich weiter abgeschottet hätte, hätte ich das mindestens genauso kritisiert. Aber Angela Merkels plötzliche Einladung an alle erscheint mir verlogen. Sie ist so wenig durch ihre vorherige Politik gedeckt: Sei es das Dublin-Abkommen, von dem Deutschland jahrelang profitiert hat, seien es die Boat People, die noch unter kräftigem Wegschauen der Kanzlerin zu Tausenden in diesem Sommer starben, oder sei es die tränen-auslösende Aussage der Kanzlerin an ein 14-jähriges palästinensisches Mädchen, dass man nicht alle aufnehmen könne. Im professionellen Politikbetrieb scheint mir ein plötzlicher Meinungswechsel, der zudem emotional begründet wird, wenig glaubhaft.

Aber ich muss mich nun damit auseinandersetzen, ob die Kanzlerin die Gute ist - wie absurd. Und ich muss in Abgrenzung zur Merkel-Position, „Es gibt keine zahlenmäßige Begrenzung des Asylrechts“, eine Position vertreten, die immer irgendwie rechts war: „Wir können doch nicht alle aufnehmen.“ Eigentlich will ich das nicht, obwohl es mir im Vergleich zur All-Aussage von Merkel plausibel erscheint. Irgendwie ist mein politischer Kompass in der Flüchtlingsfrage kaputt gegangen. Ich muss auch zugeben: Die vielen Flüchtlinge und der medial vermittelte Run auf Deutschland machen mir Angst, die Solidarität mit dem einzelnen Schicksal geht mir langsam in dieser medialen Darstellung der Flüchtlinge als schiere Masse, die an den Grenzen Europas “anbrandet”, verloren. Aber für diese Angst gibt es keinen Raum in der Öffentlichkeit.

Diese Angst resultiert insbesondere auch aus der Entwicklung in Deutschland in den letzten Jahren: In meinen Augen driftete Deutschland in den letzten Jahren immer weiter auseinander. Immer mehr prekäre Beschäftigung entstand neben dem immer größeren Reichtum Einzelner. Während es den meisten Menschen schlechter geht, wird medial der Eindruck vermittelt, es ginge allen gut. In dieser schizophrenen Lage hat sich die Angst abzusteigen bis in die Mitte der Gesellschaft gefressen. Aufgrund der allumfassenden medialen “Es-geht-uns-gut-”Rhetorik findet sich der einzig sichtbare Ausdruck dieser Angst in dem medial zelebrierten (und von der Mehrheit der Gesellschaft kritiklos übernommenen) Hass auf die letzten scheinbaren Schmarotzer wie die Hartz-4-Empfänger oder die Griechen. Die deutsche Gesellschaft sitzt auf einem sozialen Pulverfass.
Nun kommen die Flüchtlinge und könnten die Lunte sein. Es ist nur naheliegend, dass es Verteilungskonflikte geben wird und Konkurrenz um Arbeitsplätze entstehen wird. Und vielleicht das Brenzligste an der gesamten Situation ist: Aus dem öffentlichen und medialen „Wir-sind-so-gut-und-heißen-alle-Willkommen”-Konsens sind solche Ängste ausgeschlossen. Dass heißt, diese Ängste werden irgendwann eruptiv wie in Heidenau auftauchen und alle werden sich wundern, wieso sich soviel Hass wie angestaut hat. Vielleicht passiert es der Einfachheit halber wieder in Sachsen, dann lässt es sich leichter erklären.

Dabei würde ich den Fokus viel lieber auf die Ursachen der Flucht legen: Die Kriege, die wir unterstützt haben, und bei denen wir auch heute nicht helfen, sie zu beenden, weil wir durch unsere sklavische Amerikabindung in der Außenpolitik alle Player ausschließen, die in diesen Krisenherden vermitteln könnten. Stattdessen liefert Deutschland lieber Waffen in den Nahen Osten. Und in Afrika erschließt die EU europäischen Unternehmen die afrikanischen Märkte und macht die dortigen Arbeitsmärkte kaputt, so dass die Menschen ihre einzige Chance im gelobten Europa sehen. (Die Frage, die sich eigentlich auch stellt: Warum ist Europa für die Flüchtlinge das “gelobte” Land, wenn doch ebendieses Europa in ihren Heimatländern die Lebensgrundlagen der Menschen zerstört?) Aber all diese Zusammenhänge tauchen in der medialen Debatte über Flüchtlinge nicht auf.
Die mediale Debatte ist auf den Augenblick, auf die Live-Schalte fokussiert - Hintergründe oder Zusammenhänge interessieren da nicht. Weiter als bis zum Schleuser wird in den medialen Gut-Böse-Geschichten meist nicht gedacht. Dabei ist der Schleuser nur das von den Regierungen auserkorene Böse, um von der eigenen Verantwortlichkeit für die Situation abzulenken - er ist nur das offenkundige Symptom einer Politik, die keine legalen Einreisewege in die Festung Europa zulässt.

Aber dank Angela Merkels Aussagen wankt die Festung ja nun. Es ist ein bisschen so, als ob sie durch ihre Aussagen einen Bank-Run ausgelöst hat. Sicherlich, sie wollte nur sagen, dass es vielleicht besser ist, sein Geld jetzt abzuheben, aber dadurch, dass das nun alle wollen, bricht das Banksystem zusammen. Übertragen auf die Flüchtlinge: Ein Staat nach dem anderen kollabiert unter dem Andrang der Flüchtlinge und muss seine Grenzen schließen, gerade weil Deutschland in der Außenwahrnehmung so tut, als würde es alle Flüchtlinge aufnehmen (obwohl der Bad Cop intern die Abschiebung und Abschreckung eigentlich schon plant). Damit wird die Bundesregierung wohl auch gerechnet haben: Die anderen müssen sich - wie im Dublin-System - die Hände mit Grenzzäunen und Militäreinsätzen schmutzig machen, wir sind die Saubermänner, die die Flüchtlinge mit Bussen von der Grenze abholen. Das ist in meinen Augen sehr unsolidarisch und wird dem Ansehen Deutschlands in Europa weiter schaden: Erst der finanzielle Zuchtmeister der Griechen, jetzt der moralisch überlegene Flüchtlingshelfer.

Wer A sagt, der sagt auch F

Der Raum des Sagbaren wird in öffentlichen Diskussionen in letzter Zeit immer weiter eingeschränkt. Abwägende Aussagen werden sofort den extremen Seiten zugeschlagen. Das funktionierte lange Zeit nach dem Motto: „Wer A sagt, der sagt auch B!“ Nur dass sich die Kette der mitgedachten Argumente mittlerweile extrem verlängert hat. Heute heißt es eher: „Wer A sagt, der sagt auch F!“

Ein Beispiel: „Es gibt auch Wirtschaftsflüchtlinge.“ (A) Die insgeheim fortgeführte Argumentation: „Denen geht es also gar nicht so schlecht.“ (B), „Die kommen nur her, um ein besseres Leben zu haben.“ (C), „Die wollen sich hier ausruhen und auf unsere Kosten leben.“ (D), „Diese Sozialschmarotzer!“ (E), „Flüchtlinge raus!“ (F).

Die erste Aussage wird durch die stillschweigend angenommene Argumentationskette unmöglich gemacht. Wenn bereits über solchen, nicht einmal unwahrscheinlichen Aussagen ein „Du bist Nazi”-Schwert hängt, ist eine offene Diskussion über die damit verbundenen, gemeinsam zu klärenden, gesellschaftlichen Fragen nicht mehr möglich. Stattdessen können nur noch leere Platitüden sicher als Beiträge eingebracht werden: „Flüchtlinge sind willkommen!“

Über Wahrheitssucher und Meinungsverkünder. Warum Diskussionen meist zum Scheitern verurteilt sind

Jahrelang habe ich versucht, Artikel über Podiumsdiskussionen zu schreiben. Ich habe versucht, alles thematisch zu ordnen, die Argumente gegenüberzustellen und am Ende eine sinnvolle, dem Gegenstand angemessene Zusammenführung zu finden. Das war immer sehr anstrengend, denn bei den meisten Diskussionen passiert stattdessen Folgendes: Die Diskutanten hören einander nicht zu und reden aneinander vorbei. Gleichzeitig versuchen sie die Form der Diskussion aufrechtzuerhalten, indem sie so tun, als ob sie sich aufeinander beziehen, nur um dann nach zwei Sätzen völlig abzuschweifen und zu einem ganz anderen Thema zu wechseln. Je länger ihre Redezeit, desto stärker mäandern ihre Argumentationen – verloren irgendwo im weiten Spektrum von anekdotischer Evidenz und statistischen “Fakten”. Kurzum: Es war eine völlig verquere Vorstellung Podiumsdiskussionen für ein Mittel der Wahrheitsfindung zu halten bzw. zu glauben, man könne im Nachhinein eine Form der Wahrheit herausdestillieren!

Das gilt leider auch für private Diskussionen. Menschen gehen scheinbar mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Zielen in Diskussionen hinein. Ich würde zwischen drei Grundtypen von Diskutanten unterscheiden:

  1. Die Wahrheitssucher
    Ihnen geht es um die Sache: Welche Positionen gibt es zu einem Thema, welche sind plausibel, welche nicht? Die eigene Position steht meist noch nicht fest.
  2. Die Offen-Interessierten
    Ihnen geht es um die Position des anderen: Wie denkt der oder die andere zu dem Thema, was sind seine oder ihre Argumente? Die eigene Position steht zwar meist schon fest, ist aber noch veränderbar.
  3. Die Meinungsverkünder
    Ihnen geht es darum, die eigene Position mitzuteilen: Das denke ich zu dem Thema, das sind meine Argumente! Die eigene Position steht meist schon unverrückbar fest.

Je nach Thema kann aber die Zugehörigkeit zu diesen Typen auch variieren. Je abstrakter und fremder ein Thema, desto eher kann ein Diskutant zum Wahrheitssucher werden. Je mehr sich ein Mensch bereits Gedanken zu einem Thema gemacht hat, desto eher wird er zum Meinungsverkünder werden. Dennoch gibt es in meinen Augen eine grundsätzliche, in der Persönlichkeit eines Menschen angelegte Nähe zu einem dieser Typen.

Kompliziert wird es zusätzlich dadurch, dass es in jeder Diskussion eine Sach- und eine Emotionsebene gibt. Eigentlich hat jede Position in einer Diskussion ihre Berechtigung, da sie eine persönliche Entstehungsgeschichte hat und meist unbewusst mit unhinterfragten Grundannahmen über das Wesen der Welt verknüpft ist. Wenn ich eine Position zu Flüchtlingen habe, dann habe ich eben nicht nur eine Position zu Flüchtlingen, sondern dann stehen im Hintergrund auch dazu passende Vorstellungen über die eigene Empathiefähigkeit, die eigene Mobilitätsbereitschaft oder das eigene Leistungsdenken. Auf diese sehr persönliche Ebene kann man in Diskussionen auch kommen – dies wäre das positive Ergebnis einer Diskussion unter Offen-Interessierten.

Meist jedoch kommt es nicht dazu. Je sendungsbewusster und missionarischer ein Diskussionsteilnehmer seine Position vertritt, je stärker er damit die Existenzberechtigung der sachlichen Position des Anderen in Frage stellt, desto eher wird ein verbitterter Pro-Contra-Streit auf einer pseudo-sachlichen Ebene beginnen, der eigentlich nur auf einer emotionalen Ebene beendet werden kann. Doch dafür fehlt leider oft der Rückzugsraum in öffentlichen Diskussionen.

Solche Konstellationen treten aber meist nur ein, wenn die unterschiedlichen Diskussions-Typen aufeinandertreffen: Meinungsverkünder können auf die anderen beiden Typen missionarisch und übergriffig wirken. Untereinander haben Meinungsverkünder da eher keine Probleme - ihre Meinung ist ja bereits fest gefügt. Sie diskutieren nach dem Motto: Jeder wirft seine Meinung in den Ring und wer es nicht tut, ist selber schuld! Daher verstehen sie auch das eher abwägende Diskutieren und das in ihren Augen pingelige Festbeißen an einem Thema der Wahrheitssucher nicht. Umgekehrt sind für Wahrheitssucher die Meinungsverkünder eher lästig, geht es doch nicht um die Meinung dieses einen Menschen, sondern um das Verstehen der Sache an sich. Offen-Interessierte und Meinungsverkünder ergänzen sich hingegen sehr gut, solange die Meinungsverkünder nicht zu missionarisch auftreten.

Zwei weitere Typen kamen bisher noch nicht vor - da sie eher passiv am Fortgang der Diskussion teilnehmen. Sie sollen hier aber der Vollständigkeit halber zum Abschluss auch noch erwähnt werden:

  1. Die Zuhörer(innen)
    Sie tragen nichts zur Diskussion bei und hören nur zu. Leider ist das oft die Rolle von Frauen in von Männern geprägten Diskussionen. Was sie bewegt, bleibt unklar. Möglicherweise der Gedanke, warum die Anderen sich alle so selbst produzieren müssen.
  2. Die Zyniker
    Nach dem Verkünder wohl bei Männern die zweitbeliebteste Form der Diskussionsbeteiligung. Sie trauen sich nicht ihre Meinung zum Thema offen zu sagen und weichen daher auf zynische, die Argumente der Anderen störende Einwürfe aus.

Machtlosigkeit und Schizophrenie

Ich ertrage die Berichterstattung über Griechenland nicht mehr. Ein Land wird in den Ruin geschickt, die Menschen in die Verarmung getrieben. Und das alles vor unseren Augen – in Europa! Einem Raum, der sich als aufgeklärt, als modern und zivilisiert versteht. Es ist nicht einmal ein Krieg, der all dies auslöst, es ist einfach nur eine Ideologie: Austerität. Es soll ein Exempel statuiert werden, dass niemand von dieser Doktrin abweicht. Es ist die Angst der Mächtigen in Europa, dass sonst überall in Europa alternative Ideen Raum bekommen könnten. Und Deutschland ist der wesentliche Antreiber dieser europäischen Katastrophe!

Im historischen Rückblick erscheint es oft einfach zu sagen, die Menschen in einer bestimmten Zeit z.B. im Nationalsozialismus waren verblendet. Die kriegstreibende Presse wird dann analysiert und die aufeinander aufbauenden Entwicklungen werden geschildert, die dann – wir wissen es ja schon – zur Katastrophe führen. Aber was, wenn man mittendrin ist in der Verblendung? Was kann man tun?

Es ist ja nicht so, dass die Griechen – wie damals die Juden – innerhalb Deutschlands ausgegrenzt und mit Verachtung behandelt würden. Unser Leben hier geht einfach unbeeinträchtigt weiter. In 2000 Kilometer Entfernung wird gehungert, weil unsere Regierung dies beschließt, aber ich gehe hier ins Schwimmbad oder Eisessen.

Diese unglaubliche Diskrepanz – zwischen den weit entfernten Auswirkungen politischer Entscheidungen und meinem persönlichen Alltag – ist bei vielen Entscheidungen der Politik der Fall, am deutlichsten wohl bei Kriegseinsätzen wie dem Kosovo-Krieg. Aber in der aktuellen Griechenland-Politik wird dies zumindest für mich so unglaublich offensichtlich: Die Toten, das Hungern und das Leiden, das ein Krieg auslöst, kann ich mir – so schrecklich es ist – real und plastisch vorstellen. Aber das Leiden, das aufgrund einer radikal durchgedrückten Ideologie durch die Regierung meines aufgeklärten Landes entsteht, ist für mich kaum vorstellbar – gerade weil es so grundlos ist.

Ich würde ja am liebsten auf die Straße gehen und für eine andere Europapolitik demonstrieren. Aber selbst in meinem studierten Umfeld ist es den Menschen entweder egal oder sie glauben sogar an die weitverbreitete mediale Erzählung der „guten Deutschen“ und der „bösen Griechen“. Wie sollte man da eine breite Mehrheit der Menschen erreichen?

Eine Mehrheit, die durch die entsolidarisierende Politik der letzten Jahrzehnte enorme Angst vor dem sozialen Abstieg bekommen hat und sich deshalb regelmäßig in die Wut auf imaginierte schmarotzende Personengruppen hineintreiben lässt. Lange Zeit waren das die Hartz-4-Empfänger, jetzt sind es außerdem die „faulen Griechen“ und die „kriminellen Flüchtlinge“.

Eine Mehrheit, die durch die vielen gleichgerichtet berichtenden Medien konstant desinformiert wird: Von Medien, die Live-Ticker zu den Griechenland Verhandlungen schalten – als sei der Untergang eines Landes und vielleicht sogar der europäischen Idee kommentierbar wie ein Fußballspiel. Von Medien, die die absurd falschen Sprechblasen von Politikern wieder und wieder unhinterfragt wiederholen, nur weil es zur herrschenden Erzählung der Rettung Griechenlands passt. Ich kann es nicht mehr hören und nicht mehr ertragen.

Vielleicht sollte ich einfach aufhören, kritische Artikel oder Seiten zu lesen und anfangen nur noch die Regierungserklärungen bzw. überregionalen Zeitungen zu studieren. Oder mich auf den beliebten „Das-versteht-doch-eh-keiner-mehr“-Standpunkt zurückziehen. Vielleicht kann ich so meine schizophrene Existenz zwischen dem, was in den Verhandlungen mit Griechenland „wirklich“ zu passieren scheint, und dem, wie es in Deutschland politisch wie medial dargestellt wird, endlich beenden.

Coolness revisited

Man sollte Coolness nicht mit Individualität verwechseln. Coolness ist eigentlich eine Form der Anpassung: In der Pubertät und in der Adoleszenz merkt man, dass es wichtig wird, cool zu sein. Daher lernt man die Formen des Coolseins und wird – je nach Fäghigkeit – Obercooler oder Mitläufer eines Obercoolen.

Doch mit der Zeit ändern sich die gesellschaftlichen Ansprüche: Für die arbeitende Bevölkerung hat Coolness keine Bedeutung mehr – andere Werte werden plötzlich wichtiger, wie Verlässlichkeit, Planbarkeit, Genauigkeit, Sicherheit, in einem Wort: Bürgerlichkeit. Das Interessante ist nun, dass der Coole genau zu diesem Zeitpunkt eine bürgerliche Existenz annehmen wird, die er früher eigentlich mit jeder Faser abgelehnt hätte. Der Coole ist jedoch den Anforderungen der Gesellschaft direkt ausgeliefert, da er ja auch zuvor schon nur das gemacht hatte, was implizit von ihm verlagt wurde. Individualität oder Eigensinn hat er durch das Coolsein nicht entwickeln können – so kann er nun auch nicht gegen die schlichten und verlockenden Werte des bürgerlichen Lebens aufbegehren.

Solche Excoolen umweht dann eine Aura der Restcoolness. Diese restcoole Fassade verbirgt oftmals noch lange die in der warmen Stube dahinter gelebte gutbürgerliche Existenz. Gelernte Form und gelebter Inhalt stimmen nicht mehr überein.

Insofern lohnt es nicht, das Coole zu bewundern, da es nur Anpassung verbirgt. Lieber sollte man Individualität bewundern, wenn man ihr begegnet. In der Schulzeit gibt es leider neben der Coolness nur wenig Raum dafür, aber nach der Schulzeit könnte man beginnen, Individualität zu entwickeln und auszuleben. Vielleicht kann man es sogar so zusammenfassen: Gerade wer nie cool war, hat immer noch die Chance, individuell zu werden.

Das Wetter von übermorgen und die neue Wetterreligion

Seit drei Tagen berichtet meine (eigentlich) liebste Wetterseite darüber, dass die Hitzewelle durch schwere Gewitter beendet werden wird. Nur: Da war noch gar keine Hitzewelle bei uns, die beendet werden könnte. Das Wetter von morgen scheint nicht mehr zu reichen („Es kommt eine Hitzewelle!“), man muss schon das Wetter von Übermorgen berichten!

Das hat ja auch konkrete Auswirkungen auf die Menschen. Viele sind mehr im Wetter von morgen, als im Wetter von heute: „Am Montag soll der schönste Tag des Jahres werden!“ Diese Verlagerung in die Zukunft könnte man natürlich auch positiv sehen: Wenn schlechtes Wetter ist, entstehen so Hoffnungsschimmer auf Besserung; wenn gutes Wetter ist, entsteht so eine Carpe-Diem-Stimmung. Aber meist ist es eher so, dass das schöne Wetter nur in der Zukunft stattfindet. Die Gegenwart ist immer zu warm, zu kalt, zu windig, zu regnerisch.

Hinzu kommt ein neues Phänomen: Die Wettervorhersage-Gläubigen. Die technische Verfeinerung der Wetterstatistiken und die Entwicklung des Regenradars haben zur Suggestion einer wissenschaftlich-wahren, objektiven Wettervorhersage geführt. Dies hat besonders bei technik-und statistik-affinen Männern zu einem tiefen, fast religiösen Glauben an die Vorhersagbarkeit des Wetters und insbesondere des Regens geführt. Der Regen wird dabei als das Böse definiert, als jenes Wetter, das man in jedem Fall vermeiden muss. Salbungsvoll wird deshalb auf die Verkündung der stundengenau berechneten Regenwahrscheinlichkeiten geschaut. Nur um dann zu sagen: „Ich kann da leider nicht kommen, um 17 Uhr ist Regen angesagt.“

Das Problem ist nur: Es wird eine Berechenbarkeit der Zukunft suggeriert, die in der Statistik gar nicht vorhanden ist. Zugegeben: Die Statistiken werden immer ausgefeilter. Aber es handelt sich immer noch um Wahrscheinlichkeiten! Wie sich das Wetter in einer bestimmten Region entwickelt, ist letztendlich von sehr vielen metereologischen und geografischen Faktoren abhängig. Da können die Modelle noch so gut sein, die zufälligen Einflüsse der Gegenwart können sie nicht vorhersehen.

Aber das ist möglicherweise auch ein Problem der mangelhaften Erfahrung im Umgang mit Statistiken. Eine Regenwahrscheinlichkeit von 70 Prozent sagt nichts darüber aus, wie lange und stark es regnet. Sie besagt nur, dass es mit 70 prozentiger Wahrscheinlichkeit einmal regnen könnte. Die Wettervorhersage-Gläubigen gehen jedoch davon aus, dass der ganze Tag verteufelt sein wird. Und eine Höchsttemperatur besagt nicht, dass es wirklich am Tag so heiß wird. Die tatsächliche Temperatur hängt von vielen regionalen Faktoren ab. Die meisten Menschen ziehen sich jedoch so an, als ob diese Temperatur auf jeden Fall erreicht werden würde.

Die Unerschütterlichkeit des Glaubens an die Vorhersagbarkeit des Wetters ist es, was diese Bewegung zu einer Quasi-Religion macht. Wetterszenarien, die sich im Laufe von ein paar Tagen grundlegend verändern, oder regelmäßige Regen-Fehlprognosen, die eigentlich auf eine geringe Aussagekraft von Vorhersagen hindeuten, schaden diesem Glauben nicht, sondern scheinen ihn sogar noch zu verstärken. Denn eigentlich ist keine andere Prognose so oft so falsch wie die Wetterprognose. Dagegen sind die Wirtschaftsweisen wahre Hellseher.

Mein Plädoyer wäre daher, ganz anachronistisch: Sich auf das gegenwärtige Wetter einlassen, nicht das Wetter der Zukunft leben. Für die Zukunft reicht es meist aus, den Himmel zu beobachten – das Wetter ändert sich nur selten sehr schnell. Vielleicht sollte es in der Schule auch ein neues Fach geben: Wetterdeutungskunde. Oder zumindest: Statistik für Anfänger.

Vor “unserer” Zeitrechnung

Im Studentenleben lautete die einfache Rechnung, um die „Zeit für sich“ zu bestimmen, wie folgt:

Zeit für sich = Gesamtzeit - Zeit für (wechselnde) Beziehungen - Zeit für Freunde - Zeit fürs Studium (- Zeit für Lebenserhaltung/Haushalt)
(Werte in Klammern sind fakultativ einzubeziehen)

Mit dem Eintritt in eine Familie und dem Start ins Arbeitsleben beginnt eine neue Zeitrechnung. Die gesamte Rechnung ändert sich für mindestens 6 Jahre wie folgt:

Gesamtzeit - Zeit für Arbeit - Zeit für den Nachwuchs - Zeit für Lebenserhaltung/Haushalt (- Zeit für die Beziehung) (- Zeit für Freunde) (= Zeit für sich)
(Werte in Klammern sind fakultativ einzubeziehen)

Insofern bekommen die Formulierungen “Vor ‘unserer’ Zeitrechnung” und “Nach ‘unserer’ Zeitrechnung” im Familienkontext eine ganz neue Bedeutung.

Das Subway-Prinzip. Der Kunde als Koch

Die freie Wahl zu haben, überfordert mich. Das merke ich immer, wenn ich zu Subway gehe. Das Subway-Versprechen ist, dass man das perfekte, nach eigenen Wünschen zusammengestellte Sandwich bekommt. Aber zwanzig verschiedene Zutaten, fünf verschiedene Brotsorten, drei verschiedene Käse, und das alles in fünf oder sechs aufeinander aufbauenden Auswahlschritten – das ist mir einfach zu viel für ein Sandwich.

Dieses (nicht mehr sehr neue) Subway-Auswahl-Prinzip stellt in meinen Augen auch die Logik der Gastronomie auf den Kopf. Früher hat der Koch ein Gericht aus Zutaten kreiert, die er in dieser Kombination für wohlschmeckend hält, oder er hat Rezepte gekocht, die Jahrhunderte lang tradiert wurden. Der Gast hatte dann die Wahl zwischen diesen kreierten und sinnvoll kombinierten Gerichten. Entweder der Koch hatte gut gekocht oder nicht – die Verantwortung für ein schlechtes Geschmackserlebnis lag ganz eindeutig beim Koch.

Subway kehrt dieses Prinzip um: Die Verantwortung für ein schlechtes Geschmackserlebnis liegt beim Kunden – er hat eben die falsche Kombination an Zutaten gewählt! Selbst schuld, wenn er nicht weiß, dass die Kombination aus Brot 1, mit Käse 2, mit Zutat 3 und 4 überzogen mit Soße 5 nicht schmeckt! Der Kunde wird hier zum Koch. Dabei sind die meisten Kunden in Geschmacks- und Kombinationsfragen ja eigentlich ungelernt – sie kennen nur ihre eigenen, individuellen Vorlieben und nur wenigen gelingt es, aus diesen Vorlieben gute Kombinationsmöglichkeiten zu entwickeln.

Um die Bedeutung dieser Umkehrung zu verstehen, muss man sich nur vorstellen, wie dieses Prinzip in einer Cocktail-Bar wäre: Bitte wählen Sie zunächst das Glas für Ihren Drink! Soll er alkoholisch sein? Wieviele verschiedene Spirituosen soll er enthalten? Welche Spirituosen und in welcher Menge? Mit Eiweiß oder ohne? Geschüttelt oder gerührt?

Natürlich ist der geschmackliche Unterschied, den zwei Weinbrandsorten in einem Cocktail bedeuten, nicht so leicht vorstellbar, wie der Unterschied den Peperoni oder Mais auf einem Sandwich-Brot bedeuten. Das Subway-Prinzip funktioniert daher nur bei der Kombination von Zutaten, die aus dem Alltag vertraut sind – so beispielsweise auch in Frozen-Yoghurt-Läden, in denen man zwischen Früchten, Nüssen und Schokoladen wählen kann. Aber das Prinzip hält immer mehr Einzug: Immer häufiger kann ein Bestandteil des Essens oder Trinkens selbst gewählt werden – sei es das Topping bei Cupcakes oder der Flavour beim Kaffee.

Subway bildet hier nämlich nur die Speerspitze einer notwendigen, gesellschaftlichen Bewegung: Warum sollte man das wichtigste, gesellschaftliche Prinzip, die Individualität, nicht auch beim Essen ernst nehmen? Warum muss man sich noch der Macht der Köche unterwerfen und ihre vorgefertigten Portionen essen? Wie kann etwas, das jeder Depp bestellen kann, zu meinem einzigartigen Ich passen?

Das was früher nur Stammkunden in wenigen Lokalen vorbehalten war, können nun alle haben: Jeder hat in jedem Restaurant seine eigenen Gerichte! Das Handy kann hier, wie so oft, der Schlüssel zur Individualität sein. Wenn ich also mit meinem Handy demnächst die Subway-Filiale betrete, wird mein bisheriges Profil automatisch an Subway übermittelt und ich bekomme das Sandwich, das ich von meinen früheren, gespeicherten Bestellungen am besten bewertet hatte.

Das kann allerdings nur eine Übergangslösung sein: Später, wenn ich mein gesamtes Essverhalten in meinem Handy protokolliere und bewerte, wird Subway nicht mehr auf bisherige Bestellungen angewiesen sein, sondern aus meinem Essensprofil mein individuelles Sandwich erstellen. Dazu braucht es dann auch keine Angestellten mehr. Das beendet auch die wirklich tragische Existenz der Subway-Angestellten, die wie Sisyphos im Minutentakt jedem Kunden neu das überfordernde Bestellprinzip erklären müssen.

Die Blender. Oder: Warum ich den größten Bauscheinwerfer habe!

Bei Fahrradlampen hat die Unbremsbarkeit des technisch Machbaren unerbittlich zugeschlagen. Nachdem etwa 100 Jahre lang der Dynamo ebenso zuverlässiger wie langweiliger Standard war und die Glühlampe den einzigen reparaturanfälligen Bestandteil bildete, hat nun die Verbauchsstoffindustrie erbarmungslos zurückgeschlagen: Die ansteckbare, batteriebetriebene LED-Lampe breitet sich seit langem aus. Unklar ist, was der Vorteil dieser Lampen ist. Das ständige An- und Abstecken der Lampe samt wöchentlicher Vergessensgarantie? Das regelmäßige Aufladen oder Batterietauschen? Oder doch die flutlichtartige Beleuchtung der nächsten 100 Meter?

Wahrscheinlich ist es das letztere. Das ist auch der Punkt, der mich aufregt. Ich dachte immer, es ginge beim Fahrradlicht darum, dass ich die Straße vor mir sehe und die Autofahrer mich sehen – „Sehen und Gesehen Werden“. Aber wieso braucht man heute so starke Scheinwerfer, dass man Autos und Fahrräder verwechseln kann? Ist es Teil eines verkehrstechnischen Wettrüstens Fahrräder gegen Autos? Ist es das physikalische Unwissen über die Streuung von Licht, dass man andere nicht (!) direkt blenden muss, um von ihnen gesehen zu werden? Oder geht es dabei doch um männliche Selbstverwirklichung? Vielleicht ist Licht mit großer Reichweite in der Dunkelheit ein klassischer Männertraum nach dem Motto „Ich habe den hellsten“ oder „Ich strahle am weitesten“.

Ist in diesem Bereich eigentlich irgendwas verboten? Scheinbar ist in der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung kein Blendwinkel des Lichts vorgeschrieben und keine Maximalleuchtkraft angegeben. Ich könnte also mein Fahrradlicht auch in den Himmel richten oder mir einen Bauscheinwerfer ans Rad montieren. Schade nur, dass die meisten noch steckdosen-abhängig sind. Aber bestimmt gibt es bald auch portable, mit 20 Monozellen betriebene LED-Bauscheinwerfer – die praktische Kombination zum Bauen bei Dunkelheit und zum Anstecken ans Fahrrad.

Leben light. Richtiges Essen für die ewige Gesundheit

Was früher auf das hohe Alter beschränkt war, hat sich mittlerweile bis in die früheste Kindheit verlagert: Der Diskurs um die richtige Ernährung und um die eigene Gesundheit. Ein Beispiel: Neulich erzählte mir ein Freund, dass er sich seit einer Woche endlich eines seiner Lieblingsgerichte machen wollte: Spaghetti mit Tomatensoße und angebratenen Salamiwürfeln. Darauf erklärte ihm eine Freundin: „Gebratene Salamiwürfel erzeugen aber Krebs!“

Zu jedem Lebensmittel gibt es mittlerweile Wissen, ob und wie es gegessen werden sollte, womit es kombiniert werden darf und was es wann bewirkt. Essen ist zu einer Form der permanenten Selbstkontrolle und -optimierung geworden. Man fragt sich: Ist das, was ich gerade esse gesund, sollte ich nicht lieber etwas noch gesünderes essen?

Doch weshalb macht man das eigentlich? Vielleicht ist das ja nur die konsequente Reaktion auf die Zustände in der Lebensmittelindustrie: Wenn dort um Geld zu sparen und mehr Gewinn zu machen, immer mehr unnatürliche Zusatzstoffe zugesetzt werden, wenn Fleisch immer schneller und tierverachtender erzeugt wird, wenn schnellwachsendes, inhaltsleeres Obst und Gemüse gezüchtet wird, wenn immer mehr abhängig machender Zucker in die Lebensmittel kommt. Dieses latent vorhandene Wissen über Lebensmittelkonzerne befördert die Skepsis gegenüber Lebensmitteln.

Zusätzlich wird sie auch noch wissenschaftlich „unterfüttert“: Das Ernährunsverhalten ist in den letzten Jahrzehnten in den Fokus von aufstrebenden, studienhungrigen Wissenschaftszweigen geraten. Die Medizin wollte mit der Evidenzbasierten Medizin nicht mehr nur Anwendungswissenschaft nach dem unwissenschaftlichen Motto „Wer heilt, hat recht“ sein; die Psychologie wollte sich mit der durch Studien kontrollierbaren Verhaltenstherapie von ihrer bisherigen Ausrichtung auf Freud und dessen eher künstlerische und unüberprüfbare Tiefenpsychologie lösen; die Ernährungswissenschaft wurde in den 60er Jahren erst entwickelt und musste sich dementsprechend erst einmal empirisch beweisen. Studien zeigen daher, welche Lebensmittel Krebs erzeugen oder fett machen, welches Essverhalten gesund und welches gestört ist, wann ich was essen muss, damit mein Körper es abbauen kann.

Doch weshalb lassen sich Menschen eigentlich auf diese Risiko- und Wissenschaftsdiskurse über ihr Essen ein und übernehmen sie in Form einer permanenten Essens-Selbstkontrolle in ihren Alltag? Offensichtlich stehen dahinter (mittlerweile) auch wirtschaftliche Interessen einer ganzen Industrie, die versucht, die Essens-Verunsicherung der Menschen mit Bio-Produkten zu lindern. Aber welches Menschenbild steckt eigentlich dahinter? Wofür kontrolliert man eigentlich sein Essen?

Es geht um die eigene Gesundheit in der Zukunft, nicht in der Gegenwart. Wenn ich heute etwas esse, was Krebs erzeugen könnte, werde ich irgendwann an Krebs sterben. Ich will aber in der Zukunft auch gesund sein und mein Leben genießen können! Deshalb muss ich jetzt schon vorsorgen und mir Gedanken darüber machen, wie ich möglichen Krankheiten der Zukunft vorbeugen kann. Es geht um die Kontrollierbarkeit der eigentlich unkontrollierbaren Zukunft und damit letzten Endes auch um die Angst vor dem eigenen Tod. Wenn ich mich nur richtig verhalte, werde ich nicht früh sterben, sondern lange leben.

Aber was wird dabei aus der Gegenwart? Was ist das für ein abgespecktes Jetzt-Leben, ein „Leben light“, das nur auf den Lebenserhalt in der Zukunft ausgerichtet ist? Ist das gute Leben nur ein Leben in der Zukunft? Und: Wird man denn in der Zukunft sich weniger selbst kontrollieren, seine Ernährung weniger optimieren? Vielleicht ist das der größte Trugschluss an dieser Denkweise: Dass dieses ängstliche, zukunftsbezogene Verhalten im Alter geringer werden würde – es wird nur noch mehr. Mit der zunehmenden Angst vor Krankheiten steigen auch die Hoffnungen auf die prophylaktische Wirkung des richtigen Verhaltens. Man spart für etwas, was man eh nicht genießen können wird.

Für puren Hedonismus will ich damit nicht plädieren, sondern nur für ein Sich-nicht-verrückt-machen-Lassen. Es gibt sicherlich auch nachweisbare Zusammenhänge, beispielsweise zwischen dem Essen von Zucker und der Entstehung von Diabetes. Nur ist all dieses Wissen wenig individualisiert, es sind generelle Zusammenhänge. Jeder Mensch sollte ein Sensorium für seinen eigenen Körper entwickeln, sollte lernen, wie welches Essen bei ihm wirkt – und zwar im Jetzt, nicht in einer fernen unbestimmbaren Zukunft.

Was bringt es dir, immer das Richtige gegessen zu haben, wenn du dann mit 50 vom Auto überfahren wirst? Vielleicht solltest du dann sicherheitshalber auch nicht mehr rausgehen…

Aufgeblasene Säue

Ich halte mich eigentlich für einen politisch interessierten und informierten Menschen. Nachdem ich das politische Tagesgeschäft lange tagesaktuell verfolgt habe, bin ich mittlerweile aber müde geworden, jede Sau, die durchs Dorf getrieben wird, zu kennen und eine Meinung dazu zu haben. Es reicht mir, die grundsätzlichen Antreiber, die dahinterliegenden Gründe des Treibens und die häufigsten Trieb-Wege zu kennen. Da muss ich nicht mehr jede einzelne Sau kennen.

Aber dennoch werde ich immer wieder auf Einzelsäue angesprochen. Dabei merke ich, dass das Tempo des Treibens immer größer wird. Wenn man drei Tage lang keine Nachrichten gesehen hat, hat man den größten und wichtigsten Aufreger schon verpasst. Früher haben sich Themen langsamer entwickelt, es wurde länger darüber berichtet und man konnte sich langsam eine Meinung bilden. Heute fallen das Aufkommen eines Themas und die Meinungsbildung zu ebendiesem Thema fast in die Zeitspanne eines Tages.

Um im Bild zu bleiben: Es werden immer kleinere Säue medial immer größer aufgeblasen. Und dann werden sie – angetrieben von der ausweichenden Luft – durchs Dorf geschossen. Bis sie nach drei Tagen wieder ganz klein sind und die nächste Sau zum Aufblasen bereit steht.

Solange die Menschen den Säuen staunend hinterherschauen und dem Treiben mit ihren Meinungen hinterherhecheln, werden sie nicht fragen, was das Ganze soll und schon gar nicht, wer davon eigentlich profitiert. Dazu bleibt ja keine Zeit – man muss doch informiert sein…

„Und da kommt auch schon wieder die nächste Sau! So was hat’s noch nicht gegeben!“

… oder aber man steigt aus der medialen, dörflichen Erregungsgemeinschaft aus und wird entweder zum Politik- und Medienverächter oder gleich ganz apolitisch…

„Aber schau doch, was für eine Sau! Oh, was für ein Skandal!“

…was aber eigentlich traurig ist, weil doch – so pathetisch es klingen mag – die Gestaltung unserer Gesellschaft uns alle angeht.

„Sag mal, was hältst du eigentlich von dieser unglaublichen Sau?“

Die Relativität des Warmduschens und der 100km/h

Jeder Mensch ist anders – das sagt sich leicht. Im Alltag tendiert man – wohl halb aus Selbstüberschätzung, halb aus Faulheit – eher dazu, in anderen Menschen doch einfach nur Kopien von sich selbst zu sehen. Mühsam muss man sich dann – besonders bei Konflikten – die Möglichkeit der Differenz in Erinnerung rufen.

Dabei gibt es eigentlich einen glasklaren Indikator von Differenz: Die Relativität des Warmduschens! Es ist individuell so verschieden, unter welchen Temperaturen sich Menschen unter einer Dusche wohlfühlen, ja welche Hitze einige Körper aushalten. Wer dieses simple Beispiel einmal verinnerlicht und dann verallgemeinert hat, wird nie mehr in den narzisstischen Urzustand zurückfallen. Immer wenn Menschen andere Dinge sehen, immer wenn sie Dinge sagen, die man nicht versteht, immer wenn sie scheinbar Streit suchen, immer dann kann man an die Dusche denken und sich vorstellen, wie heiß oder kalt dieser Mensch wohl duschen wird.

Notfalls kann man auch, falls dieser Differenz-Indikator zu intim sein sollte, auf die „Relativität der 100 km/h“ zurückgreifen: Wer jemals auf einer Landstraße hinter einem Rentner hergefahren ist, weiß, wie unterschiedlich das Tempolimit ausgelegt werden kann! Denn genau wie die Unterschiedlichkeit des körperlichen Wärmeempfindens unter der Dusche sichtbar wird, wird dort die Differenz des Sicherheitsempfindens beim Autofahren deutlich. Der Rentner fühlt sich eben bei 80 km/h sicher.

Wenn man beide Indikatoren allerdings gegenüberstellt, werden schnell auch die Grenzen des Verständnisses für Andersartigkeit deutlich: Im Straßenverkehr wird man durch das Sicherheitsgefühl von Menschen ausgebremst, deren Wärmeempfinden unter Duschen man glücklicherweise nie kennenlernen wird.

Unter billigen Kopien

Wenn ich junge Studenten sehe, sehe ich oft nur noch jüngere Ausgaben von damaligen Bekannten – nur dass diese jetzt nicht mehr Christian, Matthias oder Alexander heißen, sondern Lukas, Malte und Max. Obwohl also der hippe und coole Alexander mit mir gealtert ist, mittlerweile Kinder hat und langsam konservativ geworden ist, sehe ich ihn nun als hippen und coolen Max wieder auf der Straße und bei Veranstaltungen.

Solche Begegnungen lösen merkwürdige Gefühle in mir aus: Ich schaue die Leute dann lange an, meist viel zu lange, weil ich ebenso fasziniert wie irritiert bin von der Ähnlichkeit – und frage mich, ob ihr Leben wohl auch so laufen wird, wie das der Leute, die ich kenne. Vielleicht erklärt das die merkwürdigen Blicke von manchen älteren Menschen. Vielleicht erklärt das auch, warum es auf den meisten Veranstaltungen kaum Altersdurchmischungen gibt. Wer will schon mit seinem gealterten Ich eine Reise in die Zeit des Studiums machen und von Kopien seiner damaligen jungen Freunde umgeben sein?

Es ist auch irritierend, dass sich Typen scheinbar immer wiederholen! Manchmal, wenn ich doch wieder in einer Veranstaltung mit den jugendlichen Kopien meiner damaligen Freunde sitze, stelle ich mir vor, wie ich plötzlich aufspringe und schreie: „Stoppt das Ganze! Ihr seid doch alles bloß billige Kopien! Ihr denkt, das ist euer Leben – aber das wurde doch alles schon vor 10 Jahren einmal genau so gelebt! Du! Ja, genau du mit dem Bart, den wuscheligen Haaren und dem traurigen Blick! Wie wär’s mal mit einer eigenen Frisur – das hatte vor 10 Jahren schon Christian W. Denk dir doch mal was Eigenes aus! Und du, …“

Ja, das werde ich machen. Und dann werden sie mich auslachen. Oder jemand noch Älteres wird aufspringen und rufen: „Wie originell! Du bist doch auch nur eine billige Kopie! Ich hatte einen Freund, der sah genauso aus wie du und hat das Gleiche schon vor 20 Jahren gerufen!“

Der Zuschauertext. Wenn jeder Gedanke ein Gedanke zu viel ist

Man kann die Qualität von Filmen daran erkennen, wie sie ihre Hauptfiguren vorstellen und einführen. Das kann ganz kunstvoll und über Umwege geschehen, oder aber über einen Weg, den ich den Zuschauertext nenne und der sich immer weiter ausbreitet. Dann sprechen die Figuren Sätze nur, um dem Zuschauer etwas klarzumachen – damit auch der dümmste versteht, worum es gerade geht. Beispielsweise wird erklärt, welche Verbindung die beiden gezeigten Personen zueinander haben oder welche Vorgeschichte sie haben. Ein fiktives Beispiel: „Hallo Schwesterherz, schön dich zu sehen. Nach dem Tod unseres Vaters haben wir uns ja drei Jahre nicht mehr gesehen. Schön, dass du da bist.“

Niemand würde so miteinander sprechen. Menschen haben in ihrer Welt geteiltes Wissen, weil sie einen geteilten Alltag oder eine geteilte Vergangenheit haben. Sie müssen zwangsläufig unverständlich für einen Fremden sprechen, wie das der Zuschauer ist. Die Kunst des Films, so er sich denn an Realität messen lassen soll, ist es, den Zuschauer in die Realität der handelnden Personen zu bringen, ohne diese aus der Realität mit solchem Text aussteigen zu lassen.

Das setzt beim Zuschauer die Fähigkeit voraus, logische Schlüsse ziehen zu können, oder besser: Situationen, die er sieht, entweder vor dem Hintergrund des bisher Gesehenen oder mit Hilfe seines Weltwissens einordnen zu können. Zuschauertext geht davon aus, dass der Zuschauer genau dies nicht kann und blind an der Hand des Regisseurs durch den Film geführt werden muss.

Warum trauen sich die Drehbuchschreiber und Regisseure nicht mehr, ihrem Publikum einen einfachen logischen Schluss zuzumuten? Wie kommt es, dass diese Entmündigung des Zuschauers zunimmt? Geht den vereinzelten Menschen die empathie-erfordernde Fähigkeit verloren, Situationen mit anderen Menschen zu sehen und sie einzuordnen?

Oder haben sich die Wahrnehmungsweisen des Mediums Film so verändert, dass die Zuschauer nur noch einfach konsumierbare Kost erwarten: Jeder selbst zu denkende Gedanke ist ein Gedanke zu viel. Sie sollen in den Bann des Films und seiner vorangetriebenen Handlung gezogen werden und nicht durch Nachdenken über die letzten Sätze oder die Figurenkonstellation abgelenkt werden. Scheinbar dürfen die Zuschauer nicht mehr im Filmkonsum irritiert werden. Oder nur noch da, wo es unmissverständlich und explizit drauf geschrieben wurde: Bei Lars-von-Trier-Filmen beispielsweise.

Neben dieser Zunahme von Zuschauertext, gibt es aber auch einen filmerischen Gegenentwurf: Die Andeutung, dass die Figuren im Film eine Welt jenseits des Films haben. Die wichtigsten Handlungsstränge und Motive sollten schon auserzählt werden, aber daneben finde ich es unglaublich spannend, wenn Filme damit spielen, dass sie nicht ihre ganze Realität abbilden. Woody Allen hatte das beispielsweise in „Vicky Christina Barcelona“ par excellence durch einen Erzähler vorführen lassen.

Die Figuren werden nicht durch einen unnatürlichen Text für den Zuschauer aus ihrer eigentlichen Realität geworfen, sondern dürfen in ihrer eigenen Realität bleiben und sogar noch Geheimnisse vor dem Zuschauer haben.

Esoterik-Mütter, Wende-Eltern und Gott. Über Selbstironie und absolute Werte

Ein Freund erklärte mir einmal, was das Schlimmste für ihn am Waldorfschul-Milieu sei. Er war dort mehr oder weniger unfreiwillig hineingeworfen worden, weil seine Frau seine Kinder dorthin geschickt hatte. Das Schlimmste seien die Esoterik-Mütter! Aber nicht weil sie so esoterisch seien, sondern weil sie in ihrem spirituell aufgeladenen Vorstellungen und Ritualen keinerlei Fähigkeit zur Selbstironie hätten.

Das fand ich eine schöne Charakterisierung. Selbstironie bedeutet eine gewisse Distanz zu sich und seinen eigenen Ansichten zu haben. Wer das nicht kann, wird versuchen andere Menschen mit anderen Wertvorstellungen entweder zum richtigen Glauben zu missionieren oder zumindest ihre Ansichten für unterentwickelt zu halten. Insofern wäre die Fähigkeit zur Selbstironie eine wichtige Voraussetzung für gegenseitiges Verständnis.

Die Fähigkeit zur Selbstironie ist aber auch eine Frage der eigenen Erfahrung: Habe ich ein relatives oder ein absolutes Wertesystem erfahren? Ein Freund meinte dazu einmal, dass gerade auch die Wende hier von entscheidender Bedeutung gewesen sein könnte.

Dazu muss ich zunächst einen kurzen Exkurs machen: In den meisten Betrachtungen der 30- bis 40-Jährigen zum Mauerfall, die ich gelesen habe, kam nur die eigene Erfahrung vor. Das Motto war stets: „Ich habe die Wende und die DDR kaum erlebt, als wurde ich davon nicht geprägt.“ Alles wird auf die eigene Erfahrung zurückbezogen. Was in meinen Augen jedoch viel stärker wiegt: Die Erfahrung, die die eigenen Eltern in dieser Situation gemacht haben – dies hat man als Kind oder Jugendlicher ja miterlebt. Und für die meisten Eltern führte die Wende zu großer Verunsicherung. Das alte Wertesystem, an das man mehr oder weniger geglaubt hatte, wurde fast über Nacht falsch und ungültig. Was waren die neuen Werte? Woran orientierte man sich?

In dieser Situation ist es wahrscheinlich, dass man als Kind ein Wertesystem als austauschbar und relativ erfährt. Es ist nichts, an dem man mit absoluter Sicherheit festhalten sollte. Wer jedoch in einem unveränderten Wertekosmos wie beispielsweise im tiefsten Schwarzwald groß geworden ist, für den ist es in meinen Augen schon wahrscheinlicher, dass er absolute Grundüberzeugungen hat und absolute Werte vertritt. Das Relative kann dann nur durch die Abgrenzung von den eigenen Eltern, beispielsweise in der jugendlichen Rebellionsphase, entstehen. Das ist allerdings eine Phase, in der man eigentlich auch eher zu absoluten Wahrheiten neigt.

Es ist aber nicht nur eine Frage der vergangenen Erfahrungen, sondern auch der gegenwärtigen Bedürfnisse: Wer sucht, will finden. Der absolute Glaube erscheint als die Oase in der Wüste der Sinnsuche – auch wenn sie nur eine Fata Morgana ist. Gerade das Wissen, das man eigentlich ein Suchender ist, ist die wichtigste Voraussetzung zur Bewahrung von Selbstdistanz.

Bertolt Brecht hat dies einmal in der Geschichte „Die Frage, ob es einen Gott gibt“ schön beschrieben: „Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: ‚Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so behilflich sein, daß ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.‘“

Einen Gott zu brauchen – das ist der Einstieg in den absoluten Wertekosmos. Und je mehr man sich dann in den Kosmos der absolut Gläubigen hinein begibt, desto weniger wird man das Relative noch sehen und die Fähigkeit zur Selbstironie bewahren. Man braucht Menschen außerhalb dieses absoluten Wertekosmos, mit denen man noch die gleiche Sprache spricht (das ist nicht selbstverständlich) und mit denen man über die, in verschiedenen Universen erlebten, aber dennoch ähnlichen Erfahrungen sprechen kann.

Aber das ist auch selten. Wer will sich schon, wenn er etwas gefunden hat, wieder in Frage stellen lassen. Vielleicht umgeben wir uns ja insgeheim nur mit Menschen, die unser Weltbild sowieso bestätigen. Auch deshalb gibt es, nicht nur im Umfeld von Waldorfschulen, einen eklatanten Mangel an Selbstironie.

Gleichzeitig gibt es in unserer Gesellschaft aber auch das andere Extrem: Ein Zuviel an Selbstironie, das jede Position so wirken lässt, als hätte sie keine Verbindung zur sprechenden Person und sei willkürlich austauschbar. Gerade diese Form von übersteuerter Ironie, hinter der sich meist nur Positionslosikgkeit und Unsicherheit verstecken, ist hier nicht gemeint: Selbstironie zeigt vielmehr an, dass man eine Position gewonnen hat, die man ironisieren kann, aber die dennoch bestehen bleiben wird. Erst wenn eine Position innerlich gefestigt ist, wird man sie irgendwann auch ironisieren können.

Das ist wohl die Kunst: Seine absoluten Positionen mit relativer Ironie sehen zu können. An den Punkten, an denen man das nicht kann, da rutscht man leicht ins Absolute und Dogmatische.

P.S.: Dummerweise stelle ich grade, während ich dies schreibe, fest, dass ich auch in einigen Bereichen zum Dogmatischen tendiere: Zum Beispiel bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Aber warum sollte ich dort ironisch sein? Das sind doch ernsthafte Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft!

Verdammtes Bloggeschreibsel, stimmt doch alles gar nicht!

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